Vertrauen ist weg beim Thema Organspende

Vertrauen zurückgewinnen nach den Skandalen an deutschen Transplantationszentren. Diesem Thema stellte sich der 14. Landes-Ärztetag.

Autor: NORBERT LEISTER | 22.07.2013

Einer Meinung in Sachen Organspende: Bundes-Ärzte-Funktionär Frank U. Montgomery und Landessozialministerin Katrin Altpeter. Foto: Norbert Leister

Baden-Württemberg ist unrühmliches Schlusslicht in der Transplantationsstatistik. Und das, obwohl die bundesweit erst seit kurzem geforderten „Transplantationsbeauftragten“ an Kliniken im Land laut Ärztekammer schon seit 2005 agieren und für die Organspende werben. Die Gründe dafür mögen vielfältig sein, einen führte Prof. Frank Ulrich Montgomery als Präsident der Bundesärztekammer am Samstag beim 14. Baden-Württembergischen Ärztetag in der Reutlinger Stadthalle an: „90 Prozent der Bevölkerung beschäftigen sich nicht mit ihrem möglichen plötzlichen Tod.“ Dabei werden dringend Organspender gesucht, „12 000 todkranke Patienten warten auf ein Organ“, betonte Ulrich Clever als Präsident der Landesärztekammer in seinen einführenden Worten.
Aber: Die Manipulation von Wartelisten in einigen deutschen Transplantationszentren hat in den vergangenen Monaten viel Porzellan zerschlagen, „wir müssen uns der Mühe unterziehen und Vertrauen zurückgewinnen“, sagte Clever zu seinen Ärztekollegen. Zwar habe es laut Landes-Sozialministerin Katrin Altpeter an baden-württembergischen Kliniken keine Manipulationen gegeben, seien keine Listen zur der Dringlichkeit von benötigten Organen verändert worden – um schneller an eine Leber, Niere oder ein Herz zu kommen. An der roten Laterne des Landes in der Transplantationsstatistik hat das aber nichts geändert.
Montgomery äußerte in Bezug auf die Skandale zwar Verständnis für die Haltung von Ärzten vor Ort, die ihrem Patienten Vorrang einräumen wollten. Aber: Solch eine „Warteliste ist auch ein Ausdruck der Verteilung von Gerechtigkeit“.
Grundsätzlich sei es eine gemeinsame Aufgabe von Ärzten und Politik, das verloren gegangene Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen wie auch die in Deutschland niedrige Bereitschaft zur Organspende langfristig zu fördern.
Als gutes Instrument dafür sieht Montgomery die beabsichtigte jährliche Zusendung von Organspende-Ausweisen mitsamt Informationen durch die Krankenkassen. „Auch wenn das die Spenderzahlen nicht dramatisch ansteigen lassen wird“, so die Überzeugung des Präsidenten der Bundesärztekammer.
„Es gibt aber kein Recht auf fremde Organe“, betonte die Sozialministerin in ihrem Grußwort. Eine Organspende bleibe immer das, was der Begriff auch ausdrückt – „ein Geschenk“, so Altpeter. Niemand dürfe zur Spende gezwungen werden, dennoch müsse es oberstes Ziel sein, in der Bevölkerung mehr Organspender zu finden. „Ich hoffe, dass ich beim nächsten Ärztetag sagen kann, dass Baden-Württemberg nicht mehr das Organspende-Schlusslicht ist.“
Frank Ulrich Montgomery hatte zudem erschütternde Zahlen präsentiert: Jährlich sterben in Deutschland rund 850 000 Menschen. „Weniger als 5 000 kämen optimalerweise überhaupt für eine Organspende in Frage.“ Um aber für die 12 000 todkranken Menschen die benötigten Organe zu bekommen, müsse die Spendenbereitschaft drastisch erhöht werden. Weil eine benötigte Quote von rund 50 Prozent Zustimmung selbst in anderen Ländern wie Spanien (wo sogar die Kirche für Organspende werbe) auch in Deutschland nie erreicht werden könne, sei ein komplexes Verteilungssystem vonnöten – mit größtmöglicher Transparenz. Weil sonst das Vertrauen in das System nicht zurückgewonnen werde, so Montgomery.

Quelle: Vertrauen ist weg beim Thema Organspende | Südwest Presse Online

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