Organspende: „Manche haben Angst vor Entstellung“

An Organspender und deren Angehörige erinnerte dieser Tage eine Veranstaltung in Frankfurt. Familien von Organspendern haben ein Recht auf langfristige Betreuung, sagt die Koordinatorin Anne-Bärbel Blaes-Eise im FR-Interview.

Anne-Bärbel Blaes-Eise ist bei der Deutschen Siftung Organtransplantation Koordinatorin für die Region Mitte, zu der Hessen gehört.  An Organspender und deren Angehörige erinnerte dieser Tage eine Veranstaltung in Frankfurt. Mit dabei Angehörige, Vertreter aus Politik und Medizin sowie Transplantierte. jur

Die Angehörigen von Organspender standen im Mittelpunkt einer Veranstaltung in Frankfurt.

Eine Ehrung für die Hinterbliebenen von Organspendern. Wozu das?
Die Ehrung ist Dank und Erinnerung an den Spender, der das Gute getan hat, aber auch an seine Angehörigen, weil viele von ihnen stellvertretend für ihn entschieden haben. Und weil sich die meisten dann irgendwann einmal fragen, ob sie im Sinne des Verstorbenen handelten.

In welchem Alter waren die Spender?
Vier bis 77 Jahre. Bei der Ehrung waren deren Kinder, Mütter, Väter, Geschwister Ehepartner. Die größte Gruppe sind Eltern.

Welche Gedanken gehen Angehörigen später durch den Kopf?

Unsere Psychologin nennt das Nachentscheidungsdissonanz. Wenn Sie eine Entscheidung treffen ist es ganz normal, dass Sie sich danach fragen, ob das richtig war. Da brauchen Sie Unterstützung. In unserer DSO-Region kommen 90 Prozent nach einem Jahr zu der Überzeugung, dass sie es wieder tun würden. Das haben wir durch einen Fragebogen ermittelt.

Woran entzünden sich Zweifel?
In Deutschland haben wir zwar eindeutige sichere Hirntod-Kriterien, aber auf der emotionalen Ebene ist das für die Betroffenen ganz schwer zu fassen ist. Der Augenschein entspricht nicht den Tatsachen. Sie stehen am Bett eines Verstorbenen, der nicht die äußeren Zeichen des Todes erfüllt. Durch die intensivmedizinische Versorgung funktioniert der Kreislauf noch. Da stellen sich natürlich Fragen zur Sicherheit des Hirntodes, aber auch zum Ablauf der Organentnahme.

Wie können Sie solche Ängste und Zweifel zerstreuen?
Wir bieten in unserer DSO-Region die Abschiednahme nach der Organentnahme, möglichst noch im Krankenhaus. Jetzt ist der Tod wahrnehmbar, die äußeren Zeichen sind sichtbar. Er ist kalt, er ist blass. Viele verstehen dann erst auf der emotionalen Ebene, dass ihr Angehöriger gestorben ist. Das zweite ist, dass der Verstorbene nicht entstellt ist.

Was ist mit der Hornhautspende? Entstellt das nicht?
Bei der Hornhautspende wird meist nur die Koronalscheibe entnommen und durch eine Plastikscheibe ersetzt. Man sieht dem Verstorbenen nichts an. Bei der Organentnahme gibt es einen Schnitt, der Verstorbene wird danach ganz normal versorgt wie bei jeder Operation, da kommt ein Pflaster drauf. Vor 20, 30 Jahren wurde zum Teil der Fehler gemacht, dass nicht sorgsam genug mit dem Verstorbenen umgegangen wurde. Heutzutage ist das anders. Das ist auch nicht vergleichbar mit einer Obduktion, die man sonntags im Tatort sieht. Solche Fernsehbilder schüren aber die Ängste vor Entstellung.

Gibt es Organe oder Gewebe, die besonders häufig tabu sind?
Die meisten stimmen uneingeschränkt zu. Augenhornhaut ist oft schwierig. Bei Herzen ist es ganz unterschiedlich. Manche wollen, dass das Herz unbedingt weiterschlägt; andere sagen, das Herz soll er oder sie mitnehmen.

Können Angehörige Kontakt zu dem Empfänger aufnehmen?
Wenn sie es wünschen, werden sie über das Ergebnis der Transplantation informiert. Anonym. Sie erfahren Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand des Empfängers. Diese Information kann die Familie jederzeit auf Wunsch wieder abfragen. Das geschieht häufig an den Todestagen.

Kann sich der Organempfänger bedanken?
Er kann anonym etwas schreiben über sich und seine empfundene Dankbarkeit. Der Brief kommt über das Transplantationszentrum zur DSO. Falls wir Kontakt zur Spenderfamilie haben, leiten wir es anonymisiert weiter. Ein solches Schreiben wird oft auch kann als Bestätigung der Entscheidung empfunden.

Ist der Bedarf von Angehörigen an Nachbetreuung groß?
Rund 80 Prozent der Familien wünschen den Kontakt zur DSO. Wir laden sie zum Angehörigentreffen mit einem Psychologen ein, bei dem wir über Trauer und offene Fragen sprechen. Es gibt die Angehörigen-Ehrungen und gesonderte Treffen für Eltern, die ein Kind verloren haben. Wünschenswert wäre, dass sich Angehörige zusammentun und ihre Interessen auch in der Gesellschaft und Politik vertreten.

Sich engagieren nach dem Tod eines Angehörigen. Kostet das nicht zu viel Kraft?
Ja. Aber wenn unsere Gesellschaft Transplantationen möchte, muss sie auch Ja zur Organspende sagen und das schließt die Angehörigen ein. Sie sind nicht so präsent wie die Menschen auf der Warteliste oder die Transplantierten. Tod und Trauer werden ausgeblendet.

Was kann Politik tun? 
Wir brauchen Räume für die Abschiednahme in Krankenhäusern. Wir brauchen auch die Nachbetreuung. Die DSO macht dies bisher ohne gesetzlichen Auftrag. Die Organe fallen nicht vom Himmel. Die Hinterbliebenen tragen zum Organspendeklima in Deutschland bei. Wenn diese Familien schlechte Erfahrungen machen, erzählen sie das weiter. Und sie haben ein Recht darauf, dass wir uns auch nach der Spende weiter um sie kümmern.

Interview: Jutta Rippegather

Quelle: Frankfurter Rundschau

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