Transplantationsskandal: „Wir verlieren Patienten“

02.09.2013 ·  Im Prozess gegen den Arzt Aiman O. soll das Vergabesystem für Organe mit vor Gericht. Aiman O. selbst stellt das System immer wieder indirekt in Frage.

Von Andreas Nefzger, Göttingen 

Der Angeklagte Arzt sitzt am 23.08.2013 in einem Saal am Landgericht in Göttingen zwischen seinen Verteidigern. Der Angeklagte muss sich im Transplantations-Skandal am Göttinger Uniklinikum wegen versuchten Totschlags in elf und Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen verantworten – © dpa


Aiman O., der angeklagte Arzt im Göttinger Transplantationsskandal, hatte schon mehrfach anklingen lassen, dass vielleicht nicht er derjenige ist, der nach den falschen Regeln gespielt hat. Dass es vielmehr womöglich das ganze System ist, das hier nach den falschen Regeln funktioniert. In dieser Deutlichkeit hat er es zwar nie gesagt, schließlich bestreitet er nach wie vor, dass er sich über die Regeln der Vergabe von Spenderorganen hinweggesetzt hat, um seine eigenen Patienten zu bevorzugen. Aber es klang immer an, dass er dem System nicht zutraut, seine Patienten vor Schaden zu bewahren.

In Gestalt eines Funktionärs der Bundesärztekammer, Tobias Beckurts, sprach am dritten Verhandlungstag nun erstmals das System selbst vor Gericht. Und es bot eine andere Meinung als bisher zu der Frage dar, wie gerecht und medizinisch sinnvoll in Deutschland Spenderorgane vergeben werden.
Spenderlebern werden in Deutschland nach Regeln vergeben, die die Bundesärztekammer eingeführt hat und die Eurotransplant angewendet werden, der zentralen Vergabestelle von Organen im niederländischen Leiden. Grundlage für die Vergabe von Lebern ist der sogenannte MELD-Score, der anhand von Blutwerten den Gesundheitszustand von Patienten erfasst. Der Wert zwischen sechs und 42 gibt die Wahrscheinlichkeit an, dass ein Patient in den nächsten drei Monaten stirbt. Ein Kranker mit einem Wert von 26 stirbt mit einer Wahrscheinlichkeit von 28 Prozent, einer mit 40 mit einer Wahrscheinlichkeit von 98 Prozent. Aiman O. soll den MELD-Wert seiner Patienten künstlich erhöht haben.

Angeklagter schweigt zu Motiv

Vor dem Landgericht Göttingen muss sich der Arzt daher wegen elffachen versuchten Totschlags verantworten sowie wegen Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen. In den elf Fällen soll Aiman O. die Daten seiner Patienten manipuliert haben, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass diese ein Spenderorgan erhalten. Er soll Blutwerte gefälscht, angeblich erfolgte Dialysen erfunden und über die vorgeschriebene Abstinenz-Zeit gelogen haben, die alkoholkranke Empfänger von Spenderlebern einhalten müssen. Damit soll Aiman O. riskiert haben, dass Patienten, die dringend ein Organ gebraucht hätten, benachteiligt wurden und womöglich starben.
Aiman O. wollte am Montag Fragen zu den Richtlinien der Bundesärztekammer zur Organstransplantation nicht beantworten. Offenbar wollte er der Kammer keine Indizien dafür liefern, was ihn zu den mutmaßlichen Manipulationen verleitet haben könnte. Doch schon an den ersten beiden Verhandlungstagen hatten Aiman O. und sein Verteidiger immer wieder das System der Organvergabe im Ganzen attackiert.

„Wir verlieren die Patienten mit neuen Organen“

Verteidiger Steffen Stern griff die Regelung an, dass Alkoholiker sechs Monate trocken sein müssen, bevor sie transplantiert werden dürfen. „Nach allen wissenschaftlichen Untersuchungen haben Alkoholiker keine schlechteren Überlebenschancen“, sagte er. „Das ist verfassungswidrig, was hier Tag für Tag passiert.“
Tobias Beckurts hingegen verteidigte die Richtlinien: „Es macht keinen Sinn, einem Menschen, der nicht zu einer Alkoholabstinenz in der Lage ist, eine Leber zu transplantieren, weil er seine zweite Leber genauso zugrunde richten wird wie seine erste.“ Außerdem könnten sich manche Leiden durch eine Abstinenz zurückbilden, wodurch eine Transplantation unnötig werden könnte.
Aiman O. selbst hatte zuletzt immer wieder den Sinn des MELD-Wertes in Frage gestellt. Er kritisierte, dass die Patienten bei der Transplantation häufig schon so krank seien, dass sie die Operation nur schwer überlebten. „Früher haben wir die Patienten auf der Warteliste verloren, jetzt verlieren wir sie mit den neuen Organen. Das ist gravierend. Das ist das Gravierendste überhaupt“, sagt er einmal. Folgt man dieser Argumentation, ist der behandelte Arzt der Einzige, der entscheiden kann, wer ein Organ erhält und wer nicht. Dieser Zustand sollte aber mit dem Transplantationsgesetz von 1996 abgeschafft werden. Das System sollte gerechter werden, indem das Gewissen des Arztes durch den Computer in der Vermittlungsstelle in Leiden ersetzt wurde. Eine entscheidende Größe für die Zuteilung von Organen ist laut Richtlinien der Bundesärztekammer und Transplantationsgesetz die Dringlichkeit. Der MELD-Wert ist seit 2006 das Maß dafür.

Kritik: Erfolgsaussicht ist nicht maßgebend

Wie soll man überhaupt entscheiden, was gerecht ist? Wie angesichts knapper Spenderorgane die Lebenschancen verteilt werden sollen? Wer leben darf? Und wer sterben muss? Ist Dringlichkeit das richtige Maß dafür? Aiman sagte einmal: „Hinter verschlossenen Türen reden alle darüber, wie scheiße der MELD-Score ist, wie viele Patienten wir dadurch verlieren.“ Tatsächlich ist er nicht der Einzige, der das Vergabesystem für fragwürdig hält.
Eugen Byrsch, Vorsitzender der Deutschen Stiftung Patientenschutz, etwa kritisiert, dass die Lebern ausschließlich nach Dringlichkeit vergeben würden, während das Transplantationsrecht doch eigentlich auf Dringlichkeit und Erfolgsaussicht abstelle: „Die ärztliche Standesvertretung weicht von den zwingenden Vorgaben des Transplantationsrechts ab.“ Jutta Riemer, die Vorsitzende von „Lebertransplantierte Deutschland“, erkennt Schwachstellen im Vergabesystem, stellt es aber nicht grundsätzlich in Frage: „Die zentrale patientenorientierte Vermittlung durch Eurotransplant versucht, ein Maximum an Gerechtigkeit zu realisieren. Hundertprozentige Gerechtigkeit wird es – trotz ständiger Überarbeitung der Richtlinien – nie geben.“ Riemer fordert, weitere Kriterien in die Vergabe von Lebern einfließen zu lassen, weil der MELD-Wert manche schwere Komplikation von Lebererkrankungen nicht oder nur unzureichend abbilde.

Richtlinien eines halbstaatlichen Instituts

Auch Ärzte kritisieren bisweilen die Vergabesystem, so etwa Jörg Rüdiger Siewert, 25 Jahre lang Leiter der Chirurgischen Klinik der TU München und nun Leitender Ärztlicher Direktor des Uniklinikums Freiburg. Zufrieden ist Siewert mit der Lebervergabe nach dem MELD-Werte nicht, aber er meint: „Solange es kein besseres System gibt, muss man sich daran halten.“ Siewert erkennt in dem System, das Lebern streng nach Dringlichkeit vergibt, einen Grund dafür, dass in Deutschland mehr Patienten nach einer Transplantation sterben als etwa in den Niederlanden oder den Vereinigten Saaten. Dass sich das bestehende System auf neue und bessere Richtlinien einigen kann, glaubt Siewert aber nicht. Viele der Transplantationsmediziner in der entscheidenden Gremien dächten eher an die eigene Fallzahl und die Reputation ihres Hauses als an ein gerechtes System: „Da sind viele Egoismen im Spiel.“
Auch deshalb fordert Siewert ein halbstaatliches Institut, das die Richtlinien vorgibt. Damit wäre auch das Problem vom Tisch, dass mit der Bundesärztekammer ein privater Verein hoheitliche Aufgaben übernimmt. Mehrere Staatsrechtler, darunter Professor Wolfram Höfling, bezweifeln, dass die Bundesärztekammer entscheiden darf, nach welchen Regeln Organe verteilt werden. Wer darf leben? Wer muss sterben? Das seien angesichts des Mangels an Organen keine medizinischen, sondern moralische Fragen – und über die solle von gesellschaftlich legitimierten Volksvertretern diskutiert werden.

Quelle: Transplantationsskandal: „Wir verlieren Patienten“ – Kriminalität – FAZ

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