Organtransplantation in der Krise : „Das ist mein Leib“

22.05.2014 16:31 Uhrvon

Schon vor den Skandalen im Transplantations-System äußerten die
Kirchen sich nur zurückhaltend zu dem blutigen Thema. Nun wächst die
Skepsis in der Bevölkerung, der Bedarf an Spender-Organen nimmt
ebenfalls zu. Wie kommt ein Mensch dazu, etwas von sich selbst zu
verschenken? Über den freien Willen zur „heroischen Tat“ müsste die
Gesellschaft streiten.  

Thomas Lackmann ist Redakteur des Tagesspiegel. – Foto: Archiv


Sperrige Heiligenscheine umglänzen die Häupter beider Ärzte im engen
OP. Drei Engel assistieren. Vor dem Bett liegt amputiert des Kranken
bleicher Unterschenkel; ein anderes Bein dunkler Hautfarbe ist bereits
mit dem Knie des Patienten verbunden. Der Wunderbericht über die hier
agierenden syrischen Zwillinge Kosmas und Damian vermerkt, wie beide
Heilige, deren sensationeller Eingriff auf einem württembergischen
Altarbild des 16. Jahrhunderts dargestellt wird, bei der Suche nach
einem passenden Körperteil improvisierten: „Auf dem Friedhof zu Sanct
Peter ist heute ein Mohr begraben, der ist noch frisch: von dem hole,
was wir für diesen brauchen.

“ Eine Patientenverfügung des
postumen Spenders wurde im dritten Jahrhundert, als die zwei Doctores
lebten, nicht für nötig befunden, ebenso wenig bei der Niederschrift
ihrer Legende im Mittelalter.

Weniger wegen ihres Spezialwunders
als aufgrund ihrer Therapeutenpraxis und ihres nach vier(!)facher
Exekution vollendeten Martyriums sind Kosmas und Damian überregional
verehrt und im Hochgebet der römischen Eucharistiefeier prominent
platziert worden. Offizielle Statements zum Thema Transplantation
erschienen der Kirche dagegen erst im 20. Jahrhundert erforderlich.
Zunächst hatte sich das Bauchgefühl der Gläubigen gegenüber der neuen
chirurgischen Option ungefähr so misstrauisch artikuliert wie früher zur
Einäscherung und Urnenbestattung: Wem die Unversehrtheit des eigenen
Leichnams unwichtig ist, der bezweifelt offenbar die „Auferstehung des
Fleisches“. Eine ziemlich diesseitige Jenseitsvorstellung. Die heute,
mit dem Abklingen christlicher Überzeugungen, eigentlich kaum noch
demoskopische Wirkung entfalten dürfte.

57 Prozent entscheiden sich noch nicht

Unabhängig
von konfessionellen Bindungen antwortete 2013, als Meinungsforscher den
Rückgang der Organspenderzahlen in Deutschland analysieren wollten, die
Gruppe der allgemein Ablehnenden bei Mehrfachnennung so: Das Vertrauen
ins Transplantationssystem sei durch Manipulationen zerstört (48
Prozent). Explizit den Organhandel als Grund für eigene
Spender-Verweigerung führten 60 Prozent an. 57 Prozent sagen, sie wollen
sich noch nicht entscheiden, 53 Prozent misstrauen der Organverteilung.
47 Prozent möchten nun mal nicht spenden. 43 Prozent vermuten, als
Spender werde man schlechter verarztet.

Trotzdem sind eigentlich
78 Prozent allgemein positiv zum Thema eingestellt. Die sogenannte
konkrete Spenderbereitschaft war zuletzt nur leicht gesunken: von 70 auf
68 Prozent. Unter diesen wiederum nennen 90 Prozent „Bereitschaft zu
helfen“ als Motiv. Gestiegen war 2013 sogar die Zahl der
Spenderausweisträger: um sechs auf 28 Prozentpunkte. Die der lebenden
Organspender sank dagegen um 16,8, die Gesamtsumme gespendeter Organe um
13,6 Prozent. Einer Warteliste von 10 784 Patienten standen insgesamt
4395 transplantierte Organe von lebenden und toten Spendern gegenüber.

An
den Antworten fällt die Diskrepanz zwischen allgemeiner „Akzeptanz“ und
tatsächlicher Spende ins Auge, sowie die Verflechtung von faktischen
und diffusen Gegenargumenten. Das kollektive Empfinden schwankt zwischen
pflichtgemäßer Solidarität und einem Unbehagen, das sich nicht nur auf
Verfahrensfragen bezieht. Vergleichbares Hin- und Hergerissensein ist
auch in den theologischen Stellungnahmen zu erkennen, die seit acht
Jahrzehnten auf die Entwicklung solcher medizinischen Optionen
reagieren.

Heftigen Widerspruch erntete 1928 der belgische Jesuit Arthur
Vermeersch, als er – zur Lösung aufziehender ethischer Konflikte – die
Entnahme eines Organs für die Heilung eines anderen Organismus so
begründete: Glieder des Einzelnen seien als Glieder der ganzen
Menschheit zu verstehen. Es bestehe ein Unterschied zwischen der
physischen Einheit des Körpers und der moralischen Einheit menschlicher
Gemeinschaft, konterten seine Gegner. Ansprachen von Pius XII. zur
„sinnreichen Tat der Blutspende“ (1948) sowie zu „rechtlichen und
sittlichen Fragen der Hornhautübertragung“ (1956) nahmen darauf Bezug:
In der Bevölkerung solle Verständnis für den Sinn der Organspende
geweckt werden. Aber kein Kranker sei berechtigt, unter Berufung auf den
Organismus der Menschheit von einem anderen das Opfer eines Organs
einfordern.

Als die Debatte nach 1967 auf dem Hintergrund der ab
1954 praktizierten Nieren- und der ersten Herztransplantation neu
aufflackerte, formulierte der Moraltheologe Josef Georg Ziegler den
Solidaransatz variiert: Der gemeinsame Besitz der menschlichen Natur
mache „den Mitmenschen zu einem Alter Ego … Ich darf mein Leben hingeben
für einen anderen. Ich muss es nicht, aber ich darf es und ich soll es
unter Umständen“. Sittlich vertretbar sei erst recht die Spende eines
paarigen Organs. Da werde „das Wohl der eigenen Person ausgetauscht mit
dem Wohle einer anderen Person.“

„Kein Lebender darf aus
irgendeinem Grund zu einer Organspende genötigt werden“, warnt 1990 sehr
bestimmt eine Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in
Deutschland und der Katholischen Bischofskonferenz (DBK). Mangel an
Spenderorganen schaffe ethische Verteilungsschwierigkeiten.
Christengemeinden sollten „ihren Beitrag zur sachlichen Aufklärung der
Bevölkerung leisten“. Bereitschaft zur Organspende nach dem Tod sei „ein
Zeichen der Nächstenliebe und der Solidarisierung mit Kranken und
Behinderten“.

Angst vor dem Scheintod

Unterschwellige
Ängste kommen in den Theologen-Texten kaum zur Sprache. Deutlich wird
der Konflikt zwischen Solidarität und Selbstbehauptung, auch in
Stellungnahmen anderer Religionen. Nach buddhistischer Auffassung
lindert die vorbehaltlos gewährte Lebendspende eines Organs nicht nur
das Empfängerleiden, sie kann sich positiv auf die Folgeexistenz des
Spenders auswirken. Doch dessen über den Hirntod hinaus dauernder
Sterbeprozess, seine Passage zur Stufe der Erleuchtung, werde durch
Organentnahme eventuell gestört. Im Islam hat die Rettung eines Menschen
Priorität; die Organspende nach dem Hirn- oder Herztod darf aber nicht
kommerziell, sie muss aus Nächstenliebe motiviert sein. Im Judentum
herrscht Konsens bezüglich regenerierbarer Lebendspenden von Blut, Haut-
und Knochenmark. Doch wenn es um eine postume Verpflanzung geht, ist
für orthodoxe Juden nicht der Hirn-, sondern der Herztod entscheidend.
Außerdem sei der Körper eine Leihgabe, die möglichst unversehrt an Gott
zurückgegeben werden soll.

Wo der rätselhafte Übergang zwischen
Leben und Tod zu bewältigen ist, setzen rationale, religiöse oder
abergläubische Reaktionen ein; so entwickelten sich vor 200 Jahren neue
Bestattungsmoden. 1774 war eine Wiederbelebung durch elektrische
Herzstimulation gelungen, um 1800 kam der bis heute umstrittene Begriff
„Hirntod“ auf. Der „Begräbnisfristenstreit“ jüdischer Gemeinden, bei dem
es den Beerdigungsgesellschaften der Reformer darum ging, die
traditionell eilige Bestattung auf einen späten Termin anzusetzen,
bewegte die jüdischen Aufklärer. Angst, lebendig vergraben zu werden,
grassierte – beflügelt von Scheintod-Anekdoten und vom Schwund des
Osterglaubens – ebenso im christlich-bürgerlichen Milieu. Rahel
Varnhagen von Ense, die konvertierte Intellektuelle, wurde 1833 am
Halleschen Tor, entsprechend ihrer Verfügung, oberirdisch in einer
Kapellengruft, im Doppelsarg mit Fenster und Klingelzug, aufgebahrt,
1867 erst beigesetzt. Die Panik des Individuums, während seiner
intimsten Passage Prozeduren der Inkompetenz und Gleichgültigkeit
ausgeliefert zu sein, wird zu einem Alptraum der Neuen Zeit.

Als
Johannes Paul II. 1991 in seinem Grußwort an den 1. Internationalen
Kongress der Gesellschaft für Organtransplantation die dunkle
Missbrauchsseite des medizinischen Fortschritts betonte, unterstrich er
zugleich den spirituellen Aspekt: Mit Bluttransfusion und
Organverpflanzung finde der Mensch Wege, „etwas von sich selbst zu
geben, von seinem Blut und von seinem Körper, so dass andere weiterleben
können“. Wir seien herausgefordert, unseren Nächsten „bis ans Ende“ zu
lieben. Doch weder dürften Körper als physische Einheit behandelt und
ausgeplündert noch ihre Organe als Tausch- oder Verkaufsobjekt
instrumentalisiert werden. Die Chance, eine „Berufung zur Liebe“ über
den Tod hinaus zu projizieren, stehe in Analogie zum Pascha-Mysterium
Christi: „Tod und Auferstehung des Herrn konstituieren den höchsten Akt
der Liebe, was dem Angebot des Spenders, dessen Organ eine andere Person
retten soll, eine tiefe Bedeutung gibt.“ Die Möglichkeit, noch nach dem eigenen Tod „ein Geschenk von sich selbst“ zu machen, damit ein Anderer lebe, besage viel in einer durch
Nützlichkeitsdenken geprägten Gesellschaft.

Das Sterben: ein Prozess

In
den Jahren seit dieser Ermunterung expandierte das
Transplantationswesen. Der Deutsche Erwachsenenkatechismus hatte 1995
noch verhalten resümiert: Organspende sei Nächstenliebe „über den Tod
hinaus“, doch könne niemandem der Spenderausweis befohlen werden. 2001
klang der Beitrag des Berliner Bischofs Wolfgang Huber im Grundton sogar
kritischer. Umstritten bleibe die Todesdefinition. In der Fürsorge für
den Leichnam zeige sich über den Tod hinauswirkender „Respekt vor der
Würde der menschlichen Person“, dieser resultiere aus „der Verheißung,
dass der verwesliche Körper des Menschen unverweslich auferstehen“
werde, als „geistlicher Leib“. In der auf freier Zustimmung des Menschen
beruhenden Freigabe seiner Organe erweise sich, „dass auch die
menschliche Freiheit eine Ausstrahlungswirkung über den individuellen
Tod hinaus hat. Auch das spricht dagegen, dass die Würde der Person mit
dem Eintreten des Todes an ein abruptes Ende kommt“. Menschliches
Sterben müsse als Prozess begriffen werden. Bereitschaft zur Organspende
sei förderungswürdig, aber keine „Bringschuld“.

Erstaunlicherweise
meldeten sich während der Folgejahre, als krimineller Handel publik
wurde, die Zahl der Blut- und Organspender stagnierte, ja zurückging,
wenige Kirchenleute zu dem Thema. Der DBK-Vorsitzende Kardinal Lehmann
erklärte 2005, wegen der „Kontinuität der Stellungnahmen“ seien „über
einige Zeit hinweg keine neuen Erklärungen“ abgegeben worden. Im selben
Vortrag erwähnt Lehmann, Ende der 1980er Jahre hätten
Transplantationsmediziner die Kirchen um Unterstützung angefragt. Damals
habe er Bedenken gehabt, „in die manchmal aufgewühlte, widersprüchliche
Situation einfach durch einen Spendenaufruf zu reagieren, ohne auf die
aufgestauten Probleme einzugehen … Auch wenn tiefere Motive für die
Spendebereitschaft durchaus aus dem tiefen Bereich des Glaubens kommen,
sollte man die Begründung für sie nicht überstrapazieren“.

Diese pastorale Bescheidung erscheint im Blick auf den Wert der
Hingabe im Christentum zunächst kleinmütig. Schließlich hat keine andere
Religion die radikale Liebe zu Freund und Feind so schockierend, als
liturgische Überhöhung des kannibalischen Tabus, ins Zentrum ihres
Kultes aufgenommen. Millionen nehmen an Abendmahlsfeiern teil, deren
Einsetzungsworte – „Das ist mein Leib“, „Das ist mein Blut“ – symbolisch
oder im Sinn einer sakramentaler Verwandlung aufgefasst werden: Die
dabei vermittelte Botschaft eines leibhaftigen rettenden Selbsteinsatzes
ist kaum zu verharmlosen. „Seid, was ihr seht, und empfangt, was ihr
seid!“ folgerte in einer Osterpredigt an seine Neugetauften der
afrikanische Bischof Augustinus (354–430). Wenn hierzulande täglich drei
Patienten sterben, die mit Spenderorgan weiterleben könnten, wenn
aufgrund der Verknappung am Organmarkt Flüchtlinge in Folterkammern
ausgeweidet, Slum-Bewohner und Häftlinge für solche Zwecke ausgebeutet
werden, erhält der eucharistische Imperativ, „Brot für die Welt“ zu
sein, eine gruselig handfeste Dimension.

Mysterium des freien Willens

Angesichts
der Konsequenzen eines solchen Hingabe-Ideals ist die Furcht der
Kirchenführer, ihr Appell zum Verschenken des eigenen Körpers könne als
spirituelle Nötigung missverstanden werden, sogar zu verstehen.
Kamikaze-Aufrufe zum Martyrium gehören schließlich nicht zur
christlichen Tradition; obgleich freiwillige „Blutzeugenschaft“ als
Gipfel der Christus-Nachfolge gilt. Der freie Wille, über dessen
Existenz Neurobiologen, Psychologen und Theologen streiten, ist für die
„heroische Tat“, wie Johannes Paul II. das Organspenden recht altmodisch
bezeichnet hat, unabdingbar: weil auch die partielle Selbstaufgabe, vor
oder nach dem Tod, persönliche Kernsubstanz berührt. Dagegen ignoriert
jede Banalisierung des verwertbaren Körpers, des Todes und der Frage,
was danach passiert, die Unsicherheiten, von denen Gläubige wie
Agnostiker umgetrieben werden. Wer diesen Komplex lieber beschweigt oder
nur ungern zugibt, dass er nichts „von sich“ abgeben mag, kann zur
Abschirmung seiner finalen Intimsphäre aktuelle plausible Kritikpunkte
(„Organ-Mafia“ etc.) vorschieben.

„Ein positiver Effekt ist darin
gegeben, dass die Menschen aufgeschreckt und mit der Frage konfrontiert
wurden: Wer bin ich? Was soll ich? Was darf ich?“ Diese Schlusspointe
des Mainzer Professors Ziegler, der seinerzeit Christiaan Barnards
Herztransplantation hatte moraltheologisch bewältigen wollen, würde auch
zur heutigen Verpflanzungsdebatte passen – wenn eine solche überhaupt
stattfände. Gefordert wurde so eine Auseinandersetzung 2012 durch das
Gesetz zur Neuregelung der Organspende: mit der Verpflichtung aller
Kassen, künftig jedem noch unentschlossenen Bürger im Zweijahrestakt
seine persönliche Entscheidung zur Spender- Frage nahezulegen. Eine
provokative Diskussion über das blutige Thema dürfte Christen darauf
stoßen: was überhaupt ihre Auferstehungshoffnung ausmacht. Und allen,
denen die Zukunft ihrer Gesellschaft etwas bedeutet, ans Herz legen, wie
lebensnotwendig, steinwegwälzend, kostbar das Mysterium des freien
Willens ist.

Quelle: Organtransplantation in der Krise : „Das ist mein Leib“ – Meinung – Tagesspiegel

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