Deutsche Stiftung Organtransplantation: Das Vertrauen ist auch bei Ärzten erschüttert

Christoph Link, Frankfurt,
11.02.2014 18:38 Uhr

Eigentlich könnte jeder einen Organspendeausweis mit sich führen. Aber die Spendenbereitschaft ist rapide zurück gegangen.Foto: dpa

Frankfurt
– Das schicke Bürohochhaus in bester Lage am Deutschherrn-Ufer in
Frankfurt am Main gibt eine Ahnung von der ruhmreichen Vergangenheit:
Die Deutsche Stiftung Organtransplantationen (DSO), 1984 vom Kuratorium
für Dialyse und Nierentransplantation gegründet, hat viel Leid
gelindert. Es ist zu vermuten, dass dankbare Patienten die gemeinnützige
Stiftung früher reichlich beschenkt haben, ihr Vermögen war
„beträchtlich“, heißt es. Aber die heutige DSO, eine Schaltzentrale der
Transplantationsmedizin, steuert im 30. Jahr ihres Bestehens durch
schwieriges Fahrwasser. Sie hat eine eigene Krise meistern müssen und
sorgt sich aktuell um die rückläufige Zahl an Organspenden. Skandale an
einigen Kliniken haben die Bürger tief verunsichert.

Vor drei Jahren geriet die DSO durch einen anonymen Brief selbst in
die negativen Schlagzeilen. Ein Gutachten entkräftete die genannten
Vorwürfe später und stellte lediglich „kleinere Unregelmäßigkeiten“
fest, sagt Rainer Hess, der 2013 zum Interimsvorstand für die
Restrukturierung der DSO berufen wurde. „Der Wert der Deutschen Stiftung
Organtransplantationen ist nicht tangiert. Sie ist ein unverzichtbarer
Bestandteil der Transplantationsmedizin.“ In seinem Büro im obersten
Stock hat der 73-jährige eine wunderbare Aussicht. Den Überblick muss
Hess auch haben. Der renommierte Jurist und frühere Vorsitzende des
Gemeinsamen Bundesausschusses hat den Job des „Aufräumers“ in der DSO
inne gehabt. Der sei nun „erledigt“, sagt er. Ende März endet seine
Amtszeit und Axel Rahmel von Eurotransplant wird als Medizinvorstand
nachrücken. Der kaufmännische Vorstand Thomas Biet bleibt im Amt.

Vertrauensbildung ist entscheidend

Unter Hess’ Ägide ist die DSO auf ein breites Fundament gestellt
worden: Vertreter von Bund und Ländern sind in den Stiftungsrat geholt
worden. Der für die DSO wichtige Bundesfachbeirat, früher mit Chirurgen
besetzt, ist um Intensivmediziner, Neurologen, Hirntotspezialisten und
Transplantationsmediziner erweitert worden. Auch für die
Vertrauensbildung ist der Beirat wichtig. Er ist es, der Standards und
Verfahrensanweisungen für eine Organentnahme entwickelt. Das mache zwar
auch die Bundesärztekammer, sagt Rainer Hess, aber deren Richtlinien
seien für die tägliche Arbeit der 700 bei der DOS unter Vertrag
stehenden Entnahmechirurgen „nicht so hart definiert“. Mit der
vollzogenen Strukturreform sieht Hess die DSO für die Zukunft gerüstet.
Die DSO sei mit der Koordinierung von Transplantationen mit einer
öffentlich-rechtlichen Aufgabe betraut und werde von den Krankenkassen
bezahlt.

Das größte Problem ist der Rückgang der Organspenden – 2013 gab es
ein Minus von 16 Prozent. Verursacht wurde der Einbruch durch die
Manipulationen an Wartelisten in einigen Kliniken. In Göttingen steht
deswegen ein Chirurg vor Gericht. „Ich hatte so einen dramatischen
Rückgang nicht erwartet. Es ist traurig“, sagt Hess. Ja, es habe eine
Verunsicherung in der Bevölkerung gegeben, aber auch eine Demotivation
bei den Ärzten in den Entnahmekrankenhäusern. „Die sind zum Teil
verärgert. Sie entnehmen Organe und fragen sich, was geschieht mit denen
eigentlich?“ Der Transplantationsmediziner „sonne sich in seinem
Erfolg“, der Entnahmechirurg stehe im Schatten, sagt Hess. Den
Einsatzwillen der Ärzte zu stärken wird deshalb eine Schlüsselaufgabe
sein. So weist Hess daraufhin, dass es trotz der Krise einigen Kliniken
2013 gelungen sei, die Zahl der Organentnahmen zu steigern.

Es kommt offenbar auf die Motivation der Ärzte und den sensiblen
Umgang mit Angehörigen an. „Wir sind optimistisch. Der Wert der
Organspenden wird in der Bevölkerung anerkannt. Wir werden Vertrauen
zurück gewinnen“, zeigt er sich optimistisch. Eine Reihe von Maßnahmen
wurde beschlossen: Alle Transplantationsprogramme werden überprüft,
neuerdings müssen drei Personen über eine Aufnahme auf die Warteliste
entscheiden(Sechs-Augen-Prinzip) und Eurotransplant wird selbst bei
eiligen Verfahren mit eingebunden. Als vorrangige Aufgabe sieht Hess die
Aufklärung an, wobei er wenig von lautmalerischen Aktionen hält.
„Kampagnen können auch Gegenreaktionen auslösen. Damit rufen Sie die
Kritiker auf den Plan.“ Er plädiert für eine sensible Aufklärung. 11 000
Menschen stehen in Deutschland auf der Warteliste. „Insbesondere bei
Leberkranken ist eine Transplantation die einzige möglich Behandlung –
da hängt das Leben von ab.“

Plakataktion macht auf Betroffene aufmerksam

Die DSO darf selbst keine Kampagnen machen. Das tut die ihr
angegliederte Stiftung „Fürs Leben“; sie wird Ende Februar Plakate
hängen: Da werden beklemmende Wartesituationen gezeigt, und es werden
die Schicksale von drei jungen Leuten dargestellt: Michael Stapf (28)
wartet seit acht Jahren auf eine Niere, Jennifer Bras (27) hängt am
Sauerstoffgerät und hofft seit vier Jahren auf eine Lunge, Kevin Kerrutt
(22) wartet auf ein Herz. Jennifer Bras sagt: „Je schlechter es mir
geht, desto ungeduldiger werde ich, ich möchte doch leben.“

Rainer Hess hofft auf die rasche Einführung des
Transplantationsregisters, das im Koalitionsvertrag versprochen wurde.
Nur mit dem Register werde der Erfolgsweg von Organen nachgezeichnet
werden können, man wird herausfinden, inwieweit das Verpflanzen von
älteren Organen sinnvoll ist. Schließlich erwartet Hess eine neue
ethische Diskussion in der Bundesärztekammer über die Kriterien für die
Organvergabe: In Deutschland steht die Dringlichkeit im Vordergrund, in
anderen Ländern wie Großbritannien ist es die Erfolgsaussicht. Soll man
einem Schwerstkranken mit einer kurzen zu erwartenden Lebenszeit
bevorzugen? Hess könnte sich vorstellen, dass „die Dringlichkeit nach
hinten geschoben“ wird. Die Kriterien für die Lebertransplantation
sollen bald neu formuliert werden. Es wird dabei bleiben, dass ein
Alkoholkranker ein halbes Jahr trocken sein muss, bevor er eine Leber
erhalten darf. Hess findet das gut: „In der Zeit regeneriert sich die
Leber möglicherweise, so dass der Patient kein neues Organ braucht.“

Quelle: Deutsche Stiftung Organtransplantation: Das Vertrauen ist auch bei Ärzten erschüttert – Politik – Stuttgarter Zeitung

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s