Widerspruchslösung reflektiert positive Haltung zur Organspende

Gastkommentar von Ferdinand Mühlbacher, Universitätsprofessor
Neue Zürcher Zeitung vom 29.10.12

In Österreich gilt für Organspenden die Widerspruchslösung. Sie wurde nach einer Anklage wegen Störung der Totenruhe 1982 vom Parlament in einem Gesetz einstimmig verabschiedet. Seither bildet dieses die gültige Basis. Das Gesetz ist sehr kurz. Es erlaubt zunächst die Entnahme von Organen von Toten zum Zwecke der Transplantation. Dabei besteht ein Verbot, einen Gewinn zu erzielen, die Pietät darf nicht gestört werden, und der Tod muss von einem Arzt mit Praxislizenz festgestellt werden, der von der Explantation und vom Transplantationsteam unabhängig ist. Weiter ausgeschlossen sind Organentnahmen, wenn der Verstorbene, oder bei Minderjährigen sein gesetzlicher Vertreter, zu Lebzeiten einen Widerspruch gegen die Organentnahme deponiert hat.

Seit 1994 gibt es dazu ein Widerspruchsregister, in das sich jeder Österreicher eintragen kann. Dieses Register wird zu jeder Organentnahme konsultiert. Andere Möglichkeiten, den Widerspruch zu artikulieren, bestehen aber nach wie vor: die Beilage einer schriftlichen Erklärung zu den persönlichen Dokumenten etwa, ferner wird auch anerkannt, wenn Angehörige deponieren, dass es der Wunsch des Verstorbenen war, kein Organspender zu sein.


Der Gesetzgeber hatte 1982 auch die Möglichkeit einer obligatorischen Organspende erwogen, entschied sich aber schliesslich – Gott sei Dank – für die Widerspruchsartikulation. In den ersten Jahren der Widerspruchslösung wurden die Angehörigen jeweils nicht informiert. Erst mit zunehmender Einbeziehung von Angehörigen in die Intensivmedizin wurde die Position als unhaltbar erkannt, den Angehörigen vor einer Organentnahme keine Mitteilung zu machen. Seit Anfang der neunziger Jahre ist es daher üblich, dass Österreich eine «weiche Widerspruchslösung» praktiziert. Das heisst, wenn Angehörige anwesend sind und laufend mit dem medizinischen Personal in der Therapiephase des Verstorbenen kommunizieren, wird nicht nur die Tatsache des Todes mitgeteilt, sondern auch die Intention zur Organentnahme mit dem Vermerk, wie sie im Gesetz vorgesehen ist. Diese Information wird in geeigneter Form, häufig auch von geschultem Personal, abgegeben. In etwa 70 bis 80 Prozent der Fälle nehmen die Angehörigen diese Information zur Kenntnis, ohne dass daraus eine Diskussion erfolgt. Wenn aber Angehörige ein Gespräch wünschen, wird dieses selbstverständlich in geeigneter Form so geführt wie in Ländern, die eine Zustimmungslösung praktizieren. Wenn die Angehörigen von der Sinnhaftigkeit der Organspende nicht zu überzeugen sind, verzichten wir auf die Organentnahme. Sind hingegen keine Angehörigen vorhanden oder suchen sie den Kontakt mit dem medizinischen Personal nicht, wird nicht aktiv nach den Angehörigen nachgeforscht, sondern nach der gesetzlichen Vorgabe vorgegangen. Das ist heute sehr selten der Fall.
Die Vorteile dieser Widerspruchslösung kann man wie folgt zusammenfassen: Es ist eine autonome Entscheidung jedes Einzelnen, ob er Spender sein will oder nicht, und nicht die Entscheidung der Angehörigen. Es gibt eine Default-Lösung, wenn sich jemand absolut nicht geäussert hat oder nicht äussern wollte. Angehörige, die mit der Trauerarbeit ohnehin schon genug belastet sind, müssen in dieser Phase nicht eine zusätzliche Entscheidung treffen, stellvertretend für den Verstorbenen. Damit fällt eine unnötige Belastung für die Angehörigen weg. Die Widerspruchslösung macht die Organspende auch ohne Anwesenheit von Angehörigen möglich. Bei der Kommunikation mit Angehörigen ist das medizinische Personal in einer wesentlich besseren Gesprächsposition, weil es eine Information weitergibt und nicht eine Bitte formulieren muss.
Die unbestrittenen Nachteile der Widerspruchslösung sind, dass es ein kontinuierliches Diskutieren über diese Widerspruchslösung gibt, meistens vonseiten religiöser oder philosophischer Hardliner, von selbsternannten Ethikern (meist Ärzten), von politischen Superdemokraten, die versuchen, die Widerspruchslösung ins Licht autoritärer Systeme zu stellen, oder auch von Menschen, die überhaupt ein Problem mit Organspende und Transplantation haben.
Ich glaube nicht, dass die Widerspruchslösung allein die Ursache für ein akzeptabel gutes Spendenaufkommen ist: Sie reflektiert vielmehr die Einstellung der Gesamtbevölkerung zum Thema Organspende, umso mehr, als sie im Parlament einstimmig beschlossen wurde. Diese Gesamteinstellung zur Organspende ist das Agens, das das Personal auf der Intensivstation motiviert, Spender zu melden, und die öffentliche Hand, die Organspende logistisch und finanziell zu unterstützen. Es ist für Österreich bezeichnend, dass die Medien die Organspende positiv darstellen und gelegentliche Negativmeldungen kaum einen Einfluss auf das Spendenaufkommen haben.
Spanien hat wie Österreich eine Widerspruchslösung, es wird aber eine Zustimmungslösung praktiziert, jedenfalls versichern die spanischen Kollegen, dass zu sämtlichen Organentnahmen eine schriftliche Zustimmung der Angehörigen zur Organspende vorliegt. Das unterstreicht die Hypothese, dass allein bereits das Vorhandensein einer Widerspruchslösung in einer Gesetzgebung die Grundeinstellung der Bevölkerung als positiv für die Organspende dokumentiert. Auffallend ist schliesslich, dass der «katholische Süden» deutlich höhere Organspenderaten aufweist als der «protestantische Norden».

Ferdinand Mühlbacher, Universitätsprofessor, ist Vorstand der Universitätsklinik für Chirurgie sowie Leiter der klinischen Abteilung für Transplantation an der Medizinischen Universität Wien.

Quelle: NZZ.ch, 29.10.2012 Widerspruchslösung reflektiert positive Haltung zur Organspende 

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