Hirntod belastet Angehörige schwer

Ein Mensch gilt als tot, wenn die Hirnfunktionen erloschen sind. Für Angehörige ist die Diagnose eine schwere Belastung, denn der Patient kann noch Reaktionen zeigen – und dann kommt die Frage nach einer Organspende.

© Picture-alliance/dpa
Ärzte können heute genau bestimmen, ob ein Mensch wirklich tot ist

Die heutige Intensivmedizin rettet immer mehr Menschenleben. Selbst nach vielen Jahren im
Koma – also einem Zustand der tiefen Bewusstlosigkeit – kann mancher schwerverletzte Patient noch erwachen. Auch ein Herzstillstand oder der Ausfall der Atmung ist heutzutage nicht unbedingt ein  Todesurteil. Aber es gibt einen Punkt, nach dem niemand mehr ins Leben zurückkehrt: den Hirntod.

In den Richtlinien der Bundesärztekammer ist er definiert als „Zustand der irreversibel erloschenen  Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms“. In der Praxis spielt diese  Definition nur in Intensivstationen eine Rolle. Nur dort können Ärzte die Herz- und Kreislauf- Funktionen eines Patienten durch künstliche Beatmung aufrechterhalten – den Körper also quasi am Leben halten.

Voraussetzung für eine Organspende

Wichtig ist die Definition des Hirntodes aus zwei Gründen: Erstens müssen Ärzte wissen, wann sie guten Gewissens die lebenserhaltenden Maschinen abschalten können, weil ein Patient tatsächlich tot ist – auch wenn sein Herz noch schlägt. Zweitens ist der Hirntod eine Voraussetzung für eine  Organspende. Und die kann nur stattfinden, solange die Herz-Kreislauf-Funktionen noch intakt sind.

Ob der Hirntod tatsächlich eingetreten ist oder ob der Patient noch lebt und sich nur in einem Koma  befindet, ist heutzutage medizinisch eindeutig festzustellen, sagt Dieter Sturma, Direktor des Deutschen Referenzzentrums für Ethik in den Biowissenschaften. Denn bildgebende Verfahren wie die Computertomographie oder auch die Elektro-Enzephalographie – also die Messung von  Gehirnströmen mit Hilfe von EEG-Elektroden – sind mittlerweile so gut entwickelt, dass eine falsche Diagnose eigentlich nicht vorkommen darf: „Wenn die Richtlinien richtig angewandt werden, können wir das definitiv ausschließen. Ein Hirntoter ist kein Komatöser. Das kann man abbilden und zeigen: In welchen Regionen finden noch Reaktionen statt?“

Mediziner tun das zum Beispiel, indem sie Reize setzen: „Es gibt Fälle von Komapatienten, die zu verschiedenen Reaktionen – abhängig von der Person – in der Lage sind: Wenn eine   Krankenschwester hereinkommt und fragt: ‚Frau Meier, wie geht es uns heute?‘, zeigen sie im
Computertomographen andere Reaktionen als wenn die Tochter hereinkommt und fragt: ‚Mutti wie geht es Dir?‘,“ schildert Sturma eine Erkenntnis der Forschung.

Unbedingte Unabhängigkeit der beteiligten Ärzte

Die Richtlinien zur Feststellung des Hirntodes legen auch an das Diagnoseverfahren sehr hohe  Maßstäbe an: Zwei Ärzteteams, die nicht an der Entnahme oder Transplantation von Organen beteiligt sind, müssen unabhängig voneinander zum selben Ergebnis kommen. Sie müssen zudem
sicher ausschließen, dass der Patient betäubt oder sonst irgendwie vergiftet ist oder sich in einem Schockzustand befindet. Darüber hinaus müssen sie durch festgeschriebene Untersuchungen über einen längeren Zeitraum nachweisen, dass die Hirnschädigung irreversibel ist.

Für viel schwieriger als die sichere Diagnose eines Hirntodes hält der Ethiker Sturma allerdings die Begleitung der betroffenen Angehörigen in dieser schwierigen Situation. Denn das Dilemma besteht darin, dass es beim Hirntoten keine herkömmlichen Todeszeichen gibt. „Er zeigt noch Reaktionen und er zeigt normale Atembewegungen. Der Brustkorb senkt sich und hebt sich. Er ist warm. Das Herz schlägt in der Regel noch von selbst. Auch nach neurologischen Schädigungen kann das Herz von selbst noch lange schlagen. Also, ein Angehöriger, der einen Hirntoten sieht, sieht keinen Toten.“

Wenn das letzte Fünkchen Hoffnung sirbt

In einer solchen Situation haben die Betroffenen dann noch große Hoffnungen, obgleich die Wahrheit oft schon ganz anders aussieht. „Wir müssen uns eins vor Augen halten: Ein Hirntoter kehrt nicht ins Leben zurück. Das muss man ganz offen sagen,“ fordert der Ethiker. Überbringt dann ein Arzt im hektischen Klinikbetrieb die traurige Nachricht, muss er ein Höchstmaß an Sensibilität aufbringen.

„Der eine kann das gut, der andere weniger gut“, sagt Sturma. Wenn Menschen, die gerade noch den scheinbar lebenden Angehörigen gesehen und angesprochen haben, hören müssen ‚Ihr Sohn ist hirntot, können wir mit Ihnen mal über eine Organspende sprechen?‘, überfordere das die Angehörigen. „Sofern dann kein Spenderausweis vorliegt, ist das natürlich eine unhaltbare Situation.“

Sturma wünscht sich deshalb, dass sich sowohl Familien als auch die gesamte Gesellschaft viel früher und offener mit dem Tod und auch der Möglichkeit einer Organspende auseinandersetzen, die ja als Akt des Gebens nach dem Tode auch Trost spenden könne. Würden solche Szenarien schon im  Vorfeld offen besprochen, fühlten sich Angehörigen im Ernstfall auch nicht so überfordert.

Quelle: Hirntod belastet Angehörige schwer | Wissen & Umwelt | DW.DE | 06.03.2014

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