Stigmatisierung im Spender-Anamnesebogen

Organspenden aus dem „homosexuellen Milieu“

Eine Organentnahme ist nur dann grundsätzlich ausgeschlossen, wenn bei dem verstorbenen Menschen eine akute Krebserkrankung oder ein positiver HIV-Befund vorliegt  Bild: Organ Donation Research Consortium

Lebendige Schwule dürfen kein Blut spenden, doch nach dem Tod sind ihre Herzen oder Nieren willkommen. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation nutzt dennoch einen diskriminierenden Fragebogen für die Angehörigen.

Von Robert Niedermeier

Organspender sind knapp in Deutschland. Nicht jedem behagt die Vorstellung, als Hirntoter entweidet zu werden. Organhandel-Skandale und öffentlich gemachte Korruptionsfälle schrecken potentielle Spender und deren Angehörige zusätzlich ab. Das zuständige Gesundheitsministerium und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) stecken deshalb eine Menge Steuergelder in Werbekampagnen. Das Ziel: Die Organspende-Bereitschaft der Deutschen soll steigen. Zwar stünden gut zwei Drittel der Bundesbürger der Organspende positiv gegenüber, doch nur 22 Prozent haben dies in einem Spenderausweis dokumentiert.

Das Blut von Schwulen ist laut dem Transfusionsgesetz (TFG) nicht gewollt, doch beim knappen medizinischen Organgut sind alle als Geber willkommen. „Die jeweilige sexuelle Orientierung spielt im Zusammenhang mit der Organ- und Gewebespende keine Rolle. Homo- als auch bisexuelle Männer und andere MSM-Personen werden für eine Organspende nicht zwangsläufig ausgeschlossen“, erklärt Dr. Marita Völker-Albert von der BZgA auf Anfrage von queer.de. Eine Organentnahme sei nur dann grundsätzlich ausgeschlossen, wenn bei dem verstorbenen Menschen eine akute Krebserkrankung oder ein positiver HIV-Befund vorliegt. Bei allen anderen Erkrankungen entscheiden die Ärztinnen und Ärzte nach den erhobenen Befunden, ob eine Organ- oder Gewebespende in Frage komme.

Schwules Blut ist grundsätzlich unerwünscht

Die Praxis ist anders als beim Transfusionsgesetz (TFG), welches das Spenden von Blut regelt: Schwulen ist es quasi verboten, Blut zu spenden. Das TFG wird deshalb harsch kritisiert, denn homosexuelle Männer werden pauschal als Risiko-Gruppe abqualifiziert und buchstäblich ausgegrenzt. Unabhängig davon, ob die Personen nun etwa ungeschützten Sexualverkehr praktizieren oder nicht. Seit dem Sommer läuft eine von der Initiative „Buntspenden“ gestartete Online-Petition mit bereits über 26.000 Unterschriften, die auch vom LSVD unterstützt wird (queer.de berichtete).

Eine klare Grundlage liefert die europäische Richtlinie 2004/33/EG. Unter den Ausschlusskriterien für Spender von Vollblut und Blutbestandteilen werden Männer, die Sex mit anderen Männern haben, nicht kategorisch ausgeschlossen. Stattdessen sollten Personen ausgeschlossen werden, „deren Sexualverhalten ein hohes Übertragungsrisiko für durch Blut übertragbare schwere Infektionskrankheiten birgt“, erläutert Laura Maroldt von der Agentur DDB Tribal Group GmbH, die die Buntspende-Aktion koordiniert.

Am Transplantationsgesetz (TPG) hat der Lesben- und Schwulenverband deshalb eigentlich nichts auszusetzen, „weil bei Transplantationen nicht Gruppen von Menschen generell als Spender ausgeschlossen werden“, so LSVD-Vorstand Manfred Bruns.

„Aufenthalt in einer Strafanstalt“ oder „Umgang im homosexuellen Milieu“?

Doch die Umsetzung des Gesetzes, welches die Organempfänger vor Komplikationen und die Übertragung von Krankheiten bewahren soll, stößt zunehmend auf Unverständnis. In die Kritik gerät vor allem die „Deutsche Stiftung Organtransplantation“ (DSO). Die DSO ist die zentrale Koordinierungsstelle nach § 11 des Transplantationsgesetzes und damit für die Organisation der Organspende in Deutschland verantwortlich.

Die DSO hat einen Fragebogen für die Angehörige von Verstorbenen entworfen. Darin werden Trauernde mit Fragen konfrontiert, die Anhaltpunkte dafür liefern sollen, ob der dahingeschiedene Spender einer Risikogruppe für „Aids/HIV“ und Hepatitis B oder C angehöre. Im Punkt 6 des so genannten Spender-Anamnesebogens (PDF) wird aufgezählt: „Prostitution“, „Aufenthalt in einer Strafanstalt“, „Umgang im homosexuellen Milieu“ und „Langzeitaufenthalt in einem HIV-Risikogebiet“.

Für Manfred Bruns ist die Homomilieu-Frage nicht nachvollziehbar: „Mal abgesehen davon, dass das Wort ‚Milieu‘ unangemessen und diskriminierend ist, wird durch die Frage die Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Menschen als Risiko betrachtet anstatt zutreffender ein bestimmtes Verhalten als Risiko zu bewerten.“

Die Kritik des LSVD-Vorstands stößt jedoch auf Unverständnis bei der DSO: „Warum ist die Frage diskriminierend?“, fragt DSO-Mitarbeiterin Birgit Blome im queer.de-Gespräch erstaunt zurück und sagt: „Die Gespräche mit den Angehörigen müssen oft in sehr schwierigen, emotionalen Ausnahmesituationen geführt werden und erfordern ein hohes Maß an Sensibilität. Die Formulierung dient im Angehörigengespräch einer Annäherung an die Thematik und soll absolut wertneutral das Risikopotenzial einer HIV-Infektion herausarbeiten.“

Für Sex unter Männern braucht es kein „Milieu“

Warum der Begriff Homosexuellen-Milieu sehr wohl diskriminierend und sicherlich nicht „sensibel“ oder gar „wertneutral“ ist, stellt Axel Bach vom Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen klar: „Dieser Terminus ist sprachlicher Unsinn. Was oder wo soll denn dieses Milieu sein: die Stadt Köln, der Eurovision Song Contest oder gar das Amtszimmer einer lesbischen Politikerin? Solche Phrasen verunglimpfen Homosexuelle kollektiv, ganz so, als wären Lesben und Schwule wie Kriminelle in einer Art Rotlichtviertel organisiert.“

Dass das Wort Einzug in eine medizinischen Fragebogen gefunden hat, ist für BLSJ-Vorstand Bach schlicht skandalös. „Selbstverständlich ist es sinnvoll, nach Risiken zu fragen. Doch schon der Begriff ‚Umgang‘ ist sprachlich dermaßen unpräzise, wenn es in Wirklichkeit um Sex unter Männern geht“, kritisiert Axel Bach. „Dafür brauche es nämlich gar kein Milieu.“

LSVD-Vorstand Manfred Bruns unterstützt Bachs Urteil: „Hier ist noch nicht mal mehr von Sex die Rede, geschweige denn von ungeschütztem. Außerdem müssten beim „homosexuellem Milieu“ auch Lesben mitgemeint sein, die aber weitaus niedrigere HIV-Prävalenzen haben als Heterosexuelle und deshalb auch nicht von der Blutspende ausgeschlossen sind.“

Auch die queer.de-Recherche fand nach mehrmaliger Durchsicht des Transplantationsgesetzes keinen Hinweis im Paragrafendschungel, der nur ansatzweise die von Vorurteilen belastete Milieu-Frage rechtfertigt. Das Feiern auf einer Tanzveranstaltung, der Besuch einer Sonntagsmatinee oder die Teilnahme an einer Podiumsdiskussion „im homosexuellen Milieu“ lässt jedenfalls keine Rückschlüsse darauf zu, dass man sich dem Risiko aussetzt, sich mit HIV oder Hepatitis anzustecken. Vielmehr schreibt das Gesetz ausdrücklich vor, „sachdienlichen Angaben“ über die Spender nachzugehen. In diesem Zusammenhang scheint die Frage der DOS nach einem „Langzeitaufenthalt in einem HIV-Risikogebiet“ ebenso diskriminierend wie unsinnig.

DSO erwägt „alternative Formulierung“ und bittet um Vorschläge

Dennoch: Die DSO hat laut Sprecherin Blome keinerlei Interesse, schwule Männer zu stigmatisieren und somit potentielle Organspender vor dem Kopf zu stoßen. „Falls es Interessensgruppen gibt, die Anstoß an dieser Formulierung nehmen, sind wir selbstverständlich gerne bereit, alternative Formulierungen zu diskutieren und zu prüfen. Für einen Hinweis oder eine Stellungnahme sind wir dankbar“, äußert sich Frau Blome einsichtig (ein Kontaktformular gibt es auf der DSO-Homepage).

Gut so, denn Organspender sind ohnehin knapp.

Links zum Thema:
» Gesetzesauszug: Rechtliche Anforderungen an Organspender
» Der diskriminierende Fragebogen der DSO als PDF
» Informationen der BZgA zum Thema Organsspende

Quelle: Organspenden aus dem „homosexuellen Milieu“ – Queer.de.

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