Hirntod: "Niemand erlebt wach, wie seine Organe entnommen werden"

Nach Pannen bei der Diagnose des Hirntods wächst die Angst potenzieller
Organspender. Wolfgang Betolo vom Klinikum Stuttgart erklärt, wie Ärzte
den Hirntod feststellen. Ein Interview von  ZEIT ONLINE:
Die Süddeutsche Zeitung berichtet, es käme in Deutschland vor, dass Menschen für tot erklärt und als Organspender freigegeben würden, ohne dass deren Hirntod sicher festgestellt wurde. Herr Bettolo, was bedeutet es genau, wenn ein Patient hirntot ist?

Wolfgang Bettolo ist Transplantationsbeauftragter des Klinikums Stuttgart. Er ist Anästhesist, Notfallmediziner und arbeitet seit 18 Jahren in der Transplantationsmedizin. Foto © DHBW Stuttgart

Wolfgang Bettolo: Das Gehirn als Steuerungsorgan hat
einen Komplettausfall erlitten und alle Lebensfunktionen, für die es
zuständig ist, sind erloschen. Dazu gehören zum Beispiel die Atmung,
aber auch die Reaktion auf Schmerzen und bestimmte Reize. Berührt man
etwa mit einem Stäbchen den Rachen eines Menschen, müsste der sofort
husten und würgen. Ein Patient, der hirntot ist, hat diesen Reflex nicht mehr.
ZEIT ONLINE: Wie genau läuft das Prozedere ab, wenn der Hirntod festgestellt werden soll, damit Organe für eine Transplantation entnommen werden können?

Bettolo: Zuallererst müssen alle Ursachen
ausgeschlossen werden, die einen Hirntod vortäuschen könnten. Dazu
gehören etwa eine Narkose, Vergiftungen, bestimmte Schmerzmedikamente
oder extreme Unterkühlung. Ist das alles geklärt, untersuchen zwei Ärzte
unabhängig voneinander die Körperfunktionen. Das geht streng nach einem
festgelegten Formular.

ZEIT ONLINE: Was wird genau untersucht?

Bettolo: Dazu gehören Tests der Schluck- und
Schmerzreflexe ebenso wie zu kontrollieren, ob die Pupillen sich
verengen, wenn man sie anleuchtet. Abschließend wird noch der Apnoetest
gemacht, für den die Beatmung ausgesetzt wird. Normalerweise fängt ein
Mensch reflexartig an zu atmen, wenn der CO2-Gehalt im Blut einen
gewissen Wert übersteigt. Geschieht das nicht mehr, ist das ein weiteres
Indiz, dass der Hirntod eingetreten ist.

ZEIT ONLINE: Wie oft nehmen Sie solche Beurteilungen vor?

Bettolo: Im Schnitt sind es rund 40
Hirntod-Diagnosen pro Jahr hier in unserem Klinikum. Davon führen aber
nur etwas mehr als zehn Fälle zu einer tatsächlichen Organentnahme. Ein
Krebspatient nach einer intensiven Chemotherapie zum Beispiel kommt als
Organspender nicht infrage, auch wenn er vor seinem Tod sein
Einverständnis gegeben hat.

ZEIT ONLINE: Worin liegen die Schwierigkeiten der Hirntod-Diagnose?

Bettolo: Wenn so ein Fall eintritt, muss der Arzt
das gesamte Prozedere und alle Einflussfaktoren parat haben. Wenn man
das als Arzt zu selten macht, weil man in einer kleineren Klinik
arbeitet, kann einem theoretisch etwas entgehen. Denkbar ist zum
Beispiel, dass derjenige vergisst, Vergiftungen oder Ähnliches vor der
Untersuchung auszuschließen. Meine Erfahrung zeigt aber etwas anderes:
In kleineren Krankenhäusern wird oft gar nicht erst das Prozedere für
eine Organentnahme eingeleitet, weil der Fall so selten ist, dass die
Ärzte daran gar nicht denken oder sich den Diagnoseweg, der dafür nötig
ist, nicht zutrauen.
ZEIT ONLINE: Was würde passieren, wenn jemand fälschlich für hirntot erklärt wird?

Bettolo: Ein Patient müsste schon im tiefen Koma
sein, dass so etwas passieren könnte. Er würde also gar nichts spüren.
Diese Sorge, jemand könnte wach miterleben, wie seine Organe entnommen
werden, ist eine Mär. Medizinisch gibt es dafür keine Grundlage. Selbst
wenn jemand während der Entnahme noch mit dem Arm zuckt, ist das nur ein
Reflex, der nicht mehr vom Hirn unterdrückt wird. Es ist kein Zeichen
dafür, das dieser Mensch noch bei Bewusstsein ist.

ZEIT ONLINE: Kennen Sie denn Fälle, in denen es beinahe zu einer Falschdiagnose kam?

Bettolo: Nein, ich kenne keinen einzigen Fall. Ich
mache das jetzt seit 18 Jahren und habe das nie erlebt und kann guten
Gewissens für unser Klinikum sagen, dass die maximalen
Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, damit das nicht passiert.

ZEIT ONLINE: Wäre es denkbar, dass jemand fälschlich für hirntot erklärt wird, obwohl er hätte weiterleben können?

Bettolo: Ich kann nichts über einen solchen Fall sagen, in dem alle vorhandenen
Sicherheitsmechanismen versagt haben müssten. Aber für mich persönlich
und unser Krankenhaus kann ich so etwas vollkommen ausschließen.

ZEIT ONLINE: Für welche anderen medizinische Bereiche ist eine exakte Hirntod-Diagnose noch wichtig?
Bettolo: In Teilen werden solche Hirntests durchgeführt, wenn ich als Arzt wissen will, wie schwer eine partielle Verletzung des Gehirns ist oder wie tief das Koma eines Patienten ist.
ZEIT ONLINE: Dass Hirnströme gemessen werden, ist derzeit für eine Hirntod-Diagnose nicht verpflichtend. Ärzte können also nur aufgrund äußerer Befunde jemanden für hirntot erklären. Sehen Sie darin ein Problem?
Bettolo: Ich persönlich fühle mich sicherer, wenn es zusätzlich zur ärztlichen Untersuchung ein technisches Verfahren gibt. Sei es, dass die Hirnströme gemessen werden oder geguckt wird, wie das Gehirn auf äußere Reize reagiert. Ich glaube, dass eine Pflicht zu einem solchen Zusatz-Check bei den Angehörigen und in der Bevölkerung die Akzeptanz der Organspende erhöhen würde.
ZEIT ONLINE: Ein weiteres Problem scheint zu sein, dass die Deutsche Stiftung Organspende (DSO) zwar Koordinatoren für die Organentnahme stellt, diese aber keine Ärzte sind. Selbst wenn sie auf einen Verstoß der Diagnoserichtlinien stoßen, würden sie kein Gehör mit ihrer Kritik finden. Wäre es nicht besser, wenn ein mobiles Einsatzteam aus Ärzten der DSO die Hirntod-Diagnose stellt anstelle der Ärzte in einer Klinik, die das eher selten machen?
Bettolo: Ja, das wäre auf jeden Fall eine Verbesserung. Manche Ärzte neigen dazu, Leute unterhalb ihrer Hierarchieebene nicht wirklich ernst zu nehmen. Dabei haben die Kollegen von der DSO, egal welche Ausbildung sie haben, am meisten Ahnung, wenn es um den Hirntod geht.

Quelle: Hirntod: „Niemand erlebt wach, wie seine Organe entnommen werden“ | ZEIT ONLINE

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