Organspende: Numerus Clausus für Lebern?

28.11.2013 ·  Die Bereitschaft, Organe zu spenden, geht zurück. Das liegt auch daran, dass sie ungerecht verteilt werden. Es müssen jetzt endlich einklagbare Kriterien aufgestellt werden.

Von Oliver Tolmein 
Der Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) Rainer Hess hat anlässlich der Bekanntgabe der äußerst niedrigen Organspendezahlen für 2013 öffentlich die Frage aufgeworfen, ob dieses zunehmend knappe Gut ausreichend gerecht verteilt werde. Das wird die Verteidigung im Totschlagsprozess gegen den Göttinger Transplantationschirurgen, dem die Manipulation von Wartelistendaten vorgeworfen wird, gerne gehört haben, denn auch sie hält im Interesse ihres angeklagten Mandanten das gegenwärtige Verteilungssystem für fragwürdig. Rechtswissenschaftler plädieren dafür, die Prognose, inwieweit eine Transplantation voraussehbar Erfolg haben wird, stärker als bisher zu gewichten.
Dass auch der Deutsche Ethikrat zu Beginn des Herbstes darüber gestritten hat, wie Zuteilungskriterien für Organe künftig ausgestaltet werden sollen, unterstreicht, welche Bedeutung diesem Konflikt zugemessen wird. Es geht ja auch um Leben oder Tod: Wer auf der Warteliste ganz oben rangiert, kann vielleicht eine der wenigen hundert Lebern, Herzen oder Lungen erhalten. Wer Organe zu welchem Zeitpunkt bekommt, richtet sich nach den „Richtlinien für die Wartelistenführung und Organvermittlung“, die die Bundesärztekammer aufgestellt hat. Sie folgt dabei dem „Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft“, wie es in Paragraph 16 des Transplantationsgesetzes heißt, als ob es hier um eine schlichte Umsetzung medizinischen Wissens ginge.

Lebensgefahr lässt Chancen auf Spenderorgan steigen

Sechs Richtlinien für verschiedene Organe gibt es derzeit. Die Dünndarmtransplantation folgt anderen Regeln als die Nierentransplantation, und die wiederum unterscheiden sich von denen zur Herz- oder Lebertransplantation. Bei allen Differenzen in den Einzelfragen haben die Richtlinien aber eine wichtige Gemeinsamkeit: Voraussetzung für die Aufnahme auf die Warteliste ist, dass eine entsprechende medizinische Indikation vorliegt und kein grundlegendes Hindernis für eine Organübertragung. Als grundlegendes Hindernis wird dabei auch die unzureichende Mitarbeit des Patienten (compliance) betrachtet – das ist aber eindeutig kein feststehendes, wissenschaftlich nachprüfbares Kriterium, sondern eine schwierige Frage der Wertung.
Hat es jemand auf die Warteliste geschafft, dann spielen bestimmte medizinische Faktoren eine wichtige Rolle: Ein Organ wird nur an Patienten vermittelt, bei denen zum Beispiel die Blutgruppe stimmt. Bei den Patienten, bei denen die Organübertragung aus medizinischen Gründen Erfolgschancen hat, wird die Dringlichkeit zum herausragenden Faktor: Der, bei dem die Lebensgefahr besonders drängend ist, hat bessere Chancen auf ein Organ als Patienten, die auch ohne Transplantation vorerst noch eine gute Überlebensperspektive haben.

Das Verteilungssystem ist das Problem

Hier setzt die Kritik von einigen Medizinern und Juristen an. Die Transplantationsmedizinerin Gertrud Greif-Higer, Geschäftsführerin des Ethikkomitees der Universitätsklinik Mainz, hat auf der Tagung des Ethikrates die Konsequenz beschrieben, die das gegenwärtige Verteilungssystem hat: Dadurch, dass die Chancen der Patienten, die besonders krank sind, steigen, ein Organ zu erhalten, sinke unter Umständen die Wahrscheinlichkeit, dass der Transplantierte überleben könne. „Das Allokationssystem zwingt die Patienten, die schwer krank sind, die aber mit Transplantation noch gute Chancen haben, dazu, so lange zu warten, bis sie so schwer krank sind, dass sie nur noch mit schlechter Erfolgsaussicht transplantiert werden können. Und selbst wenn die körperliche Rehabilitation gelingt, droht den meisten das soziale Aus, ohne Arbeit, kleine Rente, mit fünfzig im Altersheim.“
Was aber wäre die Alternative dazu? Sollten stattdessen die möglichst fitten, jungen Patienten, deren Leistungsfähigkeit durch eine Operation bestenfalls weitgehend wiederhergestellt werden kann, deren Lebensqualität dadurch optimal gefördert werden würde, stärker von der knappen Ressource Organe profitieren? Das befürwortet so radikal und entschlossen kein namhafter Mediziner, Jurist oder Philosoph in der bundesdeutschen Debatte. Dem stünde auch entgegen, dass es in unserer pluralistischen Gesellschaft keinen Konsens darüber geben kann, welchen Stellenwert Fitness hat und was Lebensqualität ausmachen kann.

Optimierung ja, Diskriminierung nein

Organzuteilungsregeln, die vor allem auf Maximierung bestimmter Vorstellungen von Lebenswert setzen, widersprechen nach allgemeiner Auffassung auch dem Menschenwürdegrundsatz und dem Diskriminierungsverbot im Grundgesetz. Die vielleicht fünf Jahre umfassende Verlängerung des Lebens einer krebskranken Organempfängerin, die zwei kleine Kinder hat, kann rechtlich nicht als weniger wertvoll qualifiziert werden als die zehnjährige Lebensverlängerung, die mit demselben Organ möglicherweise bei einem Single, der keine weitere Erkrankung hat, erreicht werden könnte.
Der Grundsatz der, wie es in der juristischen Debatte bürokratisch abstrakt formuliert wird, „lebenswertindifferenten Organverteilung“ schließt aber nach Meinung der Heidelberger Strafrechtswissenschaftler Gerhard Dannecker und Anne Streng nicht aus, dass Verteilungskriterien entwickelt werden könnten, die einem Optimierungsgebot folgen, das zum Ziel haben sollte, „die knappen Ressourcen so einzusetzen, dass möglichst viele Menschen gerettet werden können“. Dannecker und Streng sehen den Staat hier geradezu in der Pflicht, ein solches System, in dem dann das Erfolgskriterium doch eine erheblich wichtigere Rolle spielen würde, zu etablieren.

Nun ist es allerdings auch heute nicht so, dass die Organverteilung die vorhandenen Ressourcen nicht erschöpfen würde. Die Kritiker nehmen ja nicht ins Visier, dass Organe liegen gelassen oder nicht entnommen würden; sie hadern damit, dass diese in ihren Augen nicht an die richtigen Patienten gelangen und damit nicht das beste denkbare Ergebnis erzielt wird. Da das gegenwärtig bevorzugte Dringlichkeitskriterium bei der Organvergabe keineswegs willkürlich ist, sondern in besonderer Weise dem Gleichheitsgrundsatz Rechnung trägt, taugt auch das gelegentlich ins Spiel gebrachte Numerus-clausus-Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1972 über Studienplätze als Argument für eine Änderung des Organverteilungssystems wenig.

Fehlender Rechtsschutz ist nicht hinzunehmen

Das ändert allerdings nichts daran, dass eine Debatte über die Organverteilung nötig ist, nur mit einer anderen Zielsetzung: Da es hier um rechtliche Fragen geht, die im Ergebnis die Zuteilung von Lebenschancen betreffen, müssen die Betroffenen die Chance haben, sich gegen Fehlentscheidungen zu wehren. Wer nicht auf die Warteliste gelangt, muss dagegen vorgehen können. Es ist auch schwer hinzunehmen, dass man dagegen klagen kann, keinen Studienplatz bekommen zu haben, dass es aber keine wirksame Rechtsschutzmöglichkeit gibt, wenn man meint, bei der Plazierung auf der Warteliste benachteiligt worden zu sein. Das setzt auch voraus, dass nicht an die Bundesärztekammer delegiert wird, scheinbar medizinisch neutrale Kriterien für die Organverteilung zu finden, sondern dass sich hier, wie bei anderen wesentlichen Fragen auch, der Gesetzgeber in die Pflicht nimmt, fachlich gut beraten auf Grundlage der Wertungen des Grundgesetzes entsprechende rechtliche Regeln zu definieren.
Ein Beispiel, wie der Staat hier nachvollziehbar seinen Pflichten gerecht werden kann, findet man im neuen Schweizer Transplantationsgesetz, das sowohl den Rechtsweg gegen Verfügungen über die Zuteilung von Organen eröffnet, als auch die Pflicht der Schweizer Bundesregierung begründet, ein diskriminierungsfreies Zuteilungsverfahren zu entwickeln.

Quelle: Organspende: Numerus Clausus für Lebern? – Feuilleton – FAZ

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