Ex-Olympiasieger Hartwig Gauder hat seit 17 Jahren ein Spenderherz und hofft auf neue Gesetzgebung

11.10.2014 – 07:20 Uhr

„Die Widerspruchsregelung wäre ungleich sinnvoller“

Hartwig Gauder Foto: Esther Goldberg

Das Herzzentrum Berlin ist wegen des Transplantationsskandals in die Schlagzeilen geraten. Insgesamt 14 Manipulationen werden vermutet. Das Vertrauen in die Transplantationsmedizin ist erneut gestört.Einer, der in diesem Zentrum behandelt wird, ist Hartwig Gauder aus Erfurt. Der einstige 50-km-Olympiasieger, Welt- und Europameister hat dort sein Spenderherz bekommen und muss regelmäßig zu Kontroll-Untersuchungen nach Berlin reisen. Gauder engagiert sich unter anderem im Verein „Sportler für Organspende“ und in der Deutschen Stiftung für Organtransplantation.

Welche Auswirkungen befürchten Sie wegen dieses neuerlichen Skandals auf die Kranken?

Die Auswirkungen sind verheerend. In dem Jahr, als ich ein neues Herz bekam, also 1997, wurden insgesamt 516 Herzen implantiert. Voriges Jahr waren es nur noch 314 Herzen in insgesamt 24 Kliniken in Deutschland.

Werden weniger Herzen benötigt?

Auf keinen Fall. Aber die Zahl der Spender ist dramatisch zurück gegangen. Im vergangenen Jahr waren es gerade mal 876. Das Jahr zuvor hatten sich 1046 Menschen für den Fall ihres Todes für eine Organspende entschieden.

Was bedeutet das für Menschen, die auf ein Spenderorgan angewiesen sind?

Das lässt sich ganz einfach schlussfolgern: An jedem Tag im Jahr sterben drei Menschen, die auf einer der Wartelisten für Organspenden stehen. Insgesamt sind auf diesen Listen etwa 12″000 Menschen registriert. Nur 3248 von ihnen konnte im vergangenen Jahr geholfen werden. Im übrigen ist das nicht nur für die Betroffenen dramatisch. Jeder auf dieser Warteliste hat Angehörige, die bangen und zittern.

Aber es ist unfair, wenn Kranke von ihren Ärzten auf den Listen nach vorn geschoben werden, indem sie Arzneien bekommen, die die tatsächliche Dringlichkeit erhöhen.

Ja, klar. Das verstößt gegen die Gleichbehandlung des Menschen. Doch dort, wo Mangel besteht, ist die Not am größten. Die Gründe, warum Ärzte ihre eigenen Patienten auf diese Weise schneller auf vordere Plätze auf der Liste bringen wollten, sind jedoch noch nicht klar. Sicher ist bisher nur, dass es nicht darum ging, Privatpatienten zu bevorzugen.

Sollte man daraus schlussfolgern, dass die Manipulationen doch nicht ein so großer Skandal waren?

Nein, so weit würde ich nicht gehen. Aber möglicherweise werden Juristen irgendwann feststellen, dass die Manipulationen nicht nachweisbar sind.

Die erhöhte Dosis bei Medikamenten lässt doch aber den Schluss zu?

Nein, das wäre zu schlicht geschlussfolgert. Ich sehe das doch an mir. Ich erlebe mit meinem Herzen Höhen und Tiefen. Gerade jetzt erst wurde meine Medikamentation verändert. Mir ging es richtig schlecht, ich war überhaupt nicht mehr leistungsfähig. Im Krankenhaus wurde ich daraufhin auf andere Medikamente eingestellt. Die haben mich wieder auf die Beine gebracht, aber ich hätte genauso gut umfallen können. Das war mir bereits 2009 passiert. Mein Kreislauf war einfach weggesackt.

Aus der Sicht der Patienten ist die Hoffnung für die höchste Dringlichkeitsstufe auf der Warteliste für ein Spenderorgan ohnehin verständlich. Wie haben Sie Ihre Situation in den Neunzigern in Erinnerung?

Für mich war es gar nicht vorstellbar. Aber ich hätte auch gar nicht mitbekommen, wenn manipuliert worden wäre. Das wird den Patienten ja nicht gesagt. Es gibt lediglich die Information, dass man nun auf die Stufe „höchste Dringlichkeit“ gesetzt wird. Diese Info motiviert übrigens noch einmal, die eigenen Heilkräfte hoch zu holen. Als ich diese Stufe 1997 bekam, habe ich mir noch maximal drei Wochen Lebenszeit gegeben. Eigentlich nur zwei Wochen, aber ich habe dank meines Leistungssports und dem damit verbundenen Willen an eine zusätzliche Woche geglaubt und mich daran geklammert.

Warum gibt es in Deutschland so wenige Spenderherzen und andere Organe?

Ich denke, Deutschland hat die Situation um Organspenden einfach falsch angepackt. In fast allen Ländern Europas gibt es die Widerspruchsregelung. Wer kein Organspender sein will, muss aktiv widersprechen. In Deutschland hingegen gilt weiterhin die erweiterte Zustimmungslösung. Das heißt, man hat entweder einen Spenderausweis, oder es müssen im Falle eines Todes die Angehörigen gefragt werden, ob sie mit einer Organspende einverstanden wären. Das ist in neun von zehn Fällen, da eine Organspende möglich wäre, der Fall. Aber so kommt doch die Frage zur Organspende zur falschen Zeit am falschen Ort. Menschen in tiefer Trauer sind zu einer klaren Antwort kaum fähig.

Sie sind also für die Widerspruchslösung?

Ja, unbedingt. Wer nicht im Todesfall ein Organ spenden möchte, muss zu Lebzeiten schriftlich widersprechen. Ich habe fast niemanden getroffen, der nicht spenden würde. Doch ohne Organspenderausweis wissen das die Ärzte nicht. Mit der Widerspruchslösung würde zwar das Problem der Organspende nicht gänzlich gelöst. Aber es würde die Situation mildern.

Viele Menschen haben Angst, dass sie noch gar nicht wirklich gestorben sind, wenn sie sich für eine Organspende bereit erklärt haben und nun an Maschinen hängen.

Darum hätte ich keine Bange. Zwei unabhängig arbeitende Ärzte müssen den Hirntod festgestellt haben.

Kommende Woche haben Sie einen Termin für die nächste Herzuntersuchung in Berlin. Vertrauen Sie den Ärzten?

Ja, das tu ich. Vertrauen ist eine Grundlage der Heilung. Die Manipulationsvorwürfe stammen übrigens aus Überprüfungen der Fälle zwischen 2010 und 2012. Im vergangenen Jahr sind die Bedingungen noch einmal verschärft worden. Zudem betreffen die Manipulationen, so schlimm sie sind, ja nicht die Sorgfaltspflicht gegenüber jenen Patienten, die der Arzt gerade behandelt.

Einer, der wie Sie bereits am Lebensabgrund stand und in diese Endlichkeit geschaut hat, erlebt die derzeitige Diskussion um aktive Sterbehilfe sicher intensiver als jene, die das Thema aktuell weniger bedrängt. Wäre eine solche Hilfe sinnvoll?

In besonderen Fällen kann sie richtig sein. Allerdings sollte man nicht glauben, dass Organspenden und aktive Sterbehilfe miteinander zu tun hätten. Wer aktive Sterbehilfe beansprucht, kommt nicht mehr als Organspender in Frage. Dennoch: Aktive Sterbehilfe kann in besonderen Fällen richtig sein. Sie muss ja nicht unbedingt von Ärzten kommen. Sie haben schließlich einen Beruf, der heilen oder zumindest lindern soll. Andererseits hat der Mensch Anspruch auf ein weitgehend selbstbestimmtes Leben. Und das Sterben gehört nun einmal dazu.

Hadern Sie manchmal mit Ihrer gesundheitlichen Situation?

Nein. So verrückt es sich auch anhören mag: Die Transplantation hat mir viel gegeben, auch wenn es für meine Familie ungeheuer hart war. Zuerst einmal bekam ich ein zweites Leben, in dem ich mich meist so fit fühle wie auch andere um die 60. Natürlich muss ich mich vorsehen und genau auf meinen Körper hören. Und mein Körper hört auch auf mich. Aber ich habe auch zutiefst begriffen, dass es um Gleichgewicht im Leben geht und nicht nur um immer schnellere und größere Ereignisse, Reize oder Erlebnisse. Seit meiner Transplantation gilt das Motto: „Fürchte dich nicht, langsam zu gehen. Fürchte dich nur, stehen zu bleiben.“ Ich gehe auf andere Menschen zu und bin sensibler geworden mit meinem neuen Herzen. So schlimm das Gefühl war, die eigene Leistungsfähigkeit zu verlieren, konnte ich inzwischen vielen anderen Menschen helfen, die auch den Transplantationsweg gehen mussten, oder auch anderen kranken Menschen, die am Abgrund standen.

Treiben Sie noch Sport?

Ja, soweit das möglich ist. Ich spiele Golf, walke und jogge auch mal. Und wenn es nur 100 Meter sind. Das habe ich auch einem Siebzigjährigen geantwortet, der sich bitter beklagt hat, er laufe die zehn Kilometer nicht mehr unter einer Stunde. Dieses Ziel hat mit altersgerechtem Sport nichts zu tun und kann zu gänzlich unnötiger Unzufriedenheit führen.

Ist Ihnen heute der Olympiasieg 1980 oder aber die Teilnahme am New-York-Marathon mit dem neuen Herzen 1998 wichtiger?

Ach, das Wichtigste für mein Leben ist wohl, dass mir meine Frau über den Weg gelaufen ist, wir eine Familie sind. Natürlich, die Titel haben Spaß gemacht und der Leistungssport war toll. Und das Walken in New York, als ich acht Minuten zu schnell über die Ziellinie kam und deshalb disqualifiziert wurde, war auch gut. Oder der Berlin-Marathon ein Jahr später, den ich unter sechs Stunden gewalkt bin. Doch jetzt, im Moment, fange ich wieder bei 100 Meter Joggen an. Das ist jetzt meine Aufgabe. Da lässt sich nichts gegenein­ander abwägen.

Wie feiern Sie Geburtstag?

In ganz kleinem Rahmen und mit besonders nahen Menschen, die mich in den vergangenen Jahren so intensiv begleitet haben.

Esther Goldberg / 11.10.14

Quelle: OTZ

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