Ist eine Organspende ethisch vertretbar?

Von der Ethik der Organspende

Der Moraltheologe Professor Michael Rosenberger (Mitte) mit Pastoralreferentin Gudrun Heid vom Ökumenischen Seelsorgeteam des Uniklinikums Würzburg und Professor Wolfgang Müllges, dem Transplantationsbeauftragten des Klinikums. (Foto: Universitätsklinikum Würzburg)

Die Organspende in Deutschland ist im Sinkflug: Gab es im Jahr 2007 hierzulande noch 1.313 postmortale Organspender, waren es im vergangenen Jahr nur noch 876. Einen gewichtigen Anteil an dieser Entwicklung hat der in den Jahren 2012 und 2013 aufgedeckte Organspendeskandal, bei dem unter anderem vier deutschen Transplantationszentren schwerwiegende systematische Richtlinienverstöße nachgewiesen wurden.

„Auch wenn mehrere unabhängige Prüfungskommissionen dem Transplantationszentrum am Würzburger Uniklinikum untadeliges Vorgehen attestierten – das Fehlverhalten einzelner Personen an einigen Standorten reichte aus, um das Gesamtsystem in der öffentlichen Wahrnehmung bundesweit herunterzuziehen“, betont Gerold Neudert, Klinikseelsorger am Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Außerdem habe er beobachtet, dass auch Diskussionen um den Hirntod als gültiges Kriterium für den Tod des Menschen immer wieder aufflammen. Viele potenzielle Spender seien dadurch verunsichert.

Moraltheologe mit unterfränkischen Wurzeln

Um diese Diskussionen mit einer Expertenmeinung zu bereichern, lud das Ökumenische Seelsorgeteam des UKW Professor Michael Rosenberger am 10. Juli zu einem öffentlichen Vortrag ans Würzburger Uniklinikum ein. Der gebürtige Kitzinger ist seit zwölf Jahren Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität in Linz/Österreich. Er hat Theologie in Würzburg und Rom studiert; an der Uni Würzburg hat er außerdem promoviert und sich 1999 hier auch habilitiert.

Wann ist ein Mensch tot?

Zu Beginn seiner Ausführungen stand die Frage, wie der Mensch definiert, wann der Tod eines Lebewesens eingetreten ist. Dazu Rosenberger: „Das ist nicht trivial, denn das Sterben ist ein kontinuierlicher Prozess. Wo ist die Schwelle, ab der man einen Organismus als tot bezeichnen kann?“ Für eine Antwort kommen laut dem Moraltheologen zwei Systeme zu einem interdisziplinären Dialog zusammen: Auf der einen Seite definieren Philosophie, Theologie und Ethik das Bild des Menschen und damit auch dessen Tod. Auf der anderen Seite entwickelt die Medizin mit naturwissenschaftlichen Werkzeugen Todeskriterien und die dazugehörigen Testverfahren. Zusammen klären sie die Frage der Angemessenheit der Todeskriterien für ein bestimmtes Todesverständnis.

„Ob nun der Tod von philosophischer Seite als Zerbrechen der leibseelischen Einheit verstanden wird oder als vollständiger, unumkehrbarer Verlust der Integration der einzelnen Systeme des Organismus – beide philosophischen Denkmuster laufen auf das Kriterium des Ganzhirntodes zu“, betonte Rosenberger.

Ganzhirntod sauber definiert und überprüfbar

Auf medizinischer Seite besteht nach seinen Angaben seit dem Jahr 1968 definitorische Klarheit: Laut der Harvard-Kommission ist unter dem Ganzhirntod der vollständige und irreversible Ausfall von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm zu verstehen. „Als die Kommission vor mittlerweile fast 45 Jahren diese Definition aufstellte, wollte sie damit die Bedingungen für ein Abschalten von lebenserhaltenden Geräten festlegen. Man kann also davon ausgehen, dass sie nicht interessengeleitet mit Gedanken an Organspenden argumentierte“, so Rosenberger. Die Überprüfung dieser Kriterien durch die Medizin sei sehr sicher und transparent.

Organspende nach Hirntod ethisch zu vertreten

Nach dieser Argumentationslinie ist das Hirntodkriterium derzeit das plausibelste Todeskriterium; eine Organspende nach dem Hirntod ist dem Moraltheologen zufolge ethisch möglich. „Klar ist aber auch: Der Körper ist ein Medium der eigenen Identität. Deshalb muss eine Organspende in unserem Kulturkreis immer eine autonome und freie Entscheidung des Spenders sein“, unterstrich der Referent. Es dürfe demnach auch keine allgemeine Pflicht zur Organspende geben. Zur freien Entscheidung zählten sowohl der zum Beispiel in Österreich praktizierte aktive Widerspruch wie auch die in Deutschland gepflegte aktive Zusage der Spendenbereitschaft.

Ethisch abzulehnen ist laut Rosenberger jeglicher Organhandel – egal, ob die Organe von Lebenden oder Toten stammen. Hinzu komme die Pflicht zum pietätvollen Umgang mit dem Leichnam des Spenders.

Katholische Kirche: Organspende eine Gabe der Liebe

„Entgegen eines verbreiteten Irrglaubens unterstützt vor diesem Gesamthintergrund auch die katholische Kirche die Organspende“, berichtete der Professor. So bezeichnete Papst Johannes Paul II in einer kirchlichen Stellungnahme die Organverpflanzung als eine „wahre Tat der Liebe“. Und für Papst Benedikt XVI sei die Organspende „eine besondere Form des Zeugnisses der Nächstenliebe.“

Quelle: Ist eine Organspende ethisch vertretbar? | Service | Würzburg erleben. Siehe auch Presse Uni Würzburg

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