Schorndorf: Überleben: Nur mit der Maschine

Foto: Pavlovic

Schorndorf. Der Fernseher flimmert, die Schwestern sausen zwischen den Betten umher, Maschinen drehen sich ohne Unterlass, waschen das Blut von rund einem Dutzend Patienten. Nachtschicht in der Dialysestation. Dreimal pro Woche versammeln sich die Nierenkranken zur gemeinsamen Schicht. Knapp die Hälfte von ihnen wartet auf ein neues Organ. Dringend. Teils schon seit mehr als zwölf Jahren.



Eigentlich war’s nur eine Erkältung wegen der Jürgen Herrmann zum Hausarzt gegangen ist. Vor mehr als zwölf Jahren war das. Damals machte der Doktor ein Blutbild und stellte fest, dass die Nierenwerte des Welzheimer in keinster Weise normal waren. Es folgte eine Reihe von Arztbesuchen, am Ende stand fest: Jürgen Herrmann leidet an einer Autoimmunerkrankung, die dafür sorgt, dass der eigene Körper die Niere angreift. „Erst mal war’s ein Schock“, berichtet er heute, während er in seinem Bett auf der Dialysestation liegt. „Am Buß- und Bettag 2002 hatte ich meine erste Dialyse.“

Foto: Pavlovic

Seither kommt er dreimal pro Woche her. Abends gegen 20.30 Uhr checkt er sein, begrüßt die inzwischen gut bekannten Bettnachbarn, nimmt sein Bett in Beschlag und wartet, bis der Schlaf kommt. „In guten Nächten schlafe ich durch und merke gar nichts“, berichtet er. Allerdings gibt’s auch andere Nachtstunden. In solchen findet er keine Ruhe. Manche schnarchen, andere drehen und wenden sich. Und kaum liegt jemand schief auf den Schläuchen, in denen das Blut transportiert wird, geht ein automatischer Alarm los. Dann muss eine Pflegerin kommen und den Fehler beheben. „Wir haben uns alle schon ganz gut an die Geräte gewöhnt“, berichtet Herrmann, „aber manchmal passiert das dann eben doch.“ Der Shunt, das ist die Kurzschlussverbindung zwischen Arterien und Venen, bleibt in seinem Arm, bis er ein Spenderorgan bekommt. Wer seinen Finger auf die dünne Haut über der Arterie legt, spürt, wie das Blut in seinen Adern rauscht. „Wenn ich zu Hause mal meinen Kopf versehentlich auf den Shunt lege, dann ist das so laut, dass ich davon aufwache.“
Strenger Trinkplan: Maximal einen Liter am Tag
Aber grundsätzlich ist der 50-Jährige positiv eingestellt. „Der Apparat ist mein bester Freund, ohne den würde ich schon längst nicht mehr leben.“ Seine Niere hat ihre Arbeit inzwischen komplett eingestellt. Sie reinigt das Blut nicht mehr, und an Ausscheidungen ist schon lange nicht mehr zu denken. Drum muss sich der Welzheimer an einen strengen Trinkplan halten. Mehr als 750 bis 1000 Milliliter sollte er pro Tag nicht zu sich nehmen. Bis zur nächsten Dialyse trägt er die Flüssigkeit dann als zusätzliches Gewicht mit sich herum. „Wenn ich gehe, wird mein Trockengewicht gemessen, und wenn ich nach dem Wochenende wiederkomme, muss meinem Blut bei der Dialyse so viel Wasser entzogen werden, bis ich dieses Gewicht wieder erreicht habe.“
In der heutigen Nacht muss er 3,9 Kilogramm loswerden. Das ist eine echte Aufgabe für den Kreislauf. Drum ist Jürgen Herrmann äußerst diszipliniert, teilt sich die Getränkerationen streng ein. „Manche leiden mehr Durst und trinken auch mehr, aber dann müssen sie auch bei der Dialyse mehr leiden.“ Und noch etwas hilft ihm. Seit etwa vier Jahren gibt es die Nachtdialyse. Die dauert immerhin beinahe acht Stunden. Wer tags an die Maschine muss, muss mehr aushalten. Dann bleiben für den gleichen Prozess nur vier bis fünf Stunden Zeit. Das zu vertragen, kostet dem Körper Kraft.
Jede Dialysesitzung konfrontiert mit der eigenen Sterblichkeit
Auch sonst ist’s nicht einfach, wird der Mensch an der Dialyse doch bei jeder Sitzung mit seinem eigenen möglichen Tod konfrontiert. „Ohne das Gerät würde ich die Wiese schon längst von unten anschauen“, macht Jürgen Herrmann deutlich. Er ist dankbar, dass es die medizinischen Möglichkeiten gibt. Aber vor allem hofft er. Er hofft, dass bald sein Telefon klingelt und seine Niere auf ihn wartet. „Das wäre eine völlig neue Freiheit, wieder eine funktionierende Niere zu haben.“ Und auch Ingeborg Kaiser, die an einer Zystenniere leidet, träumt von einem Leben ohne den riesigen Apparat neben ihr. „Vor allen Dingen die Freizeit leidet unter der Dialyse.“ Arbeiten und Schlafen müsse man ja in jedem Fall, dazu die drei Abende und Nächte an der Dialyse. „Und an den übrigen verbleibenden Abenden muss man dann zum Arzt oder mal zur Fußpflege.“ Zeit fürs Theater oder für einen Abendkurs bei der Volkshochschule hat sie schon lange nicht mehr. Von Fernreisen kann sie derzeit nur träumen. „Mein Zeitkorsett ist ganz eng geschnürt.“
Die Krankheit, die sie und ihre Schwester von ihrem Vater vererbt bekommen haben, hat sie aber schon weitreichender als in ihrer Hobbygestaltung beeinträchtigt. Mit 16 Jahren erfuhr sie von ihrer Niere. Seither war für sie klar, dass sie keine Kinder bekommen würde. „Schließlich wird die Krankheit dominant vererbt.“ Und das wollte die Diplomingenieurin nicht riskieren. Immerhin starb ihr Vater einst im Alter von 45 Jahren an der Krankheit. Damals gab’s noch nicht die Möglichkeit zu transplantieren. Also ist Ingeborg Kaiser dankbar, dass die surrende Maschine neben ihr Nacht für Nacht ihr Leben rettet. Und Tag für Tag könnte ihr Telefon klingeln, der Ruf zur Transplantation kommen. „Aber ich warte nicht aktiv, das würde man ja gar nicht aushalten.“ Schlimm genug sei’s zu wissen, dass viel zu wenige Menschen einen Organspendeausweis haben. Immer wenn sie gefragt werde, wann sie denn endlich eine Niere bekomme, stelle ihr Mann dem Neugierigen eine Gegenfrage: „Haben Sie denn schon einen Spendeausweis?“

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