"Emotionen alleine genügen nicht mehr"

BZ-INTERVIEW mit der Patientenschützerin Elke Simon über das verlorene Vertrauen bei der Organspende.
Elke Simon Foto: zvg
Als Patientenberaterin bei der Deutschen Stiftung Patientenschutz kennt Elke Simon die Sorgen von Spendern und Empfängern. Mit Sina Gesell sprach sie darüber, wie man das Vertrauen in die Organspende wiederherstellen kann.

BZ: Frau Simon, der Skandal damals betraf ausschließlich Lebertransplantationen. Warum sinkt die Spendenbereitschaft allgemein?
Elke Simon: Menschen, die über eine Organspende nachdenken, differenzieren in dieser Frage nicht. Vielmehr fragen sie sich: Wenn die Manipulation von Lebertransplantationen funktioniert, warum dann nicht auch bei anderen Organen? Die Menschen entwickeln auch diffuse Fragen wie: Gibt es einen Organhandel? Selbst wenn konkrete Fälle dazu nicht bekannt sind. Für die Menschen, die auf ein Organ warten, sind die Zweifel fürchterlich.
BZ: Was muss geschehen, damit die Spendenbereitschaft wieder zunimmt?
Simon: Die Menschen müssen aufgeklärt werden. Bis jetzt zielten Kampagnen immer auf die Emotionen der Menschen ab: Wenn ihr nicht spendet, müssen andere sterben. Emotionen alleine genügen nun nicht mehr. Man muss transparent machen, wie das System läuft. Außerdem erfahren die Menschen, die auf der Warteliste stehen, nicht einmal auf welchem Platz sie sind. Auch bei den Kampagnen der Krankenkassen, alle Versicherten anzuschreiben, gibt es noch Nachholbedarf. Die Informationen sind eher dürftig.
BZ: Neben mehr Transparenz fordern Sie eine Verstaatlichung des Vergabesystems.
Simon: Der Staat muss seiner Verantwortung nachkommen und ist bei entscheidenden ethischen Fragen wie der Verteilung von Lebensgütern gefragt. Wenn es eine zentrale Behörde gäbe, könnte man einige Prozesse wie die Kontrollen beschleunigen. Außerdem muss der Staat ein Signal setzen: Diese Angelegenheit ist so wichtig, dass wir uns selbst drum kümmern.
BZ: Ist eine Organisation oder der Staat überhaupt dazu in der Lage, alle Transplantationszentren zu überwachen?
Simon: In Deutschland gibt es zu viele Zentren, die Organe transplantieren. Das führt zu Überversorgung. Konkurrenz belebt allgemein das Geschäft – bei der Verteilung von Lebenschancen ist das kein gesunder Wettbewerb. Mit der Hälfte der Zentren würden wir gut zurechtkommen. So würden auch die ökonomischen Anreize wegfallen und nur die Zentren, die die meiste Erfahrung und beste Kompetenz haben, Transplantationen durchführen. In der Schweiz funktioniert das ja auch.
BZ: Kann sich ein Skandal wie in Göttingen wiederholen?
Simon: Ich glaube, dass in den nächsten Jahren noch einiges ans Tageslicht kommt, das nicht ganz sauber abgelaufen ist. Jahrelang gab es nur stichprobenartige Untersuchungen. Man hat einfach nicht genau hingeschaut.

Elke Simon, Jahrgang 1972, ist Diplom-Theologin und arbeitet seit 1999 beim Deutschen Patientenschutz in Dortmund

Quelle: „Emotionen alleine genügen nicht mehr“ – badische-zeitung.de

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s