Transplantation: Hirntod-Diagnostik mit Problemen?

Kein Hirntod: Hier sind noch Ströme.
© Andrea Danti / fotolia.com

Fehlerhafte Diagnostik, laufende Medikation, missverstandene
Richtlinien: In einigen Fällen gibt es bei der Hirntod-Diagnostik
offenbar Probleme. Die DSO warnt jedoch vor Panikmache.

MÜNCHEN. In Deutschland gibt es offenbar hin und wieder
Regelverletzungen bei der Hirntoddiagnostik vor der postmortalen
Organspende. In den vergangenen drei Jahren habe es insgesamt zehn
Abweichungen gegeben, sagte der Interimsvorstand der Deutschen Stiftung
Organtransplantation (DSO), Dr. Rainer Hess, der Nachrichtenagentur dpa.

Hess bestätigte damit teilweise einen Bericht der „Süddeutschen
Zeitung“ vom Dienstag. Danach soll es unter anderem zwischen Anfang 2011
und Anfang 2013 in Bayern und Nordrhein-Westfalen insgesamt acht Fälle
von Fehlern bei der Diagnostik des Hirntods gegeben haben. Die
Feststellung ist obligatorisch vor der Leichenspende.

In zwei Fällen ist es nach Angaben der DSO von Dienstagabend „zu
einer Organentnahme nach formal fehlerhafter Hirntoddiagnostik“
gekommen. Beide Fälle seien der Staatsanwaltschaft gemeldet worden. „In
den anderen Fällen hat das Kontrollsystem funktioniert“, sagte Hess
dazu.

In keinem Fall habe es aber eine Organentnahme bei Lebenden gegeben.
Hess trat dem Vorwurf entgegen, die Hirntoddiagnostik sei hierzulande
häufig fehlerhaft. „Ich weise den Generalverdacht über falsche
Todesfeststellungen mit Nachdruck zurück.“

Einer der beiden genannten Fälle mit Organentnahme könnte der jenes
Kleinkindes sein, über den die „Süddeutsche“ berichtet hatte. Dem Kind
sollen „vor wenigen Jahren“ in „Norddeutschland“ Organe entnommen worden
sein, obwohl der Hirntod nicht korrekt diagnostiziert wurde. Die
„Süddeutsche Zeitung“ beruft sich bei der Schilderung auf „interne
Unterlagen“ nicht näher benannten Ursprungs.

Das Problem bei Kindern: Für sie gelten adjustierte Vorgaben zur
Hirntodfeststellung. Nach Ziffer 4 der einschlägigen Richtlinie der
Bundesärztekammer (BÄK) müssen bei Säuglingen und Kleinkindern (29. bis
730. Lebenstag) mindestens 24 Stunden zwischen den Untersuchungen
liegen. Bei unreifen Frühgeborenen muss die Beobachtungszeit sogar
mindestens 72 Stunden betragen.

Womöglich hatten die diagnostizierenden Ärzte – es müssen immer zwei
in der Intensivmedizin qualifizierte Untersucher sein sein – in diesem
Fall die üblichen Regeln für Erwachsene (Ziffer 3.1) angewandt.

Danach gilt für die primäre Hirnschädigung ein Zeitabstand von
mindestens zwölf Stunden, wenn alternativ keine ergänzenden
Untersuchungen durchgeführt werden können. Allerdings ist diese
Kasuistik nicht bestätigt. Die DSO bestätigte am Dienstagabend
lediglich, dass in einem Fall „die Untersuchungszeiten nicht korrekt
eingehalten worden“ sind.

In dem zweiten genannten Fall mit einer anschließenden
Entnahmeoperation soll laut DSO eines der vier Hirntodprotokolle gefehlt
haben. Details gab die Organisation jedoch nicht bekannt. Beide Male
sei die Staatsanwaltschaft eingeschaltet worden. Es sei anschließend
„zweifelsfrei bestätigt“ worden, dass beide Spender hirntot waren.

Bei einem weiteren Vorfall soll laut „Süddeutscher Zeitung“ Ende 2012
bei einem gestorbenen Mann in einem „Bezirkskrankenhaus“ eine
Hirntoddiagnostik bei laufender Sufentanil-Gabe durchgeführt worden
sein. Der zuständige DSO-Koordinator soll den Fehler noch rechtzeitig
erkannt haben, so dass die Organentnahme schließlich abgesagt wurde.

Ebenfalls Ende 2012 soll in einem „süddeutschen Uniklinikum“ der
Hirntod ohne den nach der einschlägigen Richtlinie obligaten Apnoetest
festgestellt worden sein. Diese beiden Fälle sind jedoch nicht
bestätigt. Laut DSO wurden die Untersuchungen nach Intervention der
Koordinatoren jedoch wiederholt, oder es wurde von einer Organentnahme
abgesehen.

Die Prüfung des Atemstillstands ist verpflichtend (Ziffer 2.7 der
BÄK-Richtlinie).Zahlreiche Fachgesellschaften der Neurologen hatten im
Sommer 2012 erneut betont, dass „die Überprüfung des Atemantriebs zum
Nachweis aller Ausfallsbefunde des Gehirns unerlässlich“ ist.

Ebenso verpflichtend muss die Lichtstarre beider Pupillen
nachgewiesen werden, sowie die Bewusstlosigkeit und eine
Hirnstamm-Areflexie – anhand fehlender kornealer, okulozephaler,
pharyngealer, trachealer Reflexe und eines fehlenden Schmerzreizes des
N. trigeminus.

Die Irreversibilität der Hirnschädigung kann entweder über den
Zeitabstand zwischen den zwei Untersuchungen oder mittels
Null-Linien-EEG, fehlende evozierte Potentiale und einen zerebralen
Zirkulationsstillstand nachgewiesen werden.

Und grundsätzlich kommen ohnehin nur akute schwere primäre oder
sekundäre Hirnschädigung als Voraussetzung für einen Hirntod in
Betracht. Die untersuchenden Ärzte müssen zudem Intoxikationen ebenso
ausschließen, wie zerebrale Einflüsse von Medikamenten, neuromuskuläre
Blockaden, Unterkühlungen, Schockzustände oder andere Erkrankungen, die
eine Ursache für den Ausfall der Hirnfunktion sein könnten, etwa
systemische Entzündungsprozesse.

Dass es offenbar eines Repetitoriums zu den Vorgaben bei der
Hirntoddiagnostik braucht, ist ob der Vorgaben in der Intensivmedizin
wohl auch kein Geheimnis. Vor allem kleinere Entnahmekrankenhäuser
können nicht immer die ärztliche Expertise zur Hirntoddiagnostik
trainieren, wie es an großen Zentren usus ist.

Bereits vor acht Jahren berichtete das „Deutsche Ärzteblatt“ über
eine interne DSO-Studie, wonach das regionale DSO-Team für Niedersachsen
(Region Nord) in 21 von rund 50 Fällen die Hirntoddiagnostik nicht
sicher reproduzieren konnte (Dtsch Arztebl 2006; 103(19): A-1270). Der Hirntod sei in diesen Fällen womöglich falsch vermutet oder nicht exakt nach den Richtlinien festgestellt worden.

Diese Situation könnte sich jedoch in Zukunft etwas verbessern.
Bereits im Sommer 2012, kurz nach dem Bekanntwerden der
Allokationsskandale, kündigte die BÄK eine Überarbeitung ihrer
einschlägigen Transplantationsrichtlinien an – allen voran jener zur
Hirntoddiagnostik. (nös)

Quelle: Ärztezeitung – Transplantation: Hirntod-Diagnostik mit Problemen?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s