Organspende: Im Dienste der Wartenden

Tübingen – Ein Flachbildschirm zur Zerstreuung. Weiße Orchideen als Symbol für vergängliche Schönheit. Ein moderner Kunstdruck, der an andere Sphären denken lässt. Im neu eingerichteten Angehörigenzimmer der Intensivstation 39 in Tübingen verrichtet Peter Petersen den schwierigsten Teil seiner Arbeit. Hier piepsen keine Geräte, wenn er Hinterbliebenen die Todesnachricht überbringt. Hier hört niemand mit, wenn er im zweiten Moment fragt, ob die Organe des Toten gespendet werden sollen.

Peter Petersen ist der leitende Transplantationsbeauftragte der Tübinger Uniklinik, ein verdienter Transplantations­chirurg, der etliche Menschenleben verlängert hat. Jedes deutsche Krankenhaus mit Intensivstation soll künftig einen wie Petersen im Haus haben, einen Fachmann, der sich im Haus gezielt um Organspenden kümmert. So verlangt es der Gesetzgeber seit vergangenem Sommer.

Auf dem Transplantationsbeauftragten ruhen die Hoffnungen von 12 000 Menschen, die derzeit in Deutschland auf ein Spenderorgan warten. Sie sollen rechtzeitig zur Stelle sein, wenn der seltene Fall eintritt, dass ein Mensch auf der Intensivstation den Hirntod stirbt, aber durch künstliche Beatmung noch intakte Organe besitzt. Das sind weniger als 0,5 Prozent aller Todesfälle. Von diesen hinterlässt nur jeder zehnte einen Organspendeausweis. In allen anderen Fällen müssen die Angehörigen gefragt werden, ob sie einer Organspende zustimmen.

Sachkenntnisse nicht immer hilfreich

„Das kostet Überwindung“, sagt Peter Petersen, ein hochgewachsener, hagerer Norddeutscher, der ansonsten wenig über Empfindungen bei der Arbeit spricht. Petersen bewegt sich lieber auf der sachlichen Ebene der Transplantationsmedizin und kann dazu endlos Fakten und Statistiken wiedergeben. Bei seinen Vorträgen und Seminaren sind die Kenntnisse hilfreich. Bei Gesprächen mit Angehörigen sind sie nicht immer zu gebrauchen. „Stellen Sie sich vor, jemand hat soeben sein Kind verloren, und Sie sollen nun über Organspende sprechen“, sagt Petersen. Da mache man nicht zu viele Worte. „Erst wenn ich sehe, dass der Tod akzeptiert wurde und da eine Offenheit ist, taste ich mich voran.“

In Kommunikationsseminaren werden die Mediziner auf solche Gespräche vorbereitet. Geübt wird mit professionellen Schauspielern, die den Part der Angehörigen spielen. Damit ihr Verhalten auch authentisch ist, lässt man die Schauspieler vorher bei echten Patientengesprächen mithören. Manche Erkenntnis gewinnt man jedoch nur in der Realität: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade bei sinnlos erscheinenden Todesfällen – Kinder oder Unfallopfer – Angehörige dankbar sind, wenn sie dem Tod durch eine Organspende noch etwas Positives abgewinnen können“, sagt Petersen.

Auch alte Menschen kommen für eine Organspende in Frage

Eine Schonfrist kann nicht gewährt werden. Die Angehörigen sollten sich innerhalb von 24 Stunden entscheiden. Sonst sind die Organe irgendwann nicht mehr zu gebrauchen. In etwa 60 Prozent der Fälle stimmen die Angehörigen einer Organentnahme zu. „Wobei die Zahlen irreführend sein können“, sagt Petersen. Denn so mancher Kollege fragt erst gar nicht nach – weil er sich nicht traut oder schlecht informiert ist. „Nicht jeder weiß beispielsweise, dass auch ältere Menschen für eine Organspende infrage kommen“, so Petersen. Gerade in Baden-Württemberg, wo Kliniken ums Überleben kämpfen, fällt das Thema manchmal hinten runter. Der Südwesten bildet seit einigen Jahren das Schlusslicht in der Organspendestatistik.

Das neue Gesetz soll dafür sorgen, dass keine Fälle übersehen werden. Transplantationsbeauftragte sollen für ihre Arbeit künftig freigestellt und die Kliniken entsprechend kompensiert werden. Eigentlich eine frohe Botschaft für die Transplantationsmedizin, wären da nicht die Organspendeskandale. Sie kamen ans Licht, als man gerade begann, neuen Mut zu schöpfen.

„Sehr ärgerlich“, stellt Peter Petersen nüchtern fest und zückt eine Statistik der Deutschen Stiftung Organspende. Sie zeigt, dass die Organspenden im vergangenen Jahr bundesweit von 1200 auf 1046 eingebrochen sind. In seinen Gesprächen mit Angehörigen sei das Thema bisher allerdings nicht aufgekommen. „Wobei das nicht heißen muss, dass die Skandale keinen Einfluss auf die Entscheidungen hatten“, sagt Petersen.

Was ihm viel mehr Kopfzerbrechen bereitet, das sind die Debatten, die im Windschatten der Skandale wieder aufleben. Die alten Fragen wie „Wie tot ist hirntot?“ oder „Ist die Organspende am Ende?“, sie geistern wieder durch die Republik. Eine Podiumsdiskussion reiht sich an die ­nächste, mit altbekannten Gesichtern. Zwei Abendveranstaltungen absolviert ­Petersen pro Woche.

Vor 50 Jahren stellten sich diese Fragen noch nicht. Man war sich einig: wenn das Herz nicht mehr schlägt, ist der Mensch tot. Doch nach den ersten erfolgreichen Wiederbelebungsversuchen suchte man nach einem anderen Todeskriterium. Im Jahr 1968 schlug eine Kommission der Harvard Medical School das irreversible Koma vor – den sogenannten Hirntod. Der wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer übernahm 1996 die Definition, schon damals begleitet von heftiger Kritik.

Gegen ihr Empfinden gehandelt

Da sind zum einen die KAO-Mütter – KAO steht für Kritische Aufklärung über Organtransplantation. Renate Greinert, ein KAO-Vorstandsmitglied, trat bereits in Fernsehsendungen wie „Hart aber fair“ oder „Tacheles“ auf. Ihre Geschichte macht betroffen. Ihr Sohn Christian erlitt bei einem Verkehrsunfall ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. In einer Klinik in Hannover erklärte ein Arzt ihren Sohn für tot und fragte sie gleichzeitig nach einer Organspende. „Da waren die drängenden Hinweise des Arztes, dass ein anderes Kind sterben müsse, wenn ich nicht zustimme“, schreibt sie auf der KAO-Webseite. „Plötzlich hatte ich die Verantwortung über einen anderen Menschen.“ Sie verließ sich auf die Aussage des Arztes, dass ihr Kind tot sei, und stimmte zu.

Erst später wurde ihr klar, dass sie gegen ihr eigentliches Empfinden gehandelt hatte. Sie fühlt sich manipuliert. „In einer existenziellen Krise zu so einer Entscheidung gezwungen zu werden, das ist für mich der eigentliche Skandal“, sagt sie. Renate Greinert ist heute der Überzeugung, dass ihr Kind nicht tot war, sondern im Sterben lag. „Er starb auf dem Operationstisch, nachdem er vom Kehlkopf bis zum Schambein aufgeschnitten worden war“, sagt sie. Darüber sei sie bis heute nicht hinweg.

In dieselbe Kerbe schlägt Paolo Bavastro. Dem Internisten aus Stuttgart ist Peter Petersen schon mehrmals begegnet, zuletzt in Oberndorf am Neckar bei der Podiumsdiskussion der Ökumenischen Hospizgruppe „Organspende – was tun?“.

Anthroposoph wählt markige Worte

Bavastro, ein Anthroposoph mit italienischen Wurzeln, wählt stets markige Worte. Das ganze Transplantationssystem sei auf einer Lüge aufgebaut, und der Begriff Hirntod eine „arglistige Täuschung“. „Versagt das Hirn, haben wir es mit einem schwer kranken, sterbenden Menschen zu tun – aber nicht mit einem Toten“, pflegt er zu sagen. Bavastro untermauert seine Aussagen mit einer Erfahrung, die er als Chefarzt in der Filderklinik gemacht hat. Dort sei einer schwangeren Frau mit Hirnversagen, die 84 Tage lang künstlich beatmet wurde, ein gesundes Kind entbunden worden. „Das Kind kann ja wohl nicht von einer Leiche stammen“, sagt er.

Petersen kennt die Kritiker und ihre aufwühlenden Geschichten nur zur Genüge. „Da wird höchst emotional ­debattiert“, sagt er. Das entspricht ganz und gar nicht seinem Geschmack. Trotzdem nimmt er jede Einladung an und trägt unermüdlich vor, warum der Hirntod als Todesdefinition weltweit akzeptiert wird. „Ich muss diese Leute ernst nehmen, solange sie mit ihren Botschaften Menschen davon abhalten, anderen zu helfen“, sagt Petersen. Viele andere Vertreter der Transplantationsmedizin ignorieren Diskussionsrunden dieser Art – mit der Haltung: „Das tue ich mir nicht an.“

Vor wenigen Jahren hatte Petersen noch Diabetikern Inselzellen transplantiert. Den Operationstisch hat der Mediziner erst einmal gegen den Schreibtisch eingetauscht. Wenn er nicht gerade Vorträge für Podiumsdiskussionen konzipiert, koordiniert er Arbeitskreise, schreibt Rundmails, organisiert Veranstaltungen. Den weißen Arztkittel legt er trotzdem niemals ab. Es könnte jederzeit wieder so weit sein.

Quelle: Organspende: Im Dienste der Wartenden – Politik – von Akiko Lachenmann, Stuttgarter Zeitung

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2 Kommentare zu “Organspende: Im Dienste der Wartenden

  1. Die Organspende ist in den letzten Jahren in Deutschland leider zurückgegangen, wobei ich nicht glaube dass es am Mangel des Unwissens oder der Ängstlichkeit der Ärzte danach zufragen zuzuschreiben ist. In Deutschland hat die Gesundheitspolitik es versäumt einen darauf Aufmerksam zu machen. In Spanien und in Schweden ist jeder Bürger ein Organspender bis er der Organspende widerspricht. So muss man sich von sich aus mit dem Thema auseinandersetzen, dabei bieten inzwischen viele bekannte Portale schöne Zusammenfassungen zum Thema an ( http://www.finanzen.de/magazin/organspende )Leider hat der Organspendeskandal im letzten Jahr auch kein gutes Licht auf die gesamte Prozedur geworfen. Durch solche Vorfälle werden viele Leute leider davor abgeschreckt zu spenden und man behält seine Organe lieber für sich selbst, anstatt Sie in die Hände von korrupten Ärzten zu geben.Beste Grüße,M. Schneider

  2. Ja die Frau Greiner…. sie ist jemand der seit dem Tod des Sohnes nur noch gegen Organspenden hetzt, meint er wäre ausgeschlachtet worden und es würde heute immer noch so praktiziert,schade, aber was wäre wenn sie selber auf ein Organ warten würde ? Wie hätte sie reagiert ? Nö ich will kein Organ ? Ganz sicher nicht ! Ich selbst bin seit über 15 Jahren Nierentransplantiert und meinem Spender unsagbar dankbar das er einen Ausweis bzw. seine Angehörigen zu gestimmt haben.Viele sagen aber der ist nur wegen dir gestorben,alles falsche Aufklärung,niemand stirbt für jemanden der auf der Transplant Liste steht,diese Menschen hatten einen Unfall,Schlaganfall etc.Es wird auch niemand für Tod erklärt , in erster Linie sind Ärzte dafür da Leben zu erhalten !! Es gibt aber nun mal die Fälle wo man für Hirntod erklärt wird und niemand wird sagen sie müssen spenden sondern man fragt würde eine Organspende in Frage kommen,das kostet auch jeden Arzt Überwindung und man sollte auch in der heutigen Zeit wo die Skandale aufgedeckt wurden über Organspende nachdenken, jeder kann morgen schon einer von ihnen sein der ein Organ benötigt,eine Grippe reicht!!

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