Und schon bist du eine kaltblütige Organhändlerin

Netz, Lügen und Bauchspeicheldrüsen: Wie eine Südbadenerin, die aus der Ukraine stammt, plötzlich zum Opfer einer Rufmordkampagne wird. Von Sylvia Timm

FREIBURG. Was ist Wahrheit, was ist Lüge? Wer das im Internet unterscheiden will, kommt nicht selten in Not – vor allem, wenn es um Berichte geht, die aus Krisenregionen und autoritären Systemen stammen. Im Netz können solche als Nachrichten getarnte Gerüchte ein wildes Eigenleben entfalten – unter dessen Folgen mancher schwer zu leiden hat. Diese Erfahrung macht Olga Wieber gerade, die wegen rasant im Internet umlaufender Gerüchte massiv bedroht wird. Sie und ihre Familie.

Olga Wieber ist 45 Jahre alt, stammt aus der Ukraine und lebt in Südbaden. Sie wird seit einigen Tagen im Netz massiv beschuldigt, sie handle illegal mit Organen von toten und schwer verletzten Soldaten aus Kämpfen in der Ukraine und verschachere diese in Deutschland. Zum „Beweis“ wird im Internet – offenbar als Erstes auf dem Nachrichtenportal Voice of Sevastopol – ein angeblich gehackter Internetchat zwischen ihr und Sergej Wlassenko, einem Vertrauten der ehemaligen ukrainischen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko, und dem Kommandeur des ukrainischen Donbas-Bataillons veröffentlicht.

Darin bestellt die angebliche „deutsche Ärztin“ Olga Wieber „17 Herzen, 50 Nieren, 15 Lebern, 30 Bauchspeicheldrüsen und 5 Lungen“ und dringt auf schnelle Lieferung nach Deutschland. Als Gegenleistung verspricht sie technische und materielle Unterstützung fürs ukrainische Militär. Um die reale Existenz der Ärztin zu belegen, sind Fotos von ihr in einem Operationssaal zu sehen und ihre Profilbilder, unter anderem in den ukrainischen Farben Blau und Gelb.

Seit 2002 lebt Olga Wieber in Deutschland, aktuell in einer Kleinstadt in Südbaden, hat hier Familie. Kurz nach Veröffentlichung des angeblichen Chats auf der Nachrichtenseite bricht der Shitstorm los: Wiebers Seite im Netzwerk odnoklassniki.ru, einem russischen Facebook, in dem sie Kontakt zu Freunden aus ihrer alten Heimat hält, wird plötzlich, innerhalb von Minuten, von Hunderten aufgerufen, die übelste Kommentare hinterlassen. Die 45-Jährige wird beleidigt, beschimpft, bedroht. Man werde sie finden und töten, man wisse auch, wo sie wohnt.

„Ich wusste nicht, wie mir geschieht“, erzählt Olga Wieber im Gespräch mit der Badischen Zeitung. Die erwähnten Fotos stammen tatsächlich von ihrer Odnoklassniki-Seite. Das Profilbild färbte sie dort blau und gelb ein aus Sympathie für die Maidanbewegung – und zugleich für ihre jetzige Heimatstadt in Südbaden, deren Farben ebenfalls Blau und Gelb sind. Auch die Bilder aus dem OP sind echt: Sie entstanden in einem deutschen Krankenhaus bei der Schulung einer Medizintechnikfirma, bei der Wieber einige Zeit für das Marketing zuständig war. Sie postete das Bild damals an ihre Freunde, um sie an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Inzwischen ist die studierte Mathematikerin und Juristin bei einer Firma in der Baubranche als Vorstandsassistentin tätig. Mit Medizin hat sie nichts zu tun und schon gar nicht mit Organhandel.

Und doch muss sie gerade eine Woge von Anfeindungen über sich ergehen lassen: Viele Menschen glauben die Story, zumal auch das russische Staatsfernsehen über den vermeintlichen Organhandel berichtete – unter Aussendung des besagten gefälschten Internetgesprächs. „Die Erstausstrahlung erfolgte nur wenige Stunden nach Beginn dieser Hasswelle im Internet“, berichtet Olga Wieber. Freunde in Russland hatten sie über den Fernsehbericht informiert, der halbstündlich wiederholt wurde und in einer Art Wochenschau, einer regelmäßig von Millionen angesehenen Nachrichtensendung, als wahr hingestellt wurde. Diese Kombination, findet sie, kann kein Zufall sein, ihrer Auffassung nach wurde das lanciert.

Auch bei unserer Zeitung gingen und gehen Anfragen ein, und im Rathaus ihres Wohnortes sieht sich der Oberbürgermeister plötzlich dem gemailten Verdacht gegenüber, er decke in seinem Ort eine skrupellose Organhändlerin.

Dem zu begegnen ist schwer. Wer solchen Informationen, noch dazu im Staatsfernsehen, ausgesetzt ist und keine Chance der Verifizierung hat, dem impft sich die erfundene Geschichte als Wahrheit ein. Für die hochemotionalen, auch aggressiven Reaktionen hat die echte Olga Wieber unter diesen Umständen sogar fast Verständnis. Die Leute seien einfach Opfer einer Propagandamaschinerie.

Olga Wieber hat sich zusammen mit ihrem Mann entschlossen, in die Offensive zu gehen. Sie hat zunächst eine Selbstanzeige „als Organhändlerin“ bei der deutschen Polizei erwogen, damit diese von amtlicher Seite her ermittelt und klarstellt, dass alles frei erfunden ist. Tatsächlich hat sie dann Anzeige wegen übler Nachrede gestellt, sie hat Politiker und die deutsche Botschaft informiert – denn Olga Wieber ist seit Jahren deutsche Staatsbürgerin. Da sie aber vermutet, dass die Drahtzieher nur schwer zu ermitteln sein werden, geht sie selbst an die Öffentlichkeit. Für sie ist der Angriff aus dem Internet Teil eines russischen Propagandafeldzuges zur Verunglimpfung der neuen ukrainischen Regierung. Dass es sie selbst getroffen hat, hält sie für Zufall. „Für Politik habe ich mich nicht besonders interessiert.“ Auch nicht ihre Verwandten in der Ukraine, sodass auch hier wohl kein Bezug besteht.

Vorsorglich hat Olga Wieber ihre südbadischen Nachbarn informiert, damit sie die Augen offenhalten. Man kann ja nicht wissen. Auch ihr Chef weiß Bescheid. Wo man sie kennt, halten die Menschen das Ganze für absurd und würden am liebsten darüber lachen, dass es Leute gibt, die so etwas glauben.

So zerpflückt das Internetportal „Stop fake“ den angeblichen Organhandel schon mit technischen und organisatorischen Argumenten: Organe für Transplantationen schneidet man nicht mal eben im Kampfgebiet oder einem vermoderten Keller aus Körpern, sondern braucht dazu beste medizinische Infrastruktur, dasselbe gelte für den Transport. Auch müsste eine Transplantation in Deutschland ja ebenfalls illegal erfolgen.

Olga Wieber versucht weiter, ihr normales Leben zu leben. Sie hofft, dass andere Schauermärchen im globalen Netz ihres verdrängen werden.

Quelle: Und schon bist du eine kaltblütige Organhändlerin – badische-zeitung.de.

Siehe auch Artikel bei Spiegel online vom 12.07.2014

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Ein Kommentar zu “Und schon bist du eine kaltblütige Organhändlerin

  1. Pingback: Deutschland: Russen-Mobbing gegen Ukrainerin – Europamagazin – ARD | Das Erste | Blog über medizinische Themen im Allgemeinen und Organspende und Transplantation im Besonderen.

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