Transplantation: Mit der Lunge eines Fremden

In deutschen Kliniken werden nur halb so viele Spenderorgane für Transplantationen entnommen wie in Spanien.
Foto: dpa

Madrid – Die Sekunden, als ihm die Luft wegblieb und sein Brustkorb sich wie eingepanzert anfühlte, wird Jacobo Elosua nie vergessen. Der 30-jährige Investmentbanker war im Dezember 2004 auf dem Weg zu einer Bar in seiner Heimatstadt Vigo im Nordwesten Spaniens, es war kurz vor Weihnachten, er hatte sich mit seinem Vater verabredet. Das Leben hatte es mit dem Spanier gut gemeint: Er war seit einem halben Jahr glücklich verheiratet, arbeitete bei einer Schweizer Bank in London. „Erst dachte ich, das mit den Schmerzen ist irgendeine Kleinigkeit“, erinnert sich Elosua und ließ sich einen Arzttermin geben. Er fuhr unbeirrt in den Skiurlaub, wo die Atembeschwerden zunahmen. Zurück in Vigo, erhielt er einen Befund, der alles änderte. Er sei an einer Lungenhistio­zytose erkrankt, einer höchst seltenen Diagnose, sagte der Arzt, seine Chancen stünden denkbar schlecht.
Jacobo Elosua lebt noch immer – mit einer neuen Lunge. Gerettet hat ihn der Tod eines anderen und die Tatsache, dass dessen Angehörige in die Organspende einwilligten. Elosua weiß nicht, wo er seinen Dank loswerden soll. „Ich hätte mich gern persönlich bedankt. Aber es ist nicht vorgesehen, dass ich Kontakt zur Familie des Spenders habe.“ Stattdessen hat sich Elosua, indem er seine Geschichte erzählt, zum Botschafter für Organspenden gemacht. „Ich stehe tief in der Schuld des Systems“, sagt der Banker.

Das spanische Erfolgsmodell
Das „System“, von dem Elosua spricht, ist das spanische Transplantationssystem. Es ist, gemessen an der Zahl der Organspender, das erfolgreichste der Welt. In keinem anderen Land wäre Elosuas Leben mit größerer Wahrscheinlichkeit durch ein Spenderorgan gerettet worden als in Spanien. Im vergangenen Jahr gab es 35,3 Organspender pro Million Einwohner, mehr als doppelt so viele wie in Deutschland, wo die Zahl bei 14,4 liegt. „Wir geben nicht vor, die Besten in allen Aspekten der Transplantation zu sein“, sagt Rafael Matesanz, Direktor der spanischen Nationalen Transplantationsorganisation (ONT). „Was wir beitragen, sind Strategien, um die Organspende zu verbessern.“ Das klingt bescheiden. Ganz so bescheiden ist es nicht gemeint. Matesanz weiß, was er in den vergangenen 23 Jahren erreicht hat.
Als der heute 62-jährige Nierenfacharzt 1989 die ONT ins Leben rief, hatte Spanien ungefähr dieselbe Spenderrate wie aktuell Deutschland. Dass sich diese Rate seitdem mehr als verdoppelt hat, liegt nicht daran, dass sich die Spendebereitschaft der Spanier entscheidend verändert hätte. Auf die Eurobarometer-Frage „Wären Sie bereit, eines oder mehrere ihrer Organe nach ihrem Ableben zu spenden?“ antworten 57 Prozent der Spanier mit Ja – das ist nicht mehr als europäisches Mittelfeld. „Es gibt keine Korrelation zwischen der Spendebereitschaft einer Bevölkerung und der Zahl der effektiven Spender“, sagt Matesanz. „Manche Länder geben sehr viel Geld für Sensibilisierungskampagnen aus. Die sind völlig nutzlos. Sie überzeugen nur die, die schon überzeugt sind.“ Statt zu versuchen, aus den Spaniern bessere Menschen zu machen, hat sich die ONT darauf beschränkt, die Organisation der Organspende zu verbessern. Entscheidend für den Erfolg eines Transplantationssystems ist seine Fähigkeit, „die potenziellen Spender auch wirklich zu entdecken“, sagt Rafael Matesanz. „Und im Entdecken ist das spanische System wirklich sehr effizient.“
Den potenziellen Spender schnell erkennen
Zentrales Element dieses Systems sind die Transplantationskoordinatoren, die in allen 180 Krankenhäusern mit Intensivstation ein Auge auf mögliche Organspender haben. Weil Spaniens staatliches Gesundheitswesen verhältnismäßig wenige, aber dafür große Kliniken betreibt, gewinnen die Koordinatoren schneller Erfahrung mit dem Erkennen potenzieller Organspender. In Deutschland gibt es nicht 180, sondern knapp 1400 Krankenhäuser mit Intensivstation – mit Blick auf Organspenden „ein Wahnsinn“, kritisiert Rafael Matesanz.
Zum anderen sind die spanischen Transplantationskoordinatoren ausgebildete Intensivmediziner. Das verleiht ihnen nach Matesanz’ Erfahrungen die nötige „professionelle und moralische Autorität“, um Ärztekollegen für die Spende zu sensibilisieren. Andere Modelle, in denen eine Krankenschwester oder ein Klinikfremder für die Transplantationskoordination zuständig ist, haben sich als weniger effizient erwiesen.
Es ist eine bemerkenswerte Rolle, die dem Transplantationskoordinator zufällt: Als Arzt strebt er das Wohlbefinden und die Gesundung seiner Patienten an – und muss sie zugleich nach ihrer Nützlichkeit für eine mögliche Organspende beurteilen. Juan José Rubio, seit vier Jahren Transplantationsbeauftragter am Krankenhaus Puerta del Hierro im Madrider Vorort Majadahonda, antwortet auf die Frage, ob er sich deshalb mitunter wie ein Geier fühle, ohne zu zögern, mit „Ja“. Doch der 59-Jährige gerät darüber nicht in ethische Konflikte. „Wenn du einem Spender vier Organe entnimmst, gibt es danach vier operierte Patienten.“ Das mache Mut. Außerdem werde jeder auf der Intensivstation darüber informiert, wie es den Leuten geht, die ein Spenderorgan erhalten haben.
Ob eine Transplantation erfolgen darf, hängt von der Zustimmung der Angehörigen des potenziellen Spenders ab. Rubio spricht mit ihnen, um ihr Einverständnis zur Organentnahme zu erbitten. Diese Gespräche mit den Angehörigen gehören zu den Aufgaben, an die er sich auch nach vier Jahren als Transplantationskoordinator noch nicht gewöhnt hat. Manchmal erlebt er es, dass ihm die Familie zuvorkommt und von sich aus fragt, ob man nicht die Organe spenden könne. „Das ist sehr berührend“, sagt der Arzt. „Sie haben gerade erfahren, dass ihr Angehöriger gestorben ist. Sie weinen. Und trotzdem sagen sie: Wir würden gerne spenden.“
Eine dramatische Situation für die Familie
Nicht alle Angehörigen willigen ohne Weiteres in die Organspende ein. Rubio versucht sie zu überzeugen. Er fragt nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen. Er veranschaulicht ihnen die Lage der Patienten, die auf ein Spenderorgan warten. „Danach sagen sie oft Ja – und manchmal Nein“, erzählt der Mediziner. Eine Ablehnung sei manchmal ein wenig frustrierend“, gibt Rubio zu, aber er könne die Angehörigen verstehen: „Es ist eine dramatische Situation für die Familie.“
Erstaunlich bleibt, wie viele Angehörige in Spanien schließlich ihre Zustimmung zur Organentnahme geben: 84 Prozent. Ein weit höherer Wert als die 57 Prozent, die in der Eurobarometer-Umfrage spontan ihre Bereitschaft zur Organspende bekunden. Die spanischen Transplantationskoordinatoren und ihre Mitarbeiter sind für die Gespräche mit den Angehörigen geschult und überzeugen viele Zweifelnde. Auch deswegen ist das spanische Transplantationssystem so erfolgreich.
Diejenigen, die bis zum Schluss beim Nein bleiben, sind nicht unbedingt hartherziger als die anderen. Sie sind skeptischer. Sie misstrauen der Versicherung des Arztes, ihr Angehöriger sei tot. Ein klassischer Organspender ist ein Hirntoter, der aber weiter künstlich beatmet wird, so dass sein Herz noch schlägt. Ohne Beatmungsgerät würde es stillstehen. „Die Menschen verstehen nicht, was hirntot bedeutet“, sagt ONT-Direktor Matesanz, das sei der Hauptgrund, warum in Spanien Organspenden abgelehnt werden würden.
Für solche Zweifel hat Jacobo Elosua nur wenig Verständnis. „Entweder leben wir in der westlichen, zivilisierten Welt oder in der Welt des Aberglaubens. Hirntot ist eine eindeutige Diagnose.“ Elosua hat eine pragmatische Einstellung zu den Dingen. Auch zu der Spenderlunge, die seinen Körper seit sechs Jahren am Leben hält. Er beschreibt das Organ als eine Art Maschine, die ihm helfe, frei zu atmen, auf die er eben angewiesen sei. „Fremd war mir die neue Lunge nie.“
Von Martin Dahms, Quelle: Stuttgarter Zeitung

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