Sportlerin mit Spenderherz: "Dabei sein ist alles"

Foto: Susanne Bausch

Frankreich, Winterspiele der Transplantierten: Chantal Bausch ist vorne mit dabei

Erst Olympia in Sotchi, nun finden die Paralympics statt – doch wo nehmen Sportler teil, die ein Organ transplantiert bekamen? Chantal Bausch kommt gerade von den Winterspielen der Transplantierten zurück, wo sie im Slalom den ersten Platz belegte.
12.03.2014 | VON JULIANE ZIEGLER | EVANGELISCH.DE

Chantal Bausch 

21 Jahre alt, spielt Hockey in der Regionalliga in Bremen. Daneben fährt sie Ski, spielt Tennis und Golf. Als Zwölfjährige bekam sie ein neues Herz. Ihr ist wichtig, zu zeigen, dass es jeden treffen kann.

Vor kurzem haben Sie an den Winterspielen der Transplantierten in Frankreich teilgenommen. Können Sie die Stimmung vor Ort beschreiben?


Chantal Bausch: Es waren die ersten Winterspiele, an denen ich teilgenommen habe, aber im vergangenen Jahr war ich schon in Durban bei den Sommerspielen dabei. Die Atmosphäre ist etwas ganz Besonderes. Denn die Menschen, die dort teilnehmen, waren alle lebensbedrohlich krank und haben sich wieder ins Leben zurück gekämpft. Natürlich nehmen wir auch teil, weil wir Rennen gewinnen und Erfolge vorweisen möchten. Aber es ist eine sehr positive und freundschaftliche Stimmung. Der Hauptgedanke ist eben nicht, dass man dort groß abräumt, sondern hier zählt wirklich der Gedanke: „Dabei sein ist alles“. Ein Grund, weshalb die Spiele der Transplantierten erfunden wurden, ist auch, dass man der Öffentlichkeit zeigen möchte, was durch eine Organspende wieder möglich sein kann.
Gibt es bei den Wettkämpfen der Organtransplantierten Einteilungen, dass zum Beispiel nur Lebertransplantierte gegen Lebertransplantierte antreten dürfen?
Bausch: Nein, das gibt es nicht. Beim Skifahren merke ich nicht, dass es einen Unterschied macht. Wenn ich aber mit meinem neuen Herzen lossprinte, ohne mich warm zu machen, braucht das Herz länger, um zu reagieren – bei der Transplantation wurden die Nerven am Herz abgetrennt und wachsen nicht nach. Das bedeutet, dass die Kommunikation zwischen Herz und Körper ein wenig verzögert ist. Dieses Problem haben die Nieren- oder die Leber-Transplantierten nicht  – sie laufen einfach los und sind weg.
„Unser Problem ist, dass wir zwischen ‚gesund‘ und ‚behindert‘ stehen“
Ist es nicht riskant oder sogar gefährlich, den Körper so stark zu belasten?
Bausch: Ich soll auf Dauer keinen Leistungssport machen, also kein hartes Training mit dauerhaft hohen Puls. Aber im kontrollierten Rahmen soll ich sogar Sport machen, um mich fit zu halten.
Warum gibt es eigene Wettkämpfe für Transplantierte?
Bausch: Wir nehmen Tabletten, die auf der Doping-Liste stehen, insofern können wir weder bei Olympia, noch bei den Paralympics mitmachen. Das ist sehr schade, ich würde liebend gerne einmal bei einer solchen Veranstaltung teilnehmen. Diese Spiele sind natürlich viel größer als unsere Wettkämpfe. Unser Problem ist, dass wir zwischen „gesund“ und „behindert“ stehen: Oftmals sieht man Transplantierten ihre Vergangenheit nicht an. Wir waren zwar krank, sind aber wieder gesund, nur eben nicht so gesund, wie normale Menschen.
Im Alter von 12 Jahren wurden Ihnen ein Herz transplantiert. Wie kam es dazu?
Bausch: Schon als Kind habe ich viel Sport gemacht, doch plötzlich hatte ich Atemnot beim Treppensteigen. Der Kinderarzt konnte nichts feststellen, aber meine Mutter hatte ein intuitives Gefühl, dass ich etwas mit dem Herzen haben könnte und wir haben uns einen Termin beim Kardiologen besorgt – das war schwierig, es war ein Freitagnachmittag. Von dort wurde ich direkt ins Krankenhaus geschickt, und man hat mich ins künstliche Koma verlegt. Die Diagnose war: Herzmuskelentzündung. Der Arzt hatte die Einschätzung, dass ich die Nacht nicht überleben würde.
Wie ging es dann weiter?
Bausch: Durch Medikamente wurde ich stabilisiert und konnte nach sechs Wochen in die Reha entlassen werden. Ich führte ein extrem eingeschränktes Leben: Ich durfte keine Treppen mehr steigen und musste zuhause bleiben, weil ich aufpassen musste, dass ich mir keine Infektionen einfange. Doch einige  Monate später geschah dies leider – ich hatte mir einen Infekt eingefangen und musste wieder ins Krankenhaus. Ziemlich schnell war klar: Die Ärzte in Bremen konnten mir nicht mehr helfen. Ich wurde nach Berlin geflogen, ins Herzzentrum, bekam vor Ort direkt Kammerflimmern und wurde in der darauf folgenden Not-OP an ein Kunstherz gelegt, und damit auf die Transplantationsliste gesetzt. Nach dreieinhalb Monaten Wartezeit wurde mir ich ein neues Herz transplantiert.
„Ich habe durch die Krankheit verstanden, wie schnell man aus dem Leben gerissen werden kann“
Fühlte sich das neue Herz fremd an?
Bausch: Als ich im Krankenhaus lag und auf ein Herz gewartet habe, war der Gedanke fremd, ein Organ von einem anderen Menschen transplantiert zu bekommen. Gerade in das Herz wird viel reininterpretiert, sachlich gesehen ist es aber nur ein Muskel.  Als ich nach der Transplantation aufgewacht bin, ging es mir erstaunlich schnell besser. Und nach ein paar Komplikationen am Anfang habe ich es gut angenommen. Man spürt nicht, dass man ein fremdes Organ in sich trägt. Jetzt freue ich mich, dass ich wieder ganz normal am Leben teilnehmen kann.
Sind Sie im Alltag eingeschränkt?
Bausch: Ich muss zweimal am Tag Tabletten nehmen, 18 insgesamt. Regelmäßig muss ich mein Blut untersuchen lassen und nach Berlin ins Herzzentrum fahren. Aber das sehe ich nicht als Einschränkung, es gehört nun dazu und diese Kontrolle gibt mir Sicherheit. Angst, dass es mir plötzlich schlechter gehen könnte, habe ich keine. Ich kann ja jetzt nicht zuhause sitzen und mir ständig Gedanken machen, das ist Unsinn. Und wenn etwas passieren würde, weiß ich ja jetzt aus eigener Erfahrung, dass man vieles schaffen kann.
Inwiefern haben Sie sich durch die Transplantation verändert?
Bausch: Mein Charakter hat sich durch die Spende nicht verändert, das glaube ich nicht. Aber ich habe durch die Krankheit verstanden, wie schnell man aus dem Leben gerissen werden kann. Viele in meinem Alter machen sich solche Gedanken nicht. Ich versuche, im Hier und Jetzt zu leben, viele Momente zu genießen, auch wenn sie alltäglich sind. Negative Momente können mich nicht mehr so runterziehen.Bis ich mir die Infektion eingefangen habe, war ich immer sportlich und kerngesund. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand ein Organ benötigt ist übrigens dreimal so hoch wie der Fall, dass man Organspender wird. Und wer erstmal in die Situation kommt auf ein Spenderorgan angewiesen zu sein, wird sich auch dafür entscheiden. Deshalb sollte man auch bereit sein im Falle des Hirntodes zu spenden und damit bis zu sieben Menschenleben zu retten. Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Menschen mit dem Thema auseinander setzen und die Spendebereitschaft wieder steigt.

Quelle: Sportlerin mit Spenderherz: „Dabei sein ist alles“ | aktuell.evangelisch.de

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