Nephrologe Walz im Interview: Wie eine Behörde die Transplantationsmedizin retten soll

Der Vorschlag ist brisant: Eine neue Bundesbehörde soll endlich
mehr Qualität in die Transplantationsmedizin bringen, fordern
Nephrologen. Einer der Wortführer ist Professor Gerd Walz. Im Interview
spricht er über revolutionäre Ideen, Vorteile staatlicher Kontrolle,
Probleme der Selbstverwaltung – und über Kommunismus.

Das Interview führte Denis Nößler

Präparation einer Niere, die auf ihren neuen Empfänger wartet: Wo geht die Reise für die deutsche Transplantationsmedizin hin?
© Jan-Peter Kasper / dpa

Ärzte Zeitung: Herr Professor Walz, eine Stellungnahme
Ihrer Fachgesellschaft, der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie
(DGfN) hat es ziemlich in sich: Darin sprechen Sie und Ihre Kollegen
sich für ein „Bundestransplantationszentrum“ aus, das die Organvergabe
regulieren soll. Wollen Sie tatsächlich eine staatlich regulierte
Transplantationsmedizin?

Professor Gerd Walz: Wir müssen das etwas differenzierter
betrachten. Man muss zugeben, dass die Selbstverwaltung nicht zu 100
Prozent funktioniert hat. Da hat es in der Vergangenheit einfach
Probleme geben.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Walz: Die Selbstverwaltung hat nicht verhindern können, dass
es zu strafrechtlich relevantem Fehlverhalten gekommen ist. Inzwischen
ist auch klar, dass es an mehreren Transplantationszentren zu
Unregelmäßigkeiten und Fehlern gekommen ist. Ich bin davon überzeugt,
dass diese Unregelmäßigkeiten die Versorgung der Patienten nicht
beeinträchtigt haben. Aber jeder Fehler, jede Intransparenz trägt zur
Verunsicherung der Bevölkerung bei.

Das Problem, das ich sehe, ist der tagtägliche Rückgang von
Organspenden und transplantierten Organen. Die Bevölkerung erwartet von
uns offenbar einen neuen Ansatz, ein neues Konzept für die
Transplantationsmedizin.

Und das wäre?

Walz: Wir müssen versuchen, über unseren eigenen Schatten zu
springen und uns fragen: Was ist aus der Sicht des Patienten sinnvoll?
Der würde antworten, dass das neue Organ möglichst lange in seinem
Körper bleibt. Und er würde uns fragen, mit welchem Aufwand die
Transplantation verbunden ist. Wenn wir die entscheidenden Fragen aus
Patientensicht stellen, ergeben sich die nötigen Dinge von alleine.

Das heutige Transplantationswesen arbeitet also am Patienten vorbei?

Walz: Es ist schon putzig. Schauen Sie nur, wie
Transplantationen heute geregelt sind: Wer mehr transplantiert, erhält
mehr Geld. Am meisten Geld bekommt man, wenn ein und derselbe Patient
eine Zweit- oder Dritt-Transplantation erhalten muss …

… also Retransplantationen, etwa bei einer chronischen Rejektion.

Walz: Richtig, und das ist nur eines der Probleme. Ein Patient
würde doch der Einrichtung besonders viel Geld dafür geben, dass ein
Organ möglichst lange hält, oder? Das nächste Problem: Mit der Nachsorge
für Patienten nach einer Nierentransplantation machen wir ein riesiges
Defizit. Der Anreiz, dass ein transplantiertes Organ möglichst lange im
Körper des Patienten bleibt, ist einfach nicht da.

Sie sprechen die Ergebnisqualität an. Die ist in Deutschland bei
Transplantationen bekanntlich nicht die beste, verglichen mit anderen
Ländern. Wird Ihr Vorschlag das wirklich ändern können?

Walz: Ich bin davon überzeugt, dass die
Transplantationsergebnisse am besten von einer Behörde kontrolliert
werden können. Diese Behörde sollte die Richtlinien aufstellen, nach
denen die Zentren künftig arbeiten. Und sie muss die Qualität überprüfen

… also zum Beispiel Patientenüberleben und Organfunktion.

Walz: Genau. Unser angedachtes BTZ würde die Zentren
akkreditieren und regelmäßig Audits durchführen. Die Ergebnisse würden
in das bundesweite Transplantationsregister einfließen. Dann könnten wir
auf einen Blick sehen, wo wir Qualitätsprobleme haben und was wir tun
müssen, um das Ergebnis zu verbessern.

Das Register soll ja ohnehin kommen. Die DSO, die Deutsche
Stiftung Organtransplantation, geht davon aus, dass noch in diesem Jahr
die Grundlagen geschaffen werden könnten. In ein, zwei Jahren könnte es
dann wohl an den Start gehen. Was würde Ihre geplante Behörde besser
machen können?

Walz: Entscheidend sind die Richtlinien, die sie erlassen
würde. Die müssten sich darauf beschränken, dass in den Zentren gewisse
Strukturen vorgehalten werden müssen. Das muss natürlich eine
Maximalstruktur sein. Wir müssten von den Zentren beispielsweise
fordern, dass sie einen Pathologen vorhalten müssen, der bei einer
akuten Rejektionsdiagnostik einen Befund stellen kann. Auf diese Weise
wird direkt eine Flurbereinigung stattfinden.

Sie spielen auf die von manchen geforderte Schließung und Zusammenlegung von Zentren an?

Walz: Solche Forderungen bräuchten wir gar nicht mehr. Denn
sollte unser Vorschlag umgesetzt werden, würden manche der heutigen
Zentren sagen: „Das ist uns zu teuer.“

Nehmen wir einmal an, ein Krankenhaus bekäme nur noch 60 Prozent der
Kosten für eine Transplantation erstattet. Die weiteren 40 Prozent würde
es dann über die Jahre verteilt für den Nachweis guter Funktionsraten
der Transplantate erhalten. Für viele der heutigen Zentren wird das dann
einfach nicht mehr wirtschaftlich sein.

Ich weiß von Kollegen, die anfangs sagten, acht Zentren würden
vollkommen ausreichen. Später sind sie davon wieder abgewichen. Denn
dann entstünde ja quasi ein Oligopol, das kaum einen Qualitätsanreiz
setzt. Viele Patienten müssten weit reisen und außerhalb der Zentren
wäre dann rasch die Kompetenz für die Nachsorge weg. Das haben
mittlerweile viele in der Diskussion realisiert.

Auch die Frage nach Mindestmengen würde sich erübrigen. Solche
Vorgaben sind einfach nicht geeignet, um mehr Qualität in die
Transplantation zu bringen.

Neue Richtlinien alleine reichen also nicht aus. Sie müssen auch an der Stellschraube Vergütung drehen.

Walz: Natürlich, vor allem sollte sie sich nicht mehr nur auf
die Zahl der Transplantationen beschränken. Es wäre eine Revolution,
wenn man die Transplantationsmedizin endlich aus den DRG herausnehmen
würde. Dort müssen wir ansetzen.

Die Große Koalition hat sich dieses Thema ja vorgenommen:
Stationäre Leistungen sollen künftig generell mehr nach Qualität bezahlt
werden. Halten Sie einen solchen globalen Ansatz für richtig?

Walz: Qualitätsvergütung ist ein hehrer Anspruch. Ich glaube,
dass sich Qualität leider in vielen Bereichen der Medizin nicht oder nur
sehr schwer messen lässt. Sie müssten vermutlich 90 Prozent der
Verwaltungsressourcen in das Messen von Qualität stecken. Aber für
Transplantationen ist das wirklich machbar. Die Politik wäre gut
beraten, wenn sie sich für den Anfang ein Thema aussucht, das auch
einfach umsetzbar ist.

Lassen Sie uns noch einmal zu der Idee einer zentralen Behörde
zurückkommen. Sie fordern, dass sie unter der Aufsicht des
Bundesgesundheitsministeriums tätig wird, also als eine Körperschaft
öffentlichen Rechts. In der Vergangenheit gab es bereits Vorschläge, das
Paul-Ehrlich-Institut (PEI) solle solche Aufgaben übernehmen. Schon
heute ist es für die Transfusionsmedizin zuständig. Halten Sie das PEI
für geeignet?

Walz: Ob es eine neue Behörde braucht, oder ob man sie an
bestehenden Institutionen ansiedelt, ist nachrangig. Es gab ja auch den
Vorschlag, ein „Rudolf-Pichlmayr-Institut“ ins Leben zu rufen …

… benannt nach dem deutschen Pionier der Transplantationsmedizin aus Hannover. Der Vorschlag wurde vergangenes Jahr
von dem Generalsekretär des Uniklinik-Verbands, Dr. Rüdiger Strehl, und
dem Chirurgen Professor Rüdiger Siewert ins Spiel gebracht.

Walz: Man darf nicht vergessen, dass die
Transplantationsmedizin im Moment Ländersache ist, wegen deren
Zuständigkeit für die Krankenhausplanung. Eigentlich müsste man die
Behörden auf Landesebene einrichten. Ich glaube aber, dass die
Sozialministerien durchaus eine gemeinsame Bundesbehörde akzeptieren
könnten. Denn andernfalls müssten sie die Strukturen sechzehnmal
aufbauen.

Spielen wir den Gedanken einer Behörde weiter durch: Wenn sie
künftig die Richtlinien für die Transplantationsmedizin erlassen soll,
könnte etwa die Bundesärztekammer das als Affront verstehen. Immerhin
ist sie im Moment für die Richtlinien zuständig. Sehen Sie das als
Gefahr?

Walz: Das ist ein wunder Punkt. Ich glaube allerdings nicht,
dass man irgendwem etwas wegnehmen muss. Man kann das koordinieren,
indem man bestehenden Institutionen wie der BÄK auch weiterhin Aufgaben
überträgt – nur dann unter der Führung der neuen Behörde. Klar ist, dass
es nicht überall nur Gewinner geben kann. Das darf uns aber nicht von
den Überlegungen abhalten. Wir müssen ein klares Signal nach außen
geben, dass sich die Transplantationsmedizin verändert.

Hin und wieder hat man das Gefühl, dass nur wenige eine
öffentliche Debatte über die Transplantationsmedizin wollen. Glauben
Sie, dass eine breite Diskussion mit allen Beteiligten möglich ist und
zu einem fruchtbaren Ergebnis führen wird?

Walz: Nun, wenn man verschiedene Leute zusammenbringt, bekommt
man am Ende immer nur einen kleinen gemeinsamen Nenner. Ich glaube,
dass wir jetzt eine Diskussion brauchen und Vorstöße, die auch in eine
andere Richtung gehen.

Unser Vorschlag ist ein Debattenbeitrag. Das ist eine Chance auch für
Herrn Gröhe. Er sollte sich die Vorschläge gut anhören und am Ende auch
handeln. In den Bundesländern und in vielen Zentren wird diese
Diskussion bereits geführt, wie bei uns in Baden-Württemberg. Bislang
gibt es nirgends eine einheitliche Stoßrichtung. Aber ich glaube, dass
es einige andere gibt, die genauso denken wie wir.

Selbst unter den Nephrologen gibt es keine Einheitsmeinung. Beim
Nephrologenkongress im letzten Jahr wurde es teilweise sehr laut, als
Ihre Kollegen über die Zukunft der Transplantationsmedizin diskutiert
hatten.

Walz: Man sollte meinen, dass alle Nephrologen am gleichen
Strang ziehen. Aber das stimmt natürlich nicht. Auch unter den
Nephrologen gibt es teils ganz unterschiedliche Interessen. In einem
großen Zentrum ist zum Beispiel der Zentralisierungsgedanke extrem
attraktiv. Wenn ich jedoch an einem kleinen Zentrum tätig bin, sehe ich
die Dinge natürlich etwas anders.

Herr Professor Walz, was würden Sie jenen entgegnen, die Ihren
Vorschlag einer zentralen Regulierungsbehörde als „Kommunismus“ und als
Weg hin zur staatlichen Organvergabe kritisieren?

Walz: Das finde ich eine lustige Hypothese. Schauen Sie, wir
unterliegen doch längst in vielen Bereichen staatlicher Kontrolle.
„Kommunismus“ im negativen Sinne wäre, dass jede Konkurrenzsituation
ausgeschaltet wird. Das ist bei unserem Vorschlag aber nicht der Fall.
Die Zentren würden ja endlich beginnen, über Qualität zu konkurrieren.
Die zentrale Behörde wäre außerdem keine, die die Vergabe von Organen
bestimmt. Sie erfasst die Ergebnisqualität und macht sie transparent.
Das hat mit Kommunismus gar nichts zu tun.

Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: Nephrologe Walz im Interview: Wie eine Behörde die Transplantationsmedizin retten soll

Prof. Gerd Walz © privat

Aktuelle Tätigkeit: Ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik IV (Nephrologie und Allgemeinmedizin) am Uniklinikum Freiburg
Ausbildung: Studium der Medizin von 1976 bis 1983 in Berlin und Tübingen, Promotion 1984
Werdegang: 1983-1987 Facharztausbildung in Berlin
1987-1992 Postdoc Transplantationsimmunologie und Molekularbiologie an der Harvard Medical School
1992 Habilitation in Berlin
1992-1995 Facharztausbildung Nephrologie an der Harvard Medical School
1995-1999 Oberarzt und Assistenzprofessur an der Harvard Medical School
seit 1999 Professor und Ärztlicher Direktor am Universitätsklinikum Freiburg
2010 Mitglied der Leopoldina
2011 „Lillian Jean Kaplan International Award“ für seine Forschung zu polyzystischen Nierenerkrankungen

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s