Irreführende Kampagne – badische-zeitung.de

Die Entscheidungslösung in Sachen Organspende ersetzt die Entscheidung der Angehörigen nicht.

Die Aufklärungskampagne der Krankenkassen zur Organspende war irreführend. Denn die sogenannte Entscheidungslösung bringt keine echte Entscheidung.
Bis Ende Oktober, so hatte es der Bundestag parteiübergreifend beschlossen, mussten die Kassen die Bundesbürger über die Möglichkeiten der Organspende informiert haben. Ob die Bürger sich für oder gegen die Spende entschieden haben, weiß jedoch niemand. Denn zum Glück waren die Bürger nicht verpflichtet, irgendjemandem mitzuteilen, zu welchem Ergebnis sie gekommen sind. Jeder wurde gefragt, keiner musste antworten: Dieses Prinzip ist richtig, weil alles andere nicht sonderlich liberal wäre.

In höchstpersönlichen, emotionalen Fragen wie der Organspende tut der Staat gut daran, jeden Zwang zu unterlassen und freiheitlich zu handeln. Das gilt umso mehr, als sich bezweifeln lässt, wie sinnvoll der Beschluss des Bundestages war. Über Organspende wollen die meisten mit ihren Angehörigen, ihrem Arzt, ihren Freunden oder einem Seelsorger sprechen. Was bringt eine Broschüre? Oder ein Brief der Kasse, der an Millionen Versicherte gerichtet unpersönlich ausfällt?

Vermutlich hat die „Entscheidungslösung“ die Menschen bestärkt, die sowieso offen für Organspende waren und möglicherweise längst einen Spenderausweis bei sich tragen, während sie an allen anderen vorbeiging. Zudem fiel die Aktion in eine Zeit, in der die Missstände an einigen Transplantationskliniken das Vertrauen in die Organspende erschütterten.

Der eigentliche Einwand gegen die so genannte Entscheidungslösung ist aber ein anderer. Ihre Anhänger mahnen ja die Bürger, sich zu entscheiden, weil das den Angehörigen eine Last nehme – die Last, nach dem Tod eines Verwandten entscheiden zu müssen, ob ihm Organe entnommen werden dürfen. Diese Mahnung gaukelt vor, was nicht eintritt. Kein Arzt, keine Klinik würde in Deutschland ein Organ entnehmen, ohne die Familie des Verstorbenen befragt zu haben. Das gilt übrigens selbst in Ländern, in denen wie in Spanien jeder Bürger von Gesetzes wegen als Organspender gilt, sofern er nicht zu Lebzeiten Widerspruch erklärt.

In jedem Fall kommt es also zu einem Gespräch zwischen Ärzten und Angehörigen. Zum Glück. Denn die Vorstellung, dass eine Klinik einen Eingriff an einem Toten vornimmt, ohne ein Wort mit den Menschen zu wechseln, die um diesen trauern, ist gruselig. Niemand kann Angehörigen die erwähnte Last nehmen. Umso wichtiger ist das Gespräch zwischen Ärzten und der Familie. Sie müssen überlegen, was im Sinne des Toten wäre. Nur dort – in der konkreten Situation eines soeben verstorbenen Menschen – entscheidet sich, ob es zur Organspende kommt, die einem Schwerstkranken das Leben retten kann. Dass die Krankenhäuser mit geschultem, vertrauenswürdigem Personal diesen Moment bestehen können, ist wichtiger als Aufklärungskampagnen.

Quelle: Kommentare: Irreführende Kampagne – badische-zeitung.de

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