STUTTGARTER WOCHENBLATT | Das geht an die Nieren

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Auf dem Schreibtisch liegen heute fünf dicke rote Akten. Jede steht für ein Schicksal, hinter jeder verbirgt sich ein Dialysepatient, der zum Teil seit Jahren auf eine Spenderniere wartet. Seit 20 Jahren ist Martin Kalus Transplantationskoordinator am Katharinenhospital (KH).

Seit 1979 arbeitet der heute 50-Jährige am KH. Hier machte der gebürtige Badener, der im Hegau aufgewachsen ist, seine dreijährige Ausbildung zum Krankenpfleger. Von 1982 bis 1989 arbeitete der junge Krankenpfleger auf der interdisziplinären Intensivstation. Hier erlebte er am 8. März 1986, vor 25 Jahren, die allererste Nierentransplantation in Stuttgart. „Der Patient hieß Dimitrios Solakudis und lag auf meiner Station, ich habe ihn begleitet. Etwas mehr als 19Jahre hat seine Niere gearbeitet, leider ist er nun wieder an der Dialyse.“

1989 war Martin Kalus ausgebrannt: „Ich habe auf dieser Station so viele schreckliche und tragische Krankheitsverläufe erlebt, dass ich eine Auszeit brauchte. Intensivmedizin zwischen Leben und Tod“, erinnert er sich.

Bis 1991 arbeitete er in einer ambulanten Dialysestation. Dann wurde vom damaligen „Nierenchef“ am Katharinenhospital, Prof. Erich Streicher, für das 1986 gegründete Transplantationszentrum ein Koordinator gesucht. „Ab 1991 war ich Überbringer der Todesnachricht und stellte dann den Angehörigen von Patienten, die z.B. aufgrund einer ausgedehnten Hirnblutung oder einer schwersten Schädel-Hirn-Verletzung hirntot waren, die unmöglichste Frage zum unmöglichsten Zeitpunkt: Wissen Sie, wie Ihr Angehöriger zu Lebzeiten zur Organspende stand?“ Die interessierte Bevölkerung über das Thema Organspende zu informieren, dem hat sich Martin Kalus seither und bis heute verschrieben.

Martin Kalus reiste damals als Vertreter von einem der bundesweit 40 Transplantationszentren zusammen mit Chirurgen der Universitätsklinik Tübingen quer durch Europa, war nachts bei Organentnahmen dabei. Immer dann, wenn Eurotransplant angerufen hat, „Wir haben ein passendes Organ für euch“, ist Martin Kalus präsent gewesen. Mit der Verabschiedung des Transplantationsgesetzes 1997, das die Anonymität zwischen Spender und Empfänger voraussetzt, ist Martin Kalus mittlerweile ganz auf die Seite der Organempfänger gewechselt. Heute ist er ausschließlich für Nieren zuständig, „sie werden geschickt, kommen mit der Bahn oder mit dem Taxi“, sagt er schmunzelnd.

Martin Kalus pflegt zusammen mit seiner Kollegin Bettina Schreiber die Warteliste am KH. In Stuttgart warten etwa 300 Dialysepatienten dringend auf eine Spenderniere, bundesweit sind es 8000. Sie warten durchschnittlich zwischen sieben und zehn Jahren, viel zu lange, findet Kalus. In Belgien und Österreich sei die Wartezeit auf eine Spenderniere viel kürzer. In diesen Ländern muss man sich äußern, wenn man nicht spenden möchte, in Deutschland ist es umgekehrt, hier muss man sich ausdrücklich äußern, dass man seine Organe spenden möchte.

In 25 Jahren wurden am KH 1182 Nieren transplantiert, darunter 255 „Lebendspenden“ von Freunden oder Familienangehörigen. Diese Zahl steigt. Die meisten Nieren wurden 2006 transplantiert: genau 86, dennoch viel zu wenige, findet Martin Kalus. Denn die Bereitschaft zur Organspende ist in Baden-Württemberg sehr gering. „Ich wünsche mir, dass sich jeder Mensch einmal im Leben darüber Gedanken macht, ob er im Falle seines eigenen Hirntodes Organe spenden möchte oder nicht, und seine Familie von seiner Entscheidung unterrichtet.“ Das ist ihm wichtiger als das Verteilen von Organspendeausweisen, obwohl er auch dafür unermüdlich kämpft. „Wer hirntot ist, ist quasi innerlich enthauptet. Und nur geschätzte 4000 von 500000 jährlichen Todesfällen in deutschen Krankenhäusern sind potenzielle Organspender. Die Wahrscheinlichkeit, selbst Organspender zu werden, ist also gering. Wahrscheinlicher ist es, selbst einmal auf einer Warteliste zu stehen“, klärt Kalus auf.

Martin Kalus hat an vielen Dokumentarfilmen mitgewirkt, z.B. 1993 bei „Der Tod auf der Warteliste“. Diesen Film zeigt er auch gerne bei seinen Vorträgen, denn „der Film geht an die Nieren, aber auch ans Herz“. Kalus hat auch schon Gäste fürs „Nachtcafé“ bei Wieland Backes vermittelt. Er selbst sieht sich lieber im Hintergrund. Seit 1999 pflegt er auch den Internetauftritt http://www.transplantationszentrum-stuttgart.de und seine eigene Homepage http://www.martin-kalus.de. „Der Umfang an Öffentlichkeitsarbeit hat deutlich zugenommen. Ich habe in den letzten Jahren so viele Vorträge über das Thema Organspende gehalten, und trotzdem ist es nicht genug. Die Öffentlichkeitsarbeit muss weiter verbessert werden“, zeigt er sich kämpferisch.

Martin Kalus ist unverheiratet, Segler und ein großer Afrika-Liebhaber, der nächste Urlaub geht wieder dorthin, freut er sich schon.

Dann fällt sein Blick wieder auf die fünf roten Akten vor sich auf dem Schreibtisch. In dieser Woche hat ein Patient nach zehn Jahren Wartezeit endlich eine neue Niere bekommen. „Seine Frau hat mich seit Jahren immer wieder angerufen und gefragt, ob wir ihren Mann vergessen hätten. Solche Anrufe bekommen wir fast jeden Tag.“ Aber es gibt auch Fälle, bei denen der Patient von der Warteliste gestrichen werden muss, weil er nicht länger transplantabel ist. „Removed from waitinglist“ – die schrecklichste Nachricht für einen Dialysepatienten.

Christian Günther

Porträt

20.12.2011 – aktualisiert: 20.12.2011 12:13 Uhr
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5 Kommentare zu “STUTTGARTER WOCHENBLATT | Das geht an die Nieren

  1. Hallo Martin, das ist eine persoenliche und gute Zusammenstellung die ich gut nachvollziehen kann. Lese aber eine gewisse Frustration zwischen den Zeilen, was ich auch gut verstehen kann. Es ist nicht leicht, andere davon zu ueberzeugen, wenn man selber oder in der eigenen Familie niemand betroffen ist. Trotzdem, man soll nicht aufgeben. Ich bedauere nur die Entscheidung, das die Krieterien fuer die Auswahl der doch viel zu wenigen Spenderorgane meiner >Meinung nach zum Nachteil fuer die Empfaenger, geaendert wurden. Das setzt auf dieser Seite wieder Frustration frei. Nicht schoen, und ich bin froh, das es bei mir und meinem Bruder damalig so gut abgelaufen war. Mach weiter LG Rainer

  2. Ein tolles und interessantes Porträt. Das Wort "unermüdlich" anfangs sagt im Prinzip alles!Vielen Dank für den kleinen Einblick und für die bisher geleistete Arbeit, insbesondere auch als fleißiger Botschafter zum Thema Organspende.Lieben Gruß aus dem Norden, Lisbeth

  3. Guter Artikel, der die Arbeit transparenter macht, und das die Arbeit ob nun mit Spendern, oder Empfänger mitunter seine Schattenseiten hat und das man auch etwas völlig anderes zum Beruf braucht. Der Artikel macht dich anschaulicher, greifbarer…..

  4. 20 Jahre lebenswichtige Unterstützung von Dialyse-Patienten, danke für Ihre Geduld in dieser schwierigen Situation. Mein Mann lebt nun seit 1987 mit einer Spenderniere, ohne Dialyse. geschenkte Lebenszeit. Ohne den Organspender und ohne Menschen wie Sie, Herr Kalus, wäre das nicht gelungen.Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Kraft für Ihre Arbeit. und hoffentlich mehr Zustimmung zu Organspenden!

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