Tabuthema Hirntod : Zweifel an der Qualität der Diagnostik

Nach dem Skandal um Schiebereien bei der Organvergabe steht ein weiteres Thema rund um die Organspende auf dem Prüfstand: die Qualität der Hirntoddiagnostik. In report MÜNCHEN kritisieren renommierte Mediziner die unzureichende Ausbildung für diese heikle Diagnostik und den Mangel an Transparenz, wenn Fehler passieren.

Autor: Silvia Matthies Stand: 20.11.2012 und meine Kommentare dazu


Oktober 2011. Die 19-jährige Dänin Carina Melchior ist mit dem Auto unterwegs. Ein Unfall passiert.

Mit schweren Hirnverletzungen wird sie in das Universitätsklinikum Aarhus eingeliefert.

Dort liegt sie drei Tage im Koma. Zufällig dreht gerade ein Team des dänischen Fernsehens auf der Intensivstation und begleitet die Familie mit der Kamera.

„Ist denn wirklich gar nichts mehr zu machen?“ fragt der Vater. „Nein“, sagt die Ärztin. Dann fragt sie, ob die Familie bereit wäre, Carinas Organe zu spenden.

Die Angehörigen willigen ein. Doch dann fängt Carina plötzlich an, wieder selbst zu atmen. Aus dem Koma erwacht, signalisiert sie ihrem Vater: ich lebe.

Jetzt – nach langen Aufenthalten in Rehakliniken , ist sie – mit kleinen Einschränkungen – wieder hergestellt.

„Ja, sagt sie, ich rieche und schmecke nicht gut, aber sonst merke ich nichts mehr.“

Ein Missverständnis, behauptet die Klinik jetzt, niemand habe gesagt, Carina sei hirntot. Mehr sagt die Klinik nicht.

Weltweit wird in Ärztegremien über den Fall gerätselt.

Vermutet wird, dass Carina beim sog. apnoe-Test wieder angefangen hat selbst zu atmen. Bei diesem Test wird der Patient vom Beatmungsgerät getrennt, um die Spontanatmung zu prüfen.

Könnte ein solcher Fall auch bei uns passieren? Bisher hieß es: definitiv nein.
Nein deshalb, weil im Gegensatz zu diesem Fall in Dänemark in Deutschland der komplette Ausfall von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm (also der Blutzirkulationsstillstand im Gehirn mit unumkehrbarem Ausfall der Spontanatmung) von zwei in der Intensivmedizin erfahrenen Fachärzten, die nicht an der Organentnahme und/oder der nachfolgenden Transplantation beteiligt sind. Siehe dazu auch mein Posting vom 30.08.12 und die Richtlinien der Bundsärztekammer.

Doch eine Studie des Neurologen Dr. Hermann Deutschmann lässt Zweifel aufkommen. Als ehemaliger Leiter eines Bereitschaftsteams der Deutschen Stiftung Organtransplantation untersuchte er von 2000 bis Ende 2005 230 Fälle im Raum Niedersachsen:

Dr. Hermann Deutschmann, Neurologe: „Die Untersuchung hat gezeigt, dass wir relativ häufig zu Patienten gerufen wurden, bei denen die behandelnden Ärzte glaubten, es läge der Hirntod vor, wir aber festgestellt haben, der Hirntod war noch gar nicht eingetreten, und das in der Größenordnung von 30 Prozent vergeblicher Einsätze. Das zeigt, dass das Thema Hirntoddiagnostik noch nicht bei allen Ärzten, allen Intensivmedizinern, angekommen ist und dass das Verständnis dafür fehlt.“ Das Transplantationsgesetz schreibt die Meldepflicht gem. § 11 Abs. 4 S. 2 TPG von potentiellen Organspendern vor. Erst der neurologische Dienst und ein weiterer Facharzt (siehe oben) stellen den definitiven Hirntod fest – oder auch nicht. Siehe auch Hirntodprotokoll

Großteils handelte es sich um Dokumentationsfehler, vereinzelt aber auch um falsche Diagnosen. Der Transplanteur Prof. Gundolf Gubernatis kritisiert die mangelnde Ausbildung der Ärzte:

Prof. Gundolf Gubernatis, Transplantationsbeauftragter Verband der Leitenden Krankenhausärzte: „Man kann sich den Arzt ja naturgemäß nicht mehr aussuchen bei der eigenen Todesfeststellung. Man ist darauf angewiesen, was sind die Mindeststandards. Und da würde ich mir für mich wünschen, dass ein solcher Arzt das wenigstens schon einmal gesehen hat, unter Anleitung einmal durchgeführt hat, und dass er auch nachweislich Kenntnis von den besonderen, im Gesetz vorgeschriebenen Umständen, hat.“

Die Fallsticke bei der Hirntoddiagnostik sind zahlreich. Muskelentspannende Medikamente, Schlaf- und Schmerzmittel können einen Hirntod vortäuschen. Deshalb ist eine umfangreiche Labordiagnostik unerlässlich. Das zumindest meinen Prof. Gubernatis und Dr. Deutschmann. Sie fordern eine zertifizierte Ausbildung für Hirntoddiagnostiker, festgelegt durch die Bundesärztekammer. Damit ließen sich aus ihrer Sicht gravierende Pannen und Fehleinschätzungen bei der Hirntoddiagnostik vermeiden. Eine zertifizierte Ausbildung für Hirntoddiagnostiker ist m.E. überfällig.

Dr. Hermann Deutschmann, Neurologe: „Es gab auch regelrecht fehlerhafte Beurteilungen der Zusatzuntersuchungen. Ich selber habe einmal erlebt, dass bei einem Kind ein EEG gemacht wurde und es hohe Ausschläge im EEG gehabt hatte und dass dort eine Nulllinie befundet wurde, was aber niemals eine Nulllinie war. Für mich stellt sich die Frage, ob das gesamte Protokoll erfüllt war und welche endgültige Diagnose gestellt wurde.

Hinzu kam, dass bei der klinischen Untersuchung dieses Kind noch geatmet hat und damit der Hirntod eindeutig auszuschließen war. Aber allein die Bewertung der technischen Untersuchung war in diesem Falle fehlerhaft.“ Für mich stellt sich die Frage, ob das gesamte Protokoll erfüllt war und welche endgültige Diagnose gestellt wurde.

report MÜNCHEN: „Wie hat der Arzt reagiert, dem das passiert ist?“

Dr. Hermann Deutschmann, Neurologe: „Er war sehr betroffen – ein deutliches Zeichen dafür, dass er praktisch keine Erfahrung hatte in der Hirntoddiagnostik.“

Strittige Fälle wurden bisher – wie heiße Kartoffeln – jahrelang in den Gremien weitergereicht. Das aktuellste Beispiel: Seit 2008 befasste sich die Überwachungskommission der Bundesärztekammer mit einer Organentnahme am Düsseldorfer Universitätsklinikum. Eine Mitarbeiterin der DSO hatte, als sie in einer Sitzung von dem Fall erfuhr, Alarm geschlagen.

Ende 2005 wurde im Klinikum ein Organspender explantiert, ohne dass alle notwendigen Hirntodprotokolle vorlagen. Nachher hieß es, das fehlende Protokoll sei verlegt worden. Doch seltsam, es tauchte nie wieder auf. Bei den Nachforschungen der Überwachungskommission verstrickten sich alle Beteiligten in gravierende Widersprüche. In all meinen Jahren als Transplantationskoordinator hat kein Entnahmechirurg mit der Organentnahme begonnen, wenn ich nicht alle Dokumente lückenlos vorlegen konnte.

Schon seit Anfang 2010 liegt der brisante Bericht vor. Erst vor zwei Wochen entschloss sich die die Bundesärztekammer, ihn herauszugeben. Selbst der Vorsitzende des Verbandes der leitenden Krankenhausärzte bekam ihn erst jetzt.

Prof. Hans-Fred Weiser, Präsident Verband der Leitenden Krankenhausärzte: „Wenn die Fakten tatsächlich so sind, wie sie im Prüfbericht aufgezeichnet sind, dann wäre es unabdingbar gewesen, diesen Bericht sofort und unverzüglich an die Staatsanwaltschaft weiterzugeben. Warum das nicht passiert ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Tatsache ist nur, dass die Fakten, die vielen Ungereimtheiten, in diesem Prüfbericht eindeutig dafür sprechen, das der Staatsanwaltschaft zu übergeben.“

Die Hirntoddiagnostik ist komplex und schwierig.

Wäre da nicht eine Spezial-Ausbildung der Ärzte notwendig?

Die verantwortlichen Stellen äußern sich schriftlich, ein Interview gibt es nicht.

Die Bundsärztekammer beruft sich auf ihre Richtlinien, nach denen nur Ärzte mit langjähriger Intensiverfahrung den Hirntod feststellen dürfen.

Und, obwohl sie Neurologen für die Hirntoddiagnostik vermittelt, fühlt sich die DSO nicht zuständig. Prüfen müsse das Spenderkrankenhaus.

Das Bundesgesundheitsministerium schreibt, man habe im neuen Transplantationsgesetz gerade die Befugnisse der Überwachungskommission erheblich erweitert.

Doch reicht das aus?

Prof. Hans-Fred Weiser, Präsident Verband der Leitenden Krankenhausärzte: „Solange die Durchführung der Transplantationsmedizin und die Kontrolle der Transplantationsmedizin quasi in einer Hand liegen, kann dieses System so nicht funktionieren und kann auch so nicht weitergehen.

Aus Sicht der leitenden Krankenhausärzte brauchen wir eine strikte Kontrolle zwischen Durchführung und Kontrolle. Das heißt, die Kontrolle muss von außerhalb, oder von Personen durchgeführt werden, von Fachexperten, die nicht Teil des Systems sind.“
§ 9a des Transplantationsgesetzes verpflichtet die Entnahmekrankenhäuser u.a. zur Feststellung des Hirntodes und nicht die Koordinierungsstelle.

Eine staatliche Aufsicht scheint unverzichtbar. Nur so ließe sich das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen.

Wie die staatliche Aufsicht in Bayern funktioniert hat, kann man z.B. hier nachlesen
Meiner Meinung nach wird das Gesetz nicht gelebt.

Quelle: Tabuthema Hirntod : Zweifel an der Qualität der Diagnostik | Dossiers und mehr | report MÜNCHEN | Das Erste | Fernsehen | BR.de

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2 Kommentare zu “Tabuthema Hirntod : Zweifel an der Qualität der Diagnostik

  1. Danke für die Aufklärung. Könnten Sie uns bitte verständnishalber noch erläutern, wie der Großhirntod in Deutschland festgestellt wird? Die Untersuchungen für den Hirnstamm sind uns bekannt.Das wäre sehr nett – vielen Dank!Freundliche Grüße

  2. Durch folgende Untersuchungsmethoden lautet die Antwort des Neurologen:Mit der Elektroenzephalografie – kurz EEG -funktionelle Untersuchung der Hirnrinde mit 2-3cm Eindringtiefeund/oderHirnszintigraphie – Nachweis des Blutzirkulationsstillstandes im Gehirnund/oderDoppler- und Duplexsonographie der Hirnversorgenden Arterien (indirekte Methode)

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