Organspende: Spitäler operieren in Grauzone

Organspenden nach einem Herzkreislauf-Stillstand sind in der Schweiz gesetzlich nicht klar geregelt. Eine Gesetzesrevision soll das nun ändern. An zwei Spitälern nehmen Ärzte den Eingriff schon jetzt vor.

Eine Herztransplantation: Das eingesetzte Organ wird mit Strom aktiviert. (Bild: Keystone)

Schweizerinnen und Schweizer, ob mit oder ohne Organspendeausweis, könnten zu sogenannten NHBD-Spendern werden – ohne über die Methode aufgeklärt worden zu sein.

NHBD steht für «Non Heart-Beating Donor» (NHBD), Organspender ohne schlagendes Herz. Wenn das Herzkreislauf-System eines Patienten nur noch künstlich aufrecht erhalten wird und dessen Leben nicht zu retten ist, stehen Ärzte und Angehörige vor der Entscheidung, Maschinen abzuschalten und Medikamente

Sobald dies geschieht, müssen die Ärzte in der Schweiz zehn Minuten ohne Kreislauf abwarten, und dürfen dann bei Organspendern mit der Entnahme beginnen.

Während andere Institutionen auf die Methode verzichten, werden NHBD-Spenden am Universitätsspital Zürich (USZ) und am Kantonsspital St. Gallen praktiziert. Bisher sind NHBD-Spenden nach geltendem Gesetz zwar nicht zugelassen, aber über einen vom Bundesrat verabschiedeten Bericht der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) quasi legalisiert. Die Schweizerische Patientenorganisation (SPO) spricht von einer klassischen Grauzone. In dieser sind am Universitätsspital Zürich im letzten Jahr sechs Organspenden nach der NHBD-Methode erfolgt, in St. Gallen in den letzten 14 Monaten eine.

«Das Sterben durch Therapieabbruch macht rund 80 Prozent aller Todesfälle aus und ist für uns ein normaler Prozess», sagte Markus Béchir, Intensivmediziner am USZ und Leiter des Organspende-Netzwerkes. «Bei einer NHBD-Organspende folgt danach ein genau definierter nachgelagerter Prozess.»

Keine Transparenz

Doch es fehlt an Informationen im Vorfeld: Weder auf den Internetseiten der Transplantationszentren noch bei der Organisation Swisstransplant wird die Methode genau beschrieben.

Die Grünen kritisieren die mangelnden Informationen zu NHBD in der Schweiz. In der Vernehmlassung zum neuen Transplantationsgesetz (TxG) schreiben sie: Da die Organentnahme beim kontrollierten Herzstillstand nie Thema in den Debatten zu dem Gesetz gewesen sei, «kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Spender nun auch bereit wären, dies unter den nun vorgeschlagenen Bedingungen zu tun». Die Gesetzesrevision eröffnet die Chance, klare Rahmenbedingungen für NHBD zu schaffen.

Umstrittene Vorbereitung mit Kanülen

Ein weiterer strittiger Punkt ist die sogenannte Kanülierung: Ein Patient kann noch vor Abschalten der Maschinen auf die Organentnahme vorbreitet werden, indem ihm die Ärzte Kanülen in die Leistengegend legen. Durch diese kann der Spender nach dem Tod dann an eine Maschine angeschlossen werden, die die Organe mit Blut versorgt und so «frisch» hält.

Zur dieser Kanülen-Methode erklärt USZ-Arzt Béchir: «Wir machen das nicht, weil wir das nicht brauchen, eine NHBD-Organspende funktioniert auch ohne dies.»

SPO-Präsidentin und GLP-Nationalrätin Margrit Kessler wertet das als klares Signal: «Dann können wir die Kanülierung im neuen Gesetz explizit rechtlich verbieten.» Bisher ist die sogenannte «Kanülierung» im Entwurf zur Revision nicht explizit verboten.

Am Kantonsspital St. Gallen werden Kanülen eingesetzt – vor dem Tod dünne, nach dem Tod dicke, erklärt Roger Lussmann, Leitender Arzt in der Abteilung für chirurgische. «Wir besprechen alles mit den Angehörigen. Bei der NHBD-Methode ist vieles für uns planbar und wir können nach dem Tod des Patienten ruhiger arbeiten», so Lussmann. «Erst dann werden die grossen Kanülen gesetzt und angeschlossen.»

Was dürfen Angehörige entscheiden?

Doch auch hier verbirgt sich ein umstrittener Punkt: die ersatzweise Zustimmung zu vorbereitenden Massnahmen einer Organspende am noch lebenden Patienten. Was geschieht etwa, wenn der Sterbende keine Patientenverfügung oder einen Spenderausweis besitzt? In der Vernehmlassung wird bezweifelt, dass im Zusammenhang mit NHBD Angehörige für den Patienten stellvertretend Entscheide treffen können.

«Ohne schriftlich dokumentierten Behandlungsauftrag schätzen die Angehörigen stellvertretend für den Patienten dessen mutmasslichen Willen ein», erklärt dagegen Markus Béchir die Praxis am USZ. «Dies ist für mich als Arzt eine absolut notwendige Basis.»

Auch um in diesem Punkt Klarheit zu schaffen, fordern Kantone, Parteien und Organisationen in der Vernehmlassung zur Gesetzesrevision nun «eine explizite rechtliche Grundlage für die Organentnahme nach Herzstillstand».

Doch neben der rechtlichen Frage geht es bei NHBD auch darum, wie die Gesellschaft Vorgänge am Ende eines Lebens geregelt haben will. Es  geht um ethische, moralische und gesellschaftliche Vorstellungen. Und bisher ist die Revision des Transplantationsgesetz nicht in der grossen Öffentlichkeit diskutiert worden. Dies muss sich in den Augen von Gegnern wie Befürwortern der NHBD-Methode ändern

Vorschlag: Information durch Krankenkassen

Daher würden es sowohl die Ärzte am Unispital Zürich wie auch die Schweizerische Patientenorganisation begrüssen, wenn mit der jährlichen Krankenkassenpost eine Information zum Thema verschickt würde, die eine Aufforderung zur Willensäusserung enthält.

«Es wäre aus meiner Sicht wünschenswert, wenn beispielsweise die Krankenkassen mit dem Versand der jährlich angepassten Vertragsunterlagen gleichzeitig ihre Kunden anregen, sich hinsichtlich einer möglichen Organspende willentlich zu äussern, das heisst, zuzustimmen oder abzulehnen», sagt Arzt Makus Béchir. «Es ist wichtig, dass die Meinung zu diesem Thema in Familien und Partnerschaften diskutiert wird. Das hilft allen, besonders den Angehörigen, die entscheiden müssen.»

SPO-Präsidentin Kessler sieht es gleich: «Das Thema braucht dringend mehr Transparenz und eine klare Gesetzgebung für die Mediziner in Bezug auf NHBD.»

Die Gesetzesrevision bietet nun die Möglichkeit, eine klare Grundlage zu schaffen und Grauzonen rund um die Organtransplantation zu eliminieren. Der Ball liegt bei den Eidgenössischen Räten.

Quelle: Organspende: Spitäler operieren in Grauzone | handelszeitung.ch

Anmerkung:
In den Richtlinien der Bundesärztekammer heißt es zum „Non Heart-Beating Donor“ u.a.:

Es gibt kein einheitliches Transplantationsgesetz aller Länder des Eurotransplantbereichs oder der Europäischen Union. Für Deutschland gilt seit 1. Dezember 1997 das deutsche Transplantationsgesetz. Es unterscheidet klar die Organ- und Gewebeentnahme beim toten und beim lebenden Spender. Eingriffe zur Organ- und Gewebeentnahme beim toten Spender setzen u.a. die Feststellung seines Todes nach Regeln gemäß dem Erkenntnisstand der medizinischen Wissenschaft voraus. Diese Voraussetzung erfüllt ein Herz und Kreislaufstillstand von 10 Min. bei normaler Körpertemperatur als mögliches,aber unsicheres Todeszeichen nicht. Ein im Ausland nicht gemäß den deutschen Gesetzesvorschriften entnommenes Organ darf in Deutschland nicht transplantiert werden. Zum PDF

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