Organspende-Prozess: Das Reich des Doktor O.

19.12.2013 ·  Seit einem Vierteljahr wird der erste große Skandal um Spenderorgane verhandelt. Das Bild des Menschenfreundes, das der Angeklagte gerne von sich zeichnet, hat Risse bekommen. Handfeste Vorwürfe gegen Aiman O. gab es bislang aber wenige.

Von Andreas Nefzger 

Aiman O. betritt Saal B25 des Landgerichts Göttingen. © dpa

Die Regeln sahen vor, dass Irina F. stirbt. Eine Flasche Wodka trank die junge Mutter am Tag, über Jahre hinweg. Irgendwann wurde sie krank, erst gelb und dann dick vom vielen Wasser im Bauch. Diagnose: Leberzirrhose. Die Medizinische Hochschule Hannover weigerte sich, die Alkoholikern auf die Liste für ein Spenderorgan zu setzen. Also bereitete sich Irina F. auf das Ende vor: „Ich war bereit zu sterben.“ Doch dann nahm die Universitätsmedizin in Göttingen sie auf die Liste. Am 21. Mai 2010 bekam Irina F. eine neue Leber. Sie war 33 Jahre alt, ihre Kinder zwölf und neun. Heute trinkt sie keinen Alkohol mehr, und es geht ihr blendend. „Doktor O. hat mir eine zweite Chance gegeben“, sagt sie im Prozess gegen den Mann, der ihr das Leben gerettet hat. Doch Irina F. hätte wohl nie operiert werden dürfen.
Seit einem Vierteljahr muss sich Aiman O. vor dem Landgericht Göttingen verantworten. In elf Fällen soll er Daten manipuliert haben, um seinen Patienten eine Spenderleber zuzuschustern. Er soll Blutwerte verändert, Dialyseprotokolle gefälscht und, wie bei Irina F., über die Abstinenzzeit trockener Alkoholiker gelogen haben. Patienten in anderen Häusern sollen deshalb zu Unrecht länger auf ein rettendes Organ gewartet haben und darüber womöglich gestorben seien. Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag. In drei weiteren Fällen geht die Anklage von Körperverletzung mit Todesfolge aus. Aiman O. soll Patienten ohne Not eine Leber verpflanzt haben; sie starben an den Folgen der Operation.

Manipulationen gab es definitiv

Mehr als 20 Tage hat die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Göttingen schon verhandelt, knapp 50 Zeugen wurden befragt, fünf Sachverständige gehört. Manches ist klarer geworden in dieser Zeit, anderes blieb vage. Dass es Manipulationen gab, ist unumstritten. Die Prüfer der Bundesärztekammer haben unter 102 Transplantationen 79 Richtlinienverstöße festgestellt. Aiman O.s Nachfolger Otto K. strich die 130 Namen umfassende Warteliste radikal zusammen, zum Teil hätten sich darauf Patienten gefunden, die nicht einmal aufgeklärt worden seien. Bei einem entwickelte sich danach jedoch ein Lebertumor – wie von Aiman O. prophezeit. Seine Anwälte haben deshalb ihrerseits Otto K. angezeigt – wegen versuchten Totschlags.
Das Manöver passt zur Strategie von Aiman O.s Verteidigung, die seit Prozessbeginn die Moral auf ihrer Seite glaubt. Mit rotem Kopf wettert Verteidiger Steffen Stern gegen die Staatsanwaltschaft, deren Klage er jede Substanz abspricht. Die Regeln, nach denen in Deutschland Organe verteilt werden, seien ohnehin verfassungswidrig, und man könne einen Arzt nicht dafür bestrafen, dass er Leben rette. „Ich finde das unerträglich“, ruft Stern, als die Staatsanwaltschaft Irina F. vorhält, dass sie nicht lange genug trocken war, um eine neue Leber zu bekommen.

Die Transplantierten sind zum Teil verkrachte Gestalten

Der Vorsitzende Richter Ralf Günther, geduldig und gutmütig, hat bisweilen Schwierigkeiten, das Temperament der Prozessbeteiligten zu zügeln. Auch Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff kann scharfe Töne anschlagen. Die Korruptionsspezialistin, die auch schon in der Volkswagen-Affäre ermittelt hat, kam zu dem Verfahren, weil anfänglich vermutet wurde, es sei Geld für Organe geflossen. Belege dafür fanden sich nicht, und wer die Patienten sieht, die in der vergangenen Woche zum ersten Mal ausgesagt haben, dem scheint allein die Vermutung absurd. Es sind zum Teil verkrachte Existenzen.
Da ist der 54 Jahre alter Hartz-IV-Empfänger mit grauer Vokuhila-Frisur. Er trank bis vor der Operation eine Flasche Rum am Tag. Er ging mit Beschwerden ins Krankenhaus, betrunken, und kippte im Flur um. Fünf Tage später wachte er in Göttingen wieder auf – mit neuer Leber.
Da ist der 51 Jahre alte arbeitslose Bühnentechniker. Er fing sich Ende der achtziger Jahre in Indien Hepatitis C ein. Er spritzte Heroin und machte einen Entzug. Dann begann er zu trinken. Am 31. März 2011 wurde er in Göttingen gelistet, am Tag darauf bekam er eine neue Leber. Danach zog er in eine Einrichtung für betreutes Wohnen. Es geht ihm gut.

Ohne Transplantation wäre der Mann ohne Zweifel gestorben, wie auch die anderen Patienten. Mögliche Manipulationen kann oder will vor Gericht keiner von ihnen bestätigten. Bisweilen scheinen sie Aiman O. sogar decken zu wollen. Auf die Frage, wie lange vor der Transplantation sie keinen Alkohol getrunken haben, sagen viele: „So ungefähr ein halbes Jahr“ – was der von der Bundesärztekammer vorgegebenen Karenzzeit entspricht. Irinia F., die Mutter zweier Kinder, gibt erst nach hartem Nachfragen zu, dass es vielleicht auch nur vier Monate waren. Eine Zeugin hatte ausgesagt, dass die Frau mit einer Flasche Wodka im Gepäck nach Göttingen gebracht wurde. Zum Abschluss sagt Irina F. unter Tränen: „Ich wollte mich noch einmal bedanken für die zweite Chance.“ Andere Zeugen schütteln Aiman O. die Hand und wünschen ihm alles Gute.
Das Bild des leidenschaftlichen und ausnehmend talentierten Arztes, das Aiman O. vor Gericht von sich selbst zeichnet, beschädigt keiner der Patienten, und die alten Kollegen bestätigen es bisweilen. „Herr Professor O. ist wohl ein guter Chirurg gewesen. Patienten liefen bald nach der Transplantation schon wieder in der Kantine rum und aßen Pommes“, sagt ein Arzt. Ein anderer schwärmt, O. sei „einer der besten Chirurgen, die ich bisher kennengelernt habe“.

Aiman O. führte die Abteilung wie ein Königreich

Aber Aiman O. war offenbar auch ein Tyrann. Der langjährige Direktor der Allgemeinmedizin Hans Becker sagte, der Chirurg habe sich „eine eigene Welt“ in der Universitätsmedizin geschaffen. Ein Arzt sagte, O. habe die Abteilung „wie ein Königreich“ geführt. Dabei schmiedete er offenbar eine Allianz mit Giuliano R., dem mittlerweile beurlaubten Leiter der Gastroenterologie. Die beiden Ärzte hielten die wöchentliche Konferenz über Kandidaten für eine Transplantation ohne Psychiater und ohne Anästhesisten ab, sie fertigten kein Protokoll an und schlossen die Transplantationskoordinatoren aus, die Patientendaten an die Organ-Vermittlungsstelle Eurotransplant weitergeben. Gegen den Gastroenterologen wurden im Prozess schwere Vorwürfe laut. Mehrere junge Ärzte berichteten, dass Giuliano R. sie zu Manipulationen aufgefordert habe oder dass sie auf sein Geheiß Blutproben manipuliert hätten. Die Staatsanwaltschaft wartet mit einer Anklage das Urteil gegen Aiman O. ab.
Gegen den gab es so eindeutige Vorwürfe bislang nicht. Die Assistentin der Transplantationkoordination sagt aus, sie habe ihn einmal auf eine unstimmige Patientenakte angesprochen und sei daraufhin abgebügelt worden: „Davon verstehen Sie nichts. Das ist eine ärztliche Aufgabe.“ Ein Arzt erzählt, wie Aiman O. einmal persönlich mit einer Blutprobe in der Hand zu ihm gekommen sei – ein Professor mit einer Blutprobe, das sei schon seltsam gewesen. Und Anfang der Woche berichtete der Leiter der Anästhesiologie am Göttinger Uniklinikum, Michael Quintel, wie ihn Aiman O. aus einer Besprechung rufen ließ, nachdem die Bundesärztekammer eine Kontrolle angekündigt hatte. O. habe sich erkundigt, ob man Dialyseprotokolle auch nachträglich in die elektronische Patientenakte einfügen könne. „Mir war klar, dass es sich um Protokolle handeln muss, an deren Echtheit erheblicher Zweifel besteht.“

Das Gericht sieht die Vorwürfe im Kern bestätigt

Dem Gericht reichen die bisherigen Erkenntnisse jedenfalls, um die Vorwürfe bei den Manipulationsfällen im Kern bestätigt zu sehen. Als die Kammer am Montag über die Aufhebung des Haftbefehls gegen Aiman O. befindet, präsentiert sie eine Art Zwischenbericht. Es bestehe nach wie vor „dringender Tatverdacht“, verliest Richter Günther in der mehr als einstündigen Begründung. Die schwerer als die Manipulationen wiegenden Vorwürfe der Körperverletzung mit Todesfolge lässt das Gericht aber fallen. Nur in einem Fall habe eindeutig eine Fehldiagnose vorgelegen, die O. aber offenbar nicht bemerkt hatte. Es sei deshalb nur von fahrlässiger Tötung auszugehen. Die drohende Haftstrafe fällt damit geringer aus.
Als das Gericht schließlich verkündet, Aiman O. nach elf Monaten gegen strenge Auflagen aus der Untersuchungshaft zu entlassen, applaudieren Zuschauer. Von Anfang an verfolgen auch ehemalige Patienten den Prozess. Es sind jene, die in Aiman O. vor allem eines sehen: den Retter ihres Lebens.

Quelle: Organspende-Prozess: Das Reich des Doktor O. – Kriminalität – FAZ

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