Ansatz für mehr Verteilungssicherheit, Verteilungsgerichtigkeit oder Einsetzen von Verteilungskampf? | via Jus@Publicum

Option ohne Pflicht © Liz Collet

Eine eher en passant wahrnehmbare Pressekonferenz heute in Berlin und das, was der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie dort geäussert hat zur Zahl der Transplantationszentren, lässt durchaus aufhorchen. Nicht dass das Thema der Zahl von Transplantationszentren neu wäre.

Das ist es nicht einmal erst seit den Skandalen in Göttingen und München. Es war und ist seit vielen Jahren immer wieder Thema. Und auch schon bevor durch auch für TPZs geltende Mindestmengenregelungen Konkurrenz und Wettbewerb der Kliniken bewirkt werden sollte. Zur Qualitätssicherung, wie es u.a. bei eben der Mindestmengenregelung hiess. Da es gerade bei Transplantationen auch um Qualität nicht nur der Organe, sondern auch der Langzeiterfolge wesentlich ankommt, an sich kein falscher Gedanke.

Nein, neu ist der konkrete gezielte, öffentliche und presseöffentliche “Angriff” eines Leiters eines TPZs gegen konkrete andere Transplantationszentren. Öffentlicher Ellenbogen, sozusagen. Denn Prof. Jauch ist eben nicht nur Präsident der DGCH, sondern auch Leiter des TPZ an der Chirurgische Klinik der LMU in Großhadern, an der Lebern ebenso transplantiert werden wie am Klinikum rechts der Isar (München), in Regensburg, Erlangen und Würzburg.

Die Reduzierung der Zahl von Transplantationszentren ist aus mancherlei Gründen hinsichtlich nicht nur der Versorgungsqualität und -dichte kritisch zu betrachten, wenn man die Interessen der Patienten auf der Warteliste angemessen berücksichtigen will. Und um die geht es mal in erster Linie. Ob es deren Interessen dient oder vielmehr schadet, wenn und je nachdem welche Transplantationszentren dann wegfallen, bedarf mehr und fachlich sehr spezifischer Betrachtung anhand einer Reihe von Faktoren.  Blosses Ab- und Auszählen “konkurrierender” Zentren nach dem Muster “2  Zentren pro Bundesland” genügen auch, wird dem nicht gerecht.

Etwas anderes fällt aber ins Auge, wenn man diesen Bericht liest:

“Wenn wir weniger Zentren haben, wächst dort die Anzahl der Transplantationspatienten automatisch”, sagte Jauch gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. “Das heißt, wir gewinnen an Erfahrung und erzielen damit bessere Ergebnisse.” Diese ließen sich an den akuten Sterberaten, aber “auch am Langzeitüberleben” messen.”

Hier wird das Pferd von hinten und um rund 15 Jahre zeitversetzt aufgezäumt: Mit dem Inkrafttreten des TPG am 1.12.1997 sollten und durften eigentlich nur noch Kliniken Transplantationen durchführen und in die Vermittlung von Organen zur transplantation einbezogen werden, die den Voraussetzungen der §§ 9, 10 TPG entsprachen und entsprechen. § 10 I TPG :

“Transplantationszentren sind Krankenhäuser oder Einrichtungen an Krankenhäusern, die nach § 108 des Fünften Buches Sozialgesetzbuch oder nach anderen gesetzlichen Bestimmungen für die Übertragung von Organen verstorbener Spender sowie für die Entnahme und Übertragung von Organen lebender Spender zugelassen sind. Bei der Zulassung nach § 108 des Fünften Buches Sozialgesetzbuch sind Schwerpunkte für die Übertragung dieser Organe zu bilden, um eine bedarfsgerechte, leistungsfähige und wirtschaftliche Versorgung zu gewährleisten und die erforderliche Qualität der Organübertragung zu sichern.”

Es mutet daher schon befremdlich an, wenn der Leiter eines der Münchner und mit anderen konkurrierenden TPZs, bei denen im Besonderen, aber nichr nur in Bayern derzeit die Frage der Neuordnung der Zentren ansteht nach dem Skandal in München (und nicht nur in München), zB das TPZ in Würzburg oder ein anderes aus dem Rennen zu “schieben” versucht mit der Begründung, dass DANN mehr Erfahrung und bessere Ergebnisse für Patienten zu bekommen seien. Hat man in München nicht genug Erfahrung mindestens seit der Geltung des TPG und seit dem 1.12.2012 , um die Versorgungsqualität als Zentrum im Sinne des § 10 I TPG bisher oder auch weiterhin sicherzustellen?

Wenn das so wäre……wäre eine andere Frage angebracht: Bieten das von ihm geleitete TPZ am Uniklinikum in Grosshadern selbst noch die Voraussetzung für den Fortbestand der Zulassung als TPZ? Für Leber. Oder auch für andere Organe.

Und damit sind wir – nicht erst jetzt, sondern erneut und unvermindert seit mindestens 1.12.1997 bei den Fragen:

1.  Nach welchen Kriterien wurden Zulassungen seit 1.12.1997 bezogen auf jedes Organ und an den einzelnen TPZs erteilt und seither aufrechterhalten (mit oder ohne update-Pürfungen?)

2. Nach welchen tatsächlich, rechtlich und gesetzlich gebotenen Kriterien halten die derzeit bestehenden Zulassungen für die jeweiligen Organe und die TPZs noch einer Bedarfs- und Qualitätsprüfung für § 10 TPG stand?

Um das zu beurteilen, lohnt u.a. auch ein Blick in das Material an Daten über die seit 1.12.1997 an allen deutschen TPZs durchgeführten Transplantationen, die gesetzlich vorgesehenen Berichte über diese, die von den TPZs abzuliefern seither waren und sind. Und was allein schon aus diesen (soweit sie valide und inhaltlich korrekt und richtig sind) an Schlussfolgerungen möglich ist. Aber nicht aus diesen allein. § 10 TPG bietet dazu einiges an Kriterien, die MINDEST-Beurteilungsgrundlage wären.

Es kostet allerdings Mühe, diese über einige Jahre hinweg zu lesen. Und zu verstehen. Und zu interpretieren. Und als Vergleichsgrundlage mit heranziehen zu können. Allein ausschlaggebend sind sie aus manchen Gründen nicht. Dann nämlich dürften bei der Zahl der durchgeführten Transplantationen schon manche Zulassungen nicht mehr Bestand haben, mindestens aber längst einer kritischen Neubewertung zu unterziehen sein.

Die sollte sich aber nicht allein auf das zahlenmässige Ab- und Auszählen reduzieren.

Quelle: Ansatz für mehr Verteilungssicherheit, Verteilungsgerichtigkeit oder Einsetzen von Verteilungskampf? | Jus@Publicum

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