StN-Stadtschreibtisch: Angeregtes Gespräch über unmögliche Fragen

Angela Mohr: zu Gast beim StN-StadtschreibtischFoto: Leif Piechowski

Transplantationskoordinator Martin Kalus und Schriftstellerin Angela Mohr besuchen den StN-Stadtschreibtisch am Tag der Organspende. Die gebürtige Stuttgarterin Mohr nähert sich von der literarischen Seite. Kalus beklagt das durch Skandale zerstörte Vertrauen der Menschen in Organspenden.

Stuttgart – Während auf der Königstraße der Tag der Organspende begangen wird, sprechen Transplantationskoordinator Martin Kalus und Schriftstellerin Angela Mohr zwischen Bücherregalen am Stadtschreibtisch der Stuttgarter Nachrichten über dieses schwierige, gemeinhin verdrängte Thema der Organtransplantation.
Die gebürtige Stuttgarterin Mohr nähert sich von der literarischen Seite: Vor dem Publikum im Buchhaus Wittwer liest sie aus ihrem Buch „Vergiss nicht, dass du tot bist“. ­­Der Thriller dreht sich um das 16-jährige Mädchen Sabina, dem zwar durch die Transplantation eines neuen Herzens ein zweites Leben geschenkt wird, das aber nach der Operation von unheimlichen Ängsten heimgesucht wird. Mohr hat dieses schwermütige Thema Organspende ganz bewusst gewählt, da sie Jugendlichen „nicht nur Hochglanz-Stoff“ präsentieren wolle. Der Tod ­gehe schließlich alle an, auch die Jungen.
Eine Einstellung, die Martin Kalus ­durchaus begrüßenswert findet. Der Transplantationskoordinator am Klinikum Stuttgart arbeitet ­­seit mehr als 20 Jahren ­ in diesem Beruf – und der wurde ­zuletzt immer schwieriger. „Der Skandal um manipulierte Wartelisten an vier deutschen Transplantationskliniken hat viel Vertrauen zerstört“, sagt er. Im ­vergangenen Jahr sei die Zahl der ­Organspender nicht nur in ­Baden-Württemberg, sondern in ganz Deutschland dramatisch eingebrochen.
Aktuell liegt die Quote der Organspender pro eine Million Einwohner in Baden-Württemberg bei 9,2. Zum Vergleich: Im Stadtstaat Hamburg sind es immerhin 22,4. Sind die Schwaben also bis über den Tod hinaus geizig? Martin Kalus ist gewillt, dies zu ­glauben: „Man könnte fast salopp sagen, bei den Schwaben herrscht auch hier die ­Einstellung: ‚Mir gebed nix.“‘
Das macht es nicht einfacher. Schließlich ist er derjenige, der sie stellen muss, „die ­unmöglichste Frage zum unmöglichsten ­Zeitpunkt“, wie er sagt. Wird bei einem ­Patienten im Klinikum Stuttgart der ­Hirntod festgestellt, muss Kalus über ­Gespräche mit den Angehörigen ­herausfinden, wie die Einstellung des ­Verstorbenen zur Organspende zu Lebzeiten war. Der Tag der Organspende hilft in seinen Augen dabei, die Menschen für das Thema zu sensibilisieren.Trotzdem sei der Tag womöglich nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Quelle: StN-Stadtschreibtisch: Angeregtes Gespräch über unmögliche Fragen – Stuttgart – Stuttgarter Nachrichten

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Anmerkung: Das Zitat die ­unmöglichste Frage zum unmöglichsten ­Zeitpunkt“ steht in Zusammenhang mit der Tatsache, dass in der Mehrzahl der Fälle Angehörige des Verstorbenen entscheiden, diese aber zu Lebzeiten nie mit dem Verstorbenen über das Thema Organspende gesprochen haben. Diese Frage habe ich in meiner Zeit als Organspendekoordinator (1992-2001) der DSO gestellt. Seit dem Jahr 2001 arbeite ich ausschließlich als Transplantationskoordinator für das Klinikum Stuttgart.

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Ein Kommentar zu “StN-Stadtschreibtisch: Angeregtes Gespräch über unmögliche Fragen

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