Ethikkommission verhindert Nierentransplantation

Von Margret Welsch

WEINGARTEN / sz Die linke Niere seines Vetters aus Sri Lanka sollte Gunasiri Wickramaratna, der seit 25 Jahren in Deutschland lebt, retten.Das ersehnte Ziel schien so nahe nach Monaten des Kämpfens, Hoffens und Bangens. Alle medizinischen Untersuchungen waren gelaufen. Die Transplantation auf Ende März in der Uni-Klinik Freiburg terminiert. Doch jetzt ist der Traum, wieder ein normales Leben führen zu können, geplatzt.

Gunasiri Wickramaratna ist enttäuscht von der deutschen Bürokratie. Und er versteht sie nicht.
Foto: Margret Welsch

Die Transplantationskommission, die bei Lebendorganspenden vom Gesetzgeber her eingeschaltet werden muss, kann ein „Näheverhältnis“ der Cousins, deren Väter Brüder sind, nicht bestätigen. So musste der Vetter aus Sri Lanka unverrichteter Dinge wieder nach Hause fliegen. Und Gunasiri Wickramaratna, dem 57-jährigen Kraftfahrer, der mit seiner Familie in Weingarten, Kreis Ravensburg, lebt, bleibt die Dialyse und das Warten auf eine Niere eines toten Spenders, was Jahre dauern kann. Damit sitzt der Vater von vier Kindern, von denen die 17-jährige Tochter noch zu Hause lebt, in der Schuldenfalle. Durch die chronische Niereninsuffizienz, die vor vier Jahren ausgebrochen ist, wurde Wickramaratna arbeitslos und lebt nun von Hartz IV. Nur mit dem Arbeitslohn seiner Frau und der Hilfe seiner Verwandten kann er den Forderungen der Bank nachkommen, wenn er nicht vor seine eigene Haustüre gesetzt werden will. Durch die Nierenspende seines Vetters hätte er sich versprochen, bald wieder in Lohn und Brot zu kommen. Es geht um Spenderschutz „Mein Leben ist jetzt kaputt. Ich kann nicht stundenlang in der Dialyse sitzen. Ich fühle mich noch fit. Ich muss wieder arbeiten.“ Ist die Entscheidung der Kommission, angesichts der familiären Problematik, nicht eine Spitzfindigkeit, die am Leben vorbeigeht? Der Vorsitzende Richter der Transplantationskommission der Bezirksärztekammer Südbaden, Hans-Georg Koch, sagt der „Schwäbischen Zeitung“, dass das Gesetz in Bezug auf Lebendorganspenden Zurückhaltung auferlege. Es gehe um Spenderschutz. Wenn möglich, sollen Organe von toten Spendern kommen. Die Kommission hat auf Antrag der Transplantationsklinik zu prüfen, ob die Freiwilligkeit der Organspende gewährleistet ist, und ob Organhandel ausgeschlossen werden kann. Beides liegt im Falle Wickramaratna vor.

Getrennte Befragung

Doch eine besondere Verbundenheit der beiden über die Tatsache hinaus, dass sie Cousins sind,

konnte das Gremium mit einem Juristen und zwei Ärzten nicht bestätigen. Wenn keine

Blutsverwandtschaft ersten und zweiten Grades vorliegt – und Vettern sind weitläufiger verwandt –

dann entscheidet die persönliche Beziehung über die Möglichkeit einer Lebendspende,

beispielsweise bei engen Freunden oder Ehepartnern. So konnte Außenminister Steinmeier seiner

Frau eine Niere spenden.

Getrennt seien die Verwandten in der Sitzung befragt worden zu ihrer Beziehung, wie sie über die

große Distanz Kontakt pflegen. Statt emotionaler Nähe hätte aus den Aussagen des Spenders eher

Pflichtbewusstsein gesprochen. Man habe im Familienrat beschlossen, dass der Älteste dem Vetter

in Deutschland helfe. Auch ihre Religion, der Buddhismus, sehe das so.

Gunasiri Wickramaratna sagt: „Mein Cousin ist wie ein großer Bruder für mich. Wir sagen auch

Bruder zu ihm. Bevor es Skype gab, haben wir regelmäßig telefoniert.“ Die gutachterliche

Stellungnahme der Kommission ist nun nicht bindend. Der Transplantationsmediziner hätte sich

auch darüber hinwegsetzen können. Doch meint der Chirurg Przemyslaw Pisarski von der Uni-Klinik

Freiburg: „Ich ziehe doch nicht Experten zu Rate, um mich über deren Empfehlung hinwegzusetzen.

Wenn was schiefgeht, muss ich den Kopf hinhalten.“ Auch medizinisch hätte er bei dem 67-jährigen

Spender „Bauchweh“ gehabt. Gunasiri Wickramaratna meinte, bei Richter Koch

Ausländerfeindlichkeit ausgemacht zu haben. Als er ihm auf Anfrage, ob er „Probleme gemacht

hätte“, gesagt habe, dass sein Vetter nur auf öffentlichen Druck hin aus Sri Lanka nach Deutschland

einreisen durfte, sei der Jurist nicht mehr objektiv ihm gegenüber gewesen, sondern herablassend.

„Danach war mir sofort klar, er wird die Transplantation nicht befürworten“, so Wickramaratna.

Darauf angesprochen sagt Koch, dass man sich viel Mühe mit dem Fall gegeben und sich die

Entscheidung nicht leicht gemacht habe. Was der Transplantationsarzt bestätigt. „Warum ist die

Kommission erst so spät eingeschaltet worden“, fragt Gunasiri Wickramaratna. Wäre das Votum der

Kommission schon letzten November bekannt gewesen, hätte das ihm und der Krankenkasse viel

Geld erspart. Die ganzen medizinischen Voruntersuchungen, die Unterhaltskosten für den Vetter für

vier Monate, die wöchentlichen Fahrten von Weingarten nach Freiburg, das Übernachten, wenn der

Vetter im Krankenhaus bleiben musste.

Dazu meint Doktor Pisarski, dass er die Kommission erst einschalten kann, wenn gewisse

Voruntersuchungen samt Aufklärung des Spenders gelaufen seien. Rechtsmittel kann Gunasiri

Wickramaratna nicht einlegen, da die gutachterliche Stellungnahme keinen bindenden Charakter hat.

So hat sich der sechsstellige Schuldenberg der Familie Wickramaratna durch die gescheiterte

Transplantation noch vermehrt. Dazu kommen noch 3500 Euro, die Gunasiri Wickramaratna für die

Voruntersuchungen seines Vetters nach Colombo schicken musste. Trotz aller Rückschläge gibt er

nicht auf. Jetzt will er in seine alte Heimat Sri Lanka fliegen und dort die Transplantation vornehmen

lassen. 6500 Euro können ihm seine Verwandten vorstrecken. 25000 Euro bräuchte er.

Quelle: Ethikkommission verhindert Nierentransplantation – Regionale Nachrichten, Bilder und Videos aus Baden-Württemberg – schwaebische.de

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s