"Das Thema Organspende hat bei uns keine Lobby"

Transplantationsexperte Martin Kalus über politische Versäumnisse.

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Leonberg. Der 47-jährige Martin Kalus ist der Koordinator des Transplantationszentrums am Stuttgarter Katharinenhospital. Derzeit wirbt er in den Städten und Gemeinden der Region für sein Thema. Mit Martin Kalus hat sich Daniel Renkonen über die Chancen und Probleme der Transplantationsmedizin unterhalten.
Herr Kalus, was darf man sich unter einem Transplantationskoordinator vorstellen?
Er arbeitet im Transplantationszentrum und ist der Ansprechpartner für alle Patienten mit Transplantationswunsch. Das sind bei uns im Haus vor allem Dialysepatienten. Sie müssen sich, vor Aufnahme auf die Warteliste, zunächst einer ganzen Reihe von Voruntersuchungen unterziehen. Wird dabei festgestellt, dass eine Organtransplantation mit zu hohen Risiken verbunden wäre und die Erfolgsaussichten schlecht, raten wir den Patienten von einer Operation ab.

Wie viele Patienten warten auf ein Organ?

Es gibt in Deutschland derzeit über 60 000 Patienten, die in der Regel dreimal pro Woche zur Dialyse gehen. Diese Behandlung ist sehr teuer. Die Kosten für die Kassen pro Jahr und Patient liegen bei 30 000 Euro. Eine Transplantation kostet dagegen nur einmalig etwa 28 000 Euro. Von den 60 000 Dialysepatienten standen Ende vergangenen Jahres 7916 bei Eurotransplant auf der Warteliste.
Welche Aufgaben hat Eurotransplant?
Eurotransplant ist eine gemeinnützige Organisation und vermittelt und koordiniert den internationalen Austausch von Spenderorganen. Sie wurde 1967 in Holland gegründet und umfasst die Beneluxstaaten, Deutschland und Österreich. Slowenien und Kroatien folgten später. Dieser Länderverbund hat 124 Millionen Einwohner, wodurch sich die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Gewebemerkmale gefunden werden, die mit einem der wartenden Organempfänger übereinstimmen. Ein anderer Aspekt sind die Distanzen: Ein entnommenes Herz muss innerhalb von vier Stunden wieder schlagen.
Wieso ausgerechnet innerhalb von vier Stunden?
Nach der Organentnahme beginnt der Zellzerfall. Eine Lunge sollte nicht länger als zehn Stunden, eine Niere maximal 20 bis 30 Stunden gekühlt werden. Je kürzer die Kühlungs- und Transportzeiten, desto besser. Bei einer Transplantation muss es möglichst schnell gehen. Daher ist der Langzeiterfolg bei einer Lebendnierenspende am größten, weil die Übertragung in benachbarten Operationssälen stattfindet und die Kühlungszeit bei 20 bis 30 Minuten liegt.
Das klingt alles so einfach. Nur jetzt erklären Sie dem medizinischen Laien bitte einmal, wie eine Transplantation abläuft?
Bei uns am Katharinenhospital werden ausschließlich Nierentransplantationen vorgenommen. Dafür liegt uns eine Genehmigung vom Sozialministerium vor. Eine Nierentransplantation gilt bei unseren Operateuren als mittelgroße Operation und ist schon lange nicht mehr so spektakulär. Der gesamte Eingriff dauert zwei bis zweieinhalb Stunden.
Wie groß sind die Erfolgsaussichten solcher Transplantationen?
In 93 von 100 Fällen gibt es keine operativen Probleme. Drei Viertel aller im Jahr 2006 transplantierten Nieren nahmen im OP-Saal bereits ihre Funktion auf. In den wenigsten Fällen muss eine Revision erfolgen. Nur extrem selten kommt es vor, dass der Körper das neue Organ sofort abstößt. Eine Abstoßungsreaktion kann mit Hilfe von Gewebeproben in der Regel sehr schnell festgestellt und entsprechend gegengesteuert werden. Ich kann mich noch gut an unseren ersten Dialysepatienten erinnern, dem wir 1986 ein Spenderorgan eingesetzt haben. Die Niere war fast 20 Jahre funktionstüchtig. Im Frühjahr musste der Patient wieder zur Dialyse.
Wie viele Nieren sind seitdem in Stuttgart verpflanzt worden?
Wir haben seit unserem ersten Eingriff 1035 Spendernieren eingepflanzt. Davon stammten 181 Organe von lebenden Spendern.
Sie sind mehr denn je auf Organspender angewiesen. Doch die Deutschen und insbesondere die Baden-Württemberger gelten im EU-Vergleich als Spendermuffel. Woran liegt das?
Es stimmt, dass wir dringend mehr Organspenden benötigen. Ein Dialysepatient muss in Deutschland fünf bis sieben Jahre auf ein neues Organ warten. Die lange Wartezeit führt dazu, dass sich der Gesundheitszustand bis zur Verpflanzung häufig schon verschlechtert hat. Bundesweit verzeichnen wir im Schnitt 16 Organspenden auf eine Million Einwohner. In Spanien sind es 34 Spenden. In Österreich und Belgien müssen Patienten durchschnittlich nur ein bis zwei Jahre auf ein neues Organ warten.
Wie ist der krasse Unterschied zu erklären?
Keiner unserer Politiker interessiert sich für dieses so wichtige Thema. Transplantation und Organspenden haben hierzulande keine Lobby. Man bleibt in Deutschland bei der erweiterten Zustimmungslösung. Das heißt, wenn bei einem Menschen der Hirntod diagnostiziert wird, werden die Angehörigen befragt, ob der Verstorbene nach seinem Tod mit einer Organspende einverstanden gewesen wäre. Doch darüber haben sie mit ihm in den meisten Fällen gar nicht gesprochen. Eine Organentnahme ist nur bei einer Zustimmung durch die Angehörigen erlaubt. In Ländern wie Österreich und Belgien ist das anders. Hier haben die Regierungen die Widerspruchsregelung eingeführt. Das heißt, die Betroffenen müssen zu Lebzeiten einer Organentnahme ausdrücklich widersprechen. Doch für solch eine Regelung sehe ich bei uns keine Chance.
Was müsste dann passieren, um mehr Menschen zum Organspenden zu animieren?
Wir brauchen großangelegte Aufklärungskampagnen. So wie damals beim Thema Aids, als die Bundeszentrale für politische Bildung eine Kampagne im deutschen Fernsehen gestartet hat. Eine Sendeminute kostet jedoch viel Geld. Aber die Gelder wurden überall wieder gekürzt, obwohl sie gut angelegt waren. Ich würde mir auch wünschen, dass die Krankenkassen mehr über das Thema Organspende informieren.
Martin Kalus hält am morgigen Dienstag auf Einladung der Merklinger Landfrauen um 19 Uhr einen Vortrag über die Chancen von Organspenden im Vereinsheim des Obst- und Gartenbauvereins (Maybachstraße) in Merklingen.
Weitere Infos: www.transplantationszentrum-stuttgart.de.
Organspendeausweise gibt es kostenlos unter 0800 / 9 04 04 00.

Quelle: Leonberger/Stuttgarter Zeitung

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