Angehörige in der Transplantationsmedizin: Sie verloren einen Menschen

Dtsch Arztebl 2014; 111(14): A-584 / B-502 / C-482
Richter-Kuhlmann, Eva

Lange wurden sie unterschätzt: Die Emotionen von Angehörigen, die akut um einen Menschen trauern und eine Organspende befürworten, sind vielfältig. Gespräche, Dankesschreiben und Angehörigentreffen können helfen.

Park des Hoffens, des Erinnerns und des Dankens in Halle (Saale) – ein Symbol für die vielen anonymen Organspender.
Foto: DSO
Sätze wie „Ich könnte mein Kind nicht zerstückeln lassen“ hat Conny Copitzky häufiger hören  müssen. 1997 verlor sie ihren damals 26-jährigen Sohn bei einem Unfall und gab seine Organe zur Spende frei. „Solche Aussagen verletzen und erzeugen Schuldgefühle und Unsicherheit“, sagt sie. Dabei war auch ihr Leben abrupt zusammengebrochen: „Ich willigte in die Organspende ein, weil ich
wollte, dass etwas von mei nem Sohn blieb, und ich handelte in seinem angenommenen Interesse.“
Die Organe sind etwas Heiliges für die Angehörigen Ihre eigenen Gefühle und ihre Trauer blieben jedoch damals auf der Strecke: „Ich wusste zunächst nicht, ob die Organe meines Kindes geholfen haben“, berichtet sie. Trauer sei in den 90er Jahren noch nicht thematisiert worden.

„Transplantationsmediziner haben eher eine Beziehung zu den potenziellen Empfängern, zu ihren Patienten. Ihnen muss jedoch bewusst sein, dass die Organe etwas Heiliges für die Angehörigen sind.“ Erst viel später erfuhr Copitzky durch die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO), dass die Organe ihres Sohnes vier Menschen geholfen hatten. Sie lernte, ihre Trauer zuzulassen und gründete in der DSO-Region Ost den Verein zur Förderung der Organspende e. V. „Der Fall von Frau Copitzky ist ein gutes Beispiel für die Situation vieler Angehöriger“, erklärt Anne-Bärbel Blaes-Eise, DSO-Koordinatorin der Region Mitte, dem Deutschen Ärzteblatt. „Viele sind zunächst von der Wucht der Nachricht über den Tod eines geliebten Menschen überwältigt. Sie brauchen Zeit.“
Darauf müssten sich auch die Ärzte im Krankenhaus beim Angehörigengespräch einstellen. Häufigste Fehler seien die Wahl eines falschen Zeitpunkts (zu früh), eines falschen Ortes (zwischen Tür und Angel) sowie zu wenig Einfühlungsvermögen und unnötiger Zeitdruck. „Die Angehörigen müssen das Tempo vorgeben“, ist Blaes-Eise überzeugt. Denn nach ihrer Ansicht lehnen viele eine Organspende nicht prinzipiell ab, sondern nur, weil sie momentan überfordert sind und nicht falsch
entscheiden wollen. Um Ärztinnen und Ärzte besser auf die Gespräche mit den Angehörigen vorzubereiten und sie für deren Gefühle zu sensibilisieren, hält die DSO-Koordinatorin regelmäßig Seminare ab. Dabei verweist sie auch auf die Möglichkeit, im Anschluss an die Organspende über die Transplantationsergebnisse von der DSO in einem Brief informiert zu werden. Was viele nicht wissen: Auch nach einer Spende können sich Angehörige wieder an die DSO wenden und an
Angehörigentreffen teilnehmen. Dort können sich Familien von Organspendern unter psychologischer Begleitung über ihre Gefühle austauschen. „Würdigung und Dank für die Organspende hilft vielen Angehörigen, aus ihrer Anonymität herauszutreten und ermutigt sie,
selbstbewusst zu ihrer Entscheidung zu stehen“, erklärt Blaes-Eise. Sie ist überzeugt: Eine gute Angehörigenbetreuung kann die Organspendebereitschaft in Deutschland positiv beeinflussen.
Angehörige suchen auch nach der Spende Austausch. Das erste Angehörigentreffen in
Deutschland fand 1999 in der DSO-Region Nord statt. „Der Aufbau eines kompletten Netzwerkes mit der Selbsthilfe, Psychologen und Seelsorgern wird sicher noch Jahre dauern“, meint Dr. med. Christa Wachsmuth, Geschäftsführende Ärztin der DSO-Region Ost. Ein guter Anfang sei jedoch
gemacht: Angehörigentreffen bieten mittlerweile fast alle DSO-Regionen an. Einzigartig ist bislang noch der Park des Hoffens, des Erinnerns und des Dankens unter Schirmherrschaft der Stadt Halle (Saale). „Damit können wir dem Wunsch von vielen Angehörigen entsprechen, die zur
Erinnerung an die Verstorbenen einen Baum pflanzen möchten“, erklärt Wachsmuth die Initiative des Vereins zur Förderung der Organspende.
Wie wichtig der Kontakt zu den Angehörigen nach der Spende ist, zeigt auch eine Angehörigenbefragung der DSO-Region Mitte von 2000 bis 2012. Sie beleuchtet die Situation und
die Bedürfnisse der Spenderfamilien während der Akutsituation der Spende sowie Jahre danach. Dabei zeigt sich eine hohe Stabilität der Entscheidung zur Organspende bei den befragten 496 Angehörigen: 90 Prozent würden sich erneut für die Organspende entscheiden. Lediglich ein Prozent würde im Nachhinein eine Spende nicht zulassen.
Im Zusammenhang mit der Befragung verweist Blaes-Eise auf die akute Schocksituation der Angehörigen: Nur etwa die Hälfte hatte die Frage nach einer Organspende erwartet. Jeder Zehnte hatte sie jedoch sogar als schockierend empfunden. „Das darf nicht sein“, meint die  DSO-Koordinatorin. „In diesen Fällen müssen Fehler bei der Gesprächsführung aufgetreten sein.“ Zeitnot scheint dabei nicht das Hauptproblem zu sein: 91 Prozent der Familien fühlten sich
bei ihrer Entscheidung vom medizinischen Personal nicht unter Druck gesetzt.
„Allerdings wurde nur der Hälfte der Angehörigen angeboten, sich vom Verstorbenen nach der Organentnahme zu verabschieden“, bedauert Blaes-Eise. „Diese Gelegenheit sollte ihnen
gemäß Transplantationsgesetz angeboten werden.“ In der Praxis scheitere dies leider oftmals noch an kleinen Dingen, wie an einem fehlendem Raum oder fehlendem Personal zur Begleitung. „Dabei stellt die Abschiednahme für die Trauernden eine doppelte Chance dar: Nach der gefühlsmäßig
oftmals verwirrenden Erfahrung auf der Intensivstation, wo Kreislauf und Atmung des Verstorbenen apparativ aufrecht erhalten werden, bekommen Angehörige auf diesem Wege emotionale Gewissheit, dass der Tod eingetreten ist.“
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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Quelle Deutsches Ärzteblatt: Angehörige in der Transplantationsmedizin: Sie verloren einen Menschen (04.04.2014)

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