Transplanta­tionszentren reduzieren? Ein Pro und Contra

Berlin – Die Mindestmengen in verschiedenen Bereichen der Medizin sind stark umstritten – auch in der Transplantationsmedizin. Unstrittig ist dagegen die Forderung nach einer möglichst hohen Qualität der Versorgung. Aber ist es dafür sinnvoll und nötig, die Zahl der Transplantationszentren zu reduzieren? Ein Pro und Contra.


PRO: Rüdiger Strehl: Viel Wildwuchs

Rüdiger Strehl,  2000 bis 2013 erst Vorstands-vorsitzender und dann General-sekretär des Verbandes der Universitäts-klinika Deutschlands, 1993-2008 Kaufmännischer Vorstand des Uniklinikums Tübingen

Viele Leistungsangebote im deutschen Gesundheitswesen sind das Ergebnis von Wildwuchs. Das Transplantationswesen macht keine Ausnahme. Wo Ärzte es können und wollen und wo sie Patienten finden, dort entstehen Versorgungsstrukturen. Daher hat der Gesetzgeber das Instrument der Mindestmengen erfunden und der Selbst­verwaltung vorgegeben. Alle Hoffnungen auf die strukturierende Wirkung dieser Mindestmengen sind aber dahin, weil sie falsch konzipiert sind und eine Vielzahl von Studien sich widerspricht. Vor allem ist der monokausale Ansatz, Menge schaffe Qualität, viel zu simpel.

Also regiert der Wildwuchs weiter, obwohl mehr als ein Viertel der Zentren bei Lebern und Nieren die Mindestmenge unterschreiten. Bei Herzen ist nichts geregelt, obwohl mehr als Hälfte der Zentren weniger als zehn Organe im Jahr transplantieren. Auch die allogenen Stammzelltransplantationen entwickeln sich nicht nach sachlichen Kriterien.

So sollte es nicht weitergehen!

Komplexe Angebotsplanung muss den spezialisierten Facharztstandard rund um die Uhr als Qualitätskriterium Nummer eins setzen, für das übrige Personal hohe Anforderungen stellen, die fachliche Infrastruktur ebenso regeln wie die Zuständigkeiten von Kernzentren und Satelliten für die Nachsorge. Solche Qualitätsfaktoren können nur mit größeren Fallzahlen ausgelastet werden.

Plant man das in der Fläche, profitiert zu allererst der Patient, aber auch Effizienz und Wirtschaftlichkeit nehmen zu. Solche Planungen kann man nicht von der Selbstverwaltung oder Ministerien in Bund und Ländern erwarten. Hierzu wäre eine Bundesinstitution wie das Robert Koch- oder Paul-Ehrlich-Institut die naheliegende Planungsinstanz.

CONTRA: Jürgen Floege: Behandlungsqualität honorieren

Prof. Dr. med. Jürgen Floege, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie

Die gut 25.000 nierentransplantierten Patienten stellen die bei weitem größte Gruppe der Transplantierten dar – gerade diese Gruppe geht jedoch in der aktuellen Diskussion völlig unter! Derzeit werden sie in 44 Nierentransplantations-(NTx) Zentren betreut, eine drastische Reduktion auf nur 15 Zentren würde für die Betroffenen drastische Einschnitte mit sich bringen: Längere Wege, eine seltenere Wiedervorstellung, kürzere Arzt-Patienten-Kontaktzeiten sowie unter Umständen ein schlechteres Organ- und Patientenüberleben.

Denn hohe Fallzahlen sind kein Garant für eine höhere Behandlungsqualität. Im Bereich der NTx liegen gerade viele kleinere Zentren hinsichtlich des Transplantat- und Patientenüberlebens über dem Durchschnitt. Daher sollte nicht das Erreichen von Fallzahlen, sondern die Behandlungsqualität honoriert werden! Sicherlich sind daher einheitliche Richtlinien zur Struktur- und Prozessqualität inklusive Akkreditierungs- und Zertifizierungs-Bemühungen sinnvoller als eine willkürliche Reduktion der Zentrumsanzahl.

Mehr Sicherheit vor Manipulationen bietet die Schließung von NTx-Zentren ebenfalls nicht. In der aktuellen Diskussion geht unter, dass es im Bereich der NTx keine Vorfälle gab, unter anderem, weil durch die Mitbetreuung durch niedergelassene Nephrologen neben der Betreuung durch die Ärzte an den Zentren seit langem ein quasi „6-Augen-Prinzip“ bei der Vergabe der Spenderorgane praktiziert wird.

Schließlich würde eine Ausdünnung des NTx-Versorgungsnetzes in erheblichem Maße Ausbildungskapazitäten verringern und das Engagement für die Organspende reduzieren. Angesichts der dramatisch rückläufigen Spenderzahlen ein völlig falsches Signal!
© hil/aerzteblatt.de
Quelle: Deutsches Ärzteblatt: Transplanta­tionszentren reduzieren? Ein Pro und Contra

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