So gibt es mehr Organspender – Al Roth forscht

So geht der Staat an die Nieren

17.07.2014, 09:41 Uhr  ·  Ständig fehlen Organspender. Die deutschen Gesetze machen alles noch schlimmer.

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Kaum ein Problem wird schon so lange in so vielen Ländern diskutiert und ist trotzdem so ungelöst wie der Mangel an Organen. Immer ist die Liste der Leute, die eine Organspende brauchen, viel länger als die der Organspenden. Allein in den Vereinigten Staaten sterben jährlich 10.000 Menschen, die eine Niere bräuchten. Und in Deutschland ist die Spendenbereitschaft seit dem letzten Organspenden-Skandal noch geringer geworden, obwohl die Organspender in dem Skandal überhaupt keinen Schaden erlitten hatten.

Dabei hat der Bundestag vor wenigen Jahren erst eine neue Regel eingeführt. Inzwischen müssen die Krankenkassen ihre Versicherten alle zwei Jahre fragen, ob sie Organe spenden wollen – damit auch ja niemand vergisst, über diese Frage nachzudenken und eine Antwort zu geben. Doch vielleicht ist diese Lösung gar nicht so gut.

Das zumindest legen neue Ergebnisse eines Forschers von der Harvard-Universität nahe, der wahrscheinlich wie kein zweiter weiß, wie man Menschen zum Organspenden bringt. Für nierenkranke Leute hat Al Roth schon vor mehr als zehn Jahren ein Ringtauschsystem entwickelt. Es setzt daran an, dass viele nierenkranke Menschen eine Schwester oder einen Ehemann haben, die gern eine Niere spenden würden – aber nicht immer passt der Spender biologisch. Das Ringtauschsystem ordnet die Kranken und ihre Spender so zu, dass sie die Nieren tauschen können. Davon profitieren nicht nur die Teilnehmer des Tauschrings, sondern auch die anderen Nierenkranken, weil die Teilnehmer des Tauschrings so von der Warteliste verschwinden.

In den Vereinigten Staaten wurde das System nach und nach in mehreren Bundesstaaten eingeführt, und sein Entwickler Al Roth hat für diese und einige andere marktähnliche Zuordnungssysteme den Nobelpreis bekommen. Inzwischen lehrt Al Roth an der Stanford-Universität in Kalifornien. Gemeinsam mit einem ehemaligen Doktoranden von der Universität Harvard, Judd Kessler, hat er jetzt untersucht, welche Maßnahmen zusätzliche Menschen vom Organspenden überzeugen können.

Eine naheliegende Idee ist es, Organspendern Vorteile zu verschaffen, wenn sie selbst ein Organ brauchen: Wer als Gesunder einen Organspendeausweis ausgefüllt hat, bekommt auf der Warteliste Priorität. Doch diese Regel kann schnell unterlaufen werden, wenn der Gesetzgeber nicht aufpasst. Sobald das Gesetz ein Schlupfloch hat, nutzen die Leute es weidlich aus – und dann wird die Regel sogar schnell schädlich.

In Israel beispielsweise lassen sich zwar viele Leute als Spender registrieren, doch nach dem Tod können Angehörige ein Veto einlegen, und viele tun das auch. Und weil sich in der Hoffnung auf das Veto der Angehörigen viele Israelis als Spender registrieren lassen, hat auch jeder die Priorität auf der Warteliste – da hat dann keiner mehr einen Vorteil. Im Gegenzug aber schwindet die Zahl der echten Organspender, denn viele sind über die Schummler auf der Spenderliste höchst empört.

Auch die neue Regelung in Deutschland könnte das Organangebot eher verkleinern: eine verpflichtende Frage nach der Organspende. Das zeigt die Untersuchung ähnlicher – wenn auch härter greifender – Gesetze in Amerika, zum Beispiel im Bundesstaat Massachusetts. Zwar hatten die Menschen in Umfragen vorher gesagt, dass sie eher zum Organspender würden, wenn sie einmal eine verbindliche Antwort abgeben müssten. Doch da fanden sich die Leute einmal mehr in der Theorie altruistischer, als sie es in der Praxis waren.

Tatsächlich haben die Gesetze in Amerika das Organangebot eher verkleinert. Auch das liegt an den Angehörigen: Wenn ein Sterbender keinen Organspendeausweis ausgefüllt hat, erlauben die Angehörigen in einigen Fällen die Organspende trotzdem. Wenn der potentielle Spender aber schon gefragt worden ist und mit nein geantwortet hat – dann stellen sich die Angehörigen auch nach dem Tod nicht gegen diesen Wunsch.

Was kann der Gesetzgeber stattdessen tun? Das Wichtigste ist: einen einfachen Weg anbieten, Organspender zu werden – doch da ist Deutschland schon weit. Viel einfacher als der Organspendeausweis, den sich die Deutschen selbst ausdrucken und in den Geldbeutel stecken können, wird es nicht mehr.

Geld hilft immer, sagt der Ökonom – doch Organe zu verkaufen, ist fast auf der ganzen Welt verpönt. Inzwischen hat Al Roth für die Nieren einen Umweg getestet: Lebende Nierenspender als Helden auszuzeichnen und mit 50 000 Dollar zu belohnen.

Solche Auszeichnungen könnten ein Weg sein und noch mehr Leute dazu bringen, ihre Niere zu spenden. In den Vereinigten Staaten kam die Idee in einer Umfrage von Al Roth und seiner Kollegin Muriel Niederle ganz gut an. Billiger als viele Jahre der Dialyse wäre so ein Preis allemal.

An anderen Organen, die von lebenden Menschen nicht gespendet werden können, wird der Mangel auf absehbare Zeit groß bleiben. Al Roth rechnet vor, dass gar nicht genügend Sterbende brauchbare Organe hinterlassen, um den Bedarf zu decken – egal, wie hoch die Spenderquote ist. Da bleibt nur die Hoffnung auf die technische Entwicklung: auf den 3D-Drucker, der neue Organe drucken kann.

Quelle FAZ – So gibt es mehr Organspender – Al Roth forscht – Fazit – das Wirtschaftsblog.

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