Streit um Organe für Alkoholiker – Was wirklich hinter dem Transplantationsskandal steckt!

Streit um Organe für Alkoholiker – Was wirklich hinter dem Transplantationsskandal steckt!
Beitrag vom 18.09.2014 | 09:34 min | in der Mediathek. Verfügbar bis 18.09.2015 | Rundfunk Berlin-Brandenburg

Der Transplantationsskandal hat Schlagzeilen gemacht: Skrupellose und korrupte Ärzte, so die Vermutung. Staatsanwälte ermitteln wegen fahrlässiger Tötung. Organspenden gingen drastisch zurück. Doch hinter den Schlagzeilen steckt ein ethischer Grundkonflikt: Unter welchen Voraussetzungen haben Alkoholiker Anspruch auf eine Lebertransplantation?

Anmoderation
Darf man einen Patienten einfach sterben lassen, obwohl man ihn mit einer Organspende retten könnte? Ja, bei Alkoholkranken müssen die Ärzte das unter gewissen Umständen sogar. Das schreiben die Regeln vor. Genau diese Regeln spielten im so genannten Transplantationsskandal vor zwei Jahren eine wichtige Rolle. Sie erinnern sich: Chirurgen sollen über Jahre hinweg Wartelisten für Leberkranke manipuliert haben. Die öffentliche Empörung war damals riesig. Doch bei unseren Recherchen stießen wir jetzt auf überraschende Hintergründe, die den Skandal in ein anderes Licht rücken. Chris Humbs und Markus Pohl trafen eine Patientin, die mit einer Spenderleber lebt.

Roswitha Eberl (Name von der Redaktion geändert)
„Wenn ich damals meine Leber nicht bekommen hätte, wenn das nach den gültigen Regeln gemacht worden wäre, dann wäre ich heute nicht mehr da.“

Nennen wir diese Frau Roswitha Eberl. Sie ist nur noch am Leben, weil ihre Ärzte Vorschriften gebrochen haben. Ihre Geschichte ist Teil des sogenannten Transplantationsskandals.

Jahrelang trank die Bankangestellte regelmäßig Alkohol, zeitweise bis zu eineinhalb Flaschen Wein am Tag.

Roswitha Eberl (Name von der Redaktion geändert)
„Ich hab‘ das eher so als Entspannung am Abend gedacht, die Arbeit den ganzen Tag, es war auch ein bisschen stressig, und dann, naja, eine schöne Entspannung.“
KONTRASTE
„Aber dass Sie damit sich vergiften auf lange Sicht, war Ihnen nicht klar?“
Roswitha Eberl (Name von der Redaktion geändert)
„Ich bin nie auf den Gedanken gekommen, dass ich mir da irgendetwas antue.“

Trotz ihres hohen Alkoholkonsums: Roswitha Eberl lebt ein ganz normales Leben. Sie arbeitet, kümmert sich um ihre Familie. Dass sie ihre Leber ruiniert hat, merkt sie erst bei einem Friseurbesuch.

Roswitha Eberl (Name von der Redaktion geändert)
„Meine Friseuse, die hat mich aufmerksam gemacht, dass ich furchtbar gelbe Kopfhaut habe. Und dann bin ich zum Arzt, und der hat Blut entnommen: also Werte miserabel, und deutet eine Leberzirrhose an und sofort ins Krankenhaus. Das war wie ein Blitz aus heiterem Himmel, weil ich vorher ja nie Beschwerden gehabt habe oder … gar nichts!“

Im Krankenhaus verschlechtert sich ihr Zustand dramatisch: Die Ärzte stellen ein Leberversagen fest. Medikamente schlagen nicht an, Roswitha Eberl droht zu sterben. Daraufhin setzen die Ärzte sie auf die Warteliste für eine Transplantation. Nur vier Wochen nach ihrer Einlieferung bekommt sie eine neue Leber.

Doch damit verstößt die Klinik gegen die Richtlinien der Bundesärztekammer. Denn die schreibt für Lebertransplantationen eindeutig vor: Patienten mit alkoholbedingter Zirrhose dürfen erst auf die Warteliste, wenn sie „für mindestens sechs Monate völlige Alkoholabstinenz“ eingehalten haben.

Roswitha Eberl (Name von der Redaktion geändert)
„Ich kann nur den Ärzten dankbar sein, dass sie da über den Schatten gesprungen sind, die Regeln nicht eingehalten haben und mir damit das Leben gerettet haben.“

Eine Richtlinie, die Ärzten verbietet, Leben zu retten?

Quer durch Deutschland stehen Transplantationsmediziner im Visier der Bundesärztekammer, weil sie sich dieser Abstinenzfrist widersetzt haben sollen: in Leipzig, in Regensburg, in München oder in Göttingen.

Der ehemalige Leiter der Transplantations-Chirurgie in Göttingen steht sogar vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Manipulationen vor, in vier dieser Fälle geht es um die Missachtung der Abstinenzpflicht. Die Staatsanwälte konstruieren daraus den Vorwurf des versuchten Totschlags. Denn: Die transplantierten Organe fehlten für andere Patienten auf der Warteliste.

Der Arzt hätte seine Patienten also sterben lassen sollen. Gegenüber KONTRASTE  äußert er sich erstmals öffentlich zu den Vorwürfen.

Dr. Aiman O.
ehem. Leiter Transplantationschirurgie Göttingen
„Ich hab‘ diese Patienten auf der Intensivstation in einem extrem schlechten Zustand vorgefunden, diese Patienten litten an einer akuten Verschlechterung der bekannten Leberzirrhose und hatten ein paar Wochen ohne Lebertransplantation zu leben.“
KONTRASTE
„Wäre es nicht möglich gewesen zu sagen, jetzt werde erstmal trocken, erstmal sechs Monate Karenz?“
Dr. Aiman O.
ehem. Leiter Transplantationschirurgie Göttingen
„Der Gedanke gleicht einer Hinrichtung auf offener Straße. Diese Patienten zu entlassen, heißt sie sterben zu lassen, bevor sie ihr zu Hause erreicht haben.“

Die Patienten haben die Transplantation gut überstanden – sind wohlauf, betont Aiman O. Doch das ist weder für die Staatsanwälte noch für die Ärztekammer von Belang.

Denn: Bei Patienten, die vor der OP nicht sechs Monate lang trocken waren, steige grundsätzlich die Gefahr, dass sie wieder anfangen zu trinken und auch die neue Leber zerstören. Angesichts des Organmangels teilt die Bundesärztekammer so in rettungswürdig und nicht rettungswürdig auf.

Dr. Gertrud Greif-Higer
Arbeitsgruppe Lebertransplantation
Bundesärztekammer
„Die Patienten müssen gut kooperieren, sie müssen verstehen, worum es geht, dieses Organ zu schonen und ihren Lebensstil danach einrichten. Dazu gehört in der Tat die Alkoholabstinenz. Und wir lernen Patienten in sechs Monaten so gut kennen, dass wir wirklich sagen können, dieser Patient kann gut kooperieren, das gehört dazu und das möchten auch die Richtlinien, dass wir uns dessen versichern.“

Eine Art Bewährungsfrist. Was aber, wenn die Patienten keine sechs Monate mehr zu leben haben, sich gar nicht bewähren können?

Dr. Gertrud Greif-Higer
Arbeitsgruppe Lebertransplantation
Bundesärztekammer
„Es ist eben eine Situation, in der wir die Patienten nach besten Möglichkeiten konservativ behandeln.“
KONTRASTE
„Aber dann ja sterben lassen.“
Dr. Gertrud Greif-Higer
Arbeitsgruppe Lebertransplantation
Bundesärztekammer
„Und dann sterben diese Patienten an ihrer Grunderkrankung mit der Folgeerkrankung der Leberzirrhose.“
KONTRASTE
„Aber warum gibt man ihnen dann nicht ein neues Organ, wenn man dadurch ihr Leben deutlich verlängern könnte?“
Dr. Gertrud Greif-Higer
Arbeitsgruppe Lebertransplantation
Bundesärztekammer
„Sie geben das Organ diesem Patienten, sie geben es einem anderen Patienten nicht. Wir müssen abwägen: Stirbt dieser Patient oder jener Patient.“

Eine Abwägung, die für eine ganze Gruppe von Patienten einem Todesurteil gleichkommt; nur weil man vermutet, dass sie trotz neuer Leber weitertrinken werden.

Roswitha Eberls Ärzte widersetzten sich dieser Vorverurteilung. Sie ist fünf Jahre nach ihrer Lebertransplantation wieder bester Dinge – und vor allem trocken.

Roswitha Eberl (Name von der Redaktion geändert)
„Ich bin ein neuer Mensch geworden, vielleicht auch dadurch bedingt: keinen Alkohol mehr, null, ob das im Essen irgendwie ist, oder wenn es mal heißt: ein Schweinsbraten mit Dunkelbiersauce oder was, ja das ist schon gestrichen!“

Roswitha Eberl ist kein Einzelfall, sagt Andreas Umgelter, Experte für Lebertransplantationen und Oberarzt an einer großen Universitätsklinik. Sein Arbeitgeber will nicht, dass er mit uns spricht. Man möchte nicht noch mehr Staub aufwirbeln. Umgelter protestiert dennoch offen gegen die aus seiner Sicht wissenschaftlich unbegründete Richtlinie:

Dr. Andreas Umgelter
Leberspezialist
„Es ist klar aus der Studienlage, dass die 6-Monats-Regel keine trennscharfe Unterscheidung erlaubt zwischen Patienten, die rückfällig werden und solchen, die nicht rückfällig werden. Es ist auch mittlerweile erwiesen, dass selbst wenn einen Rückfall auftritt, meistens das Langzeitergebnis der Transplantation relativ gut ist.“

So zeigt eine Studie der Berliner Charité: Von den Patienten, die wieder rückfällig werden, leben fünf Jahre nach der Lebertransplantation noch 88 Prozent. Nach zehn Jahren sind es noch 67 Prozent. Zum Vergleich: Patienten, die wegen einer virusbedingten Hepatitis C eine neue Leber bekommen, haben laut Studienlage schlechtere Überlebenschancen.

Aus medizinischer Sicht ist es also fragwürdig, Alkoholkranken eine neue Leber zu verweigern, selbst dann, wenn Rückfälle drohen. Doch wie sieht es moralisch aus? Kann man Trinker wegen ihres verantwortungslosen Lebensstils ausgrenzen, haben sie vielleicht gar kein neues Organ verdient?

Dr. Andreas Umgelter
Leberspezialist
„Wir enthalten anderen Patienten auch nicht ihre Therapie vor, weil wir denken, sie sind für ihre Erkrankung mitverantwortlich, also wir werden auch einen Raucher an seinen Herzkranzgefäßen behandeln, und wir werden einen Dicken behandeln, der zu viel gegessen hat, genauso wie wir einen Paraglider behandeln, der sich beim Absturz das Bein gebrochen hat. Wir fragen auch nicht, ob ein Patient mit einer nicht-alkoholischen Fettleberzirrhose, die hätte vermeiden können, wenn er weniger gegessen hätte. Diese Transplantation vorzuenthalten, obwohl wir sie durchführen könnten, das halte ich für eine zutiefst unärztliche Entscheidung, und auch für eine unmenschliche Entscheidung.“

Natürlich sollen Alkoholkranke jede Hilfe bekommen, um abstinent zu werden. Ihnen aber im Zweifel eine lebensrettende Therapie zu verweigern, ist auch für Professor Wolfram Höfling vom Deutschen Ethikrat nicht zu rechtfertigen.

Prof. Wolfram Höfling
Deutscher Ethikrat
„Diese pauschale Zugangsverweigerung für die Warteliste bedeutet für viele der Patienten ein Todesurteil. Wenn jetzt die Bundesärztekammer Richtlinien erlässt, in denen solche strikten Zugangsverweigerungsregeln drin sind, dann maßt sie sich eine Funktion an, die ihr nicht zukommt. Das hat was von Gesundheitspolizei oder von Tugendwächtertum, was die Bundesärztekammer da realisiert. Das darf sie nicht, und deswegen ist diese Regel auch nicht zu halten.“

Abmoderation
Uns gegenüber stellte die Bundesärztekammer jetzt in Aussicht, es könne künftig einzelne Ausnahmen von der Karenzregel geben. Beschlossen ist aber noch nichts. Die Politik hält sich weitgehend raus. Dabei geht es nicht nur um medizinische, sondern eben auch um wichtige ethische Fragen unserer Gesellschaft.

Beitrag von Chris Humbs und Markus Pohl

Quelle: Kontraste | rbb Rundfunk Berlin-Brandenburg

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