Was für ein Tag

„Du hättest doch genauso gehandelt, oder?“, fragte sie mich mit unsicherem, aber auf eine Weise auch bestimmten Blick.
„Ja, das hätte ich.“ antwortete ich, fast ohne zu zögern.

Ihr Telefon klingelte. Sie sammelte sich kurz und ging dran.
Ein paar Minuten hörte sie nur zu, was die Person am anderen Ende der Leitung ihr mitteilte. Sie legte wieder auf, schaute mich an und sagte:
„Drei. Drei Leben.“
Ich nahm sie in den Arm und zu ihrer Traurigkeit mischte sich ein Gefühl von Erleichterung und dem guten Wissen, das Richtige getan zu haben.

Es war einen Tag zuvor, als sie Mittags den Anruf erhielt, dass ihr Bruder plötzlich verstorben war. 54 Jahre alt, bis dahin gesund, verheiratet, zwei erwachsene Kinder, Schlaganfall. Aus dem Nichts heraus und für alle überraschend.
Die Reanimationsversuche durch den Notarzt und im Krankenhaus blieben ohne Erfolg und von einem auf den anderen Moment veränderte sich für eine Familie alles.
(Für vier Familien – aber das wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand.)

Sie fuhr sofort ins Krankenhaus, die Frau ihres Bruders bat sie zu kommen – es gäbe etwas zu entscheiden.
Wie man sich fühlt, wenn man gerade auf so plötzliche Weise den Mann, Bruder oder Vater verloren hat, muss ich glaub ich nicht weiter beschreiben – ich könnte es auch gar nicht, weil ich es (zum Glück) noch nicht erleben musste. Aber ich kann es erahnen.
Sie durfte ihren Bruder noch einmal sehen – einmal noch seine Hand halten, einmal noch in sein Gesicht schauen und dann – sich von ihm verabschieden.

Als sie wieder aus dem Zimmer kam, wurde sie schon von ihrer Schwägerin und zwei Ärzten erwartet.
„Wie stehst du zur Organspende?“ wurde sie von den anderen empfangen.
Etwas überrumpelt und die letzten Momente noch verdauend antwortete sie „Ja… muss man überlegen…“
„Das Problem ist nur,“ unterbrach sie einer der Ärzte, „zum Überlegen haben wir keine Zeit.“
Er blickte in immer noch unsichere und fragende Gesichter.
„Wissen Sie, ihr Bruder… ihr Mann… war bis zu seinem Tod noch sehr fit und seine Organe sind in einem altersgemäßen, aber sehr guten Zustand. Es gibt viele Menschen, die alles dafür gäben ein Spenderorgan zu bekommen. So hart das klingt, aber Sie entscheiden jetzt darüber, ob einem anderen Menschen das Leben gerettet werden kann, oder nicht.“
Der Satz saß.
Organspende. Klar, davon gehört hatten sie schon oft. Aber jetzt selbst diese Entscheidung treffen? Ja oder Nein? Noch dazu für eine andere Person? Und dann so schnell?
Die beiden Frauen sprachen sich eine Weile miteinander ab und gaben den Ärzten dann das Okay. Sie benannten noch zwei Organe, die sie nicht freigeben wollten, bekamen einige Informationen, unterschrieben etwas und dann standen sie wieder alleine da, auf dem Krankenhausflur.
„Wir werden Sie informieren, wenn ein passender Empfänger gefunden wurde.“ gab man ihnen noch mit auf den Weg und „Auch wenn Sie es jetzt noch nicht fühlen können, möglicherweise wird es Menschen geben, die Ihnen unendlich dankbar sein werden.“

Es war ein mulmiges Gefühl, was die Beiden den Rest des Tages und die folgende Nacht begleitete. Neben der Trauer um den verloren Menschen, die Frage ob die Einwilligung richtig war oder nicht. Natürlich war sie richtig, sagten sie sich immer wieder, aber das Mulmige blieb. Und das durfte es auch.

Am nächsten Morgen trafen wir uns zum Kaffee.
Zum Erzählen und Verarbeiten.
Als ihr Telefon klingelte und sie dran ging, war es ihre Schwägerin:
„Gerade eben hat mich das Krankenhaus angerufen. Ein Lungenflügel ist nach Thüringen gekommen, einer ins Saarland und seine Leber nach Niedersachsen. Sie wurden alle noch heute Nacht transplantiert. Die OP’s sind gut gelaufen und jetzt ist nur noch abzuwarten, dass die Organe gut vom Körper angenommen werden.“

Drei Leben.

Und es war, als wäre er da.

________________________________________________________________________

Zusatz: Diese Geschichte ist ziemlich genau so, einer guten Bekannten von mir vor einigen Wochen passiert. Sie ist die Schwester. Als sie mir davon erzählte, beschrieb sie dieses Gefühl, dass obwohl der Tod ihres Bruders für sie weiterhin sinnlos und nur sehr schwer zu akzeptieren ist, es trotzdem irgendwie ein gutes Gefühl ist, dass dadurch zumindest drei anderen Menschen das Leben gerettet werden konnte.
Das bringt den Bruder nicht zurück – aber es gäbe auch nichts, was ihn zurückbrächte, wenn sie sich gegen die Spende entschieden hätten.
Sie sagt rückblickend über den Tag:
„Es gibt eine Familie, für die wird dieser Tag immer ein sehr schlimmer sein – und es gibt drei Familien, für die wird dieser Tag immer einer der schönsten in ihrem Leben sein.“

Ich möchte an dieser Stelle keine Diskussion über Organspende auslösen, das ist ein Thema, was nicht in irgendwelchen Kommentaren abgehandelt werden kann und auch nicht soll. Falls sich hier trotzdem eine entwickeln sollte, werde ich die Kommentarfunktion für diesen Artikel sperren. Jeder kann, darf und soll seine ganz eigene Meinung zu diesem Thema haben – aber es schadet nicht, diese immer mal wieder zu überdenken. Egal in welche Richtung.
Ich möchte hier einfach nur diese Geschichte erzählen, weil sie mich berührt hat und mich in meiner, schon vor vielen Jahren getroffenen Entscheidung für eine Organspende, nochmal bestärkt hat.

(Und wer möchte – es geht ganz schnell und kostet nichts, außer ein bisschen Druckerfarbe: http://www.organspendeausweis.org )

Quelle: http://blogohnegrund.wordpress.com/2013/07/29/131/

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s