Talsohle bei den postmortalen Organspenden ist möglicherweise erreicht

Mannheim – Bei den Organspenden gibt es erste Zeichen, dass die intensiven Umstruk­turierungen und Neuregelungen das Vertrauen in die Transplantationsmedizin wieder stärken. Axel Rahmel, Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation,  berich­tete, die Zustimmungsraten zur postmortalen Organspende in Angehörigen­gesprächen seien in den ersten beiden Quartalen diesen Jahres wieder angestiegen auf circa 63 Prozent. Im vergangenen Jahr waren sie deutlich von 62,5 auf 54,2 Prozent gesunken. „Wenn sich die bisherige Entwicklung dieses Jahres zum Ende hin weiter fortsetze, könnte es 3046 postmortale Organspenden von 865 Organspendern geben“, sagte Rahmel bei der 23. Jahrestagung der Deutschen Transplantationsgesellschaft in Mannheim.

Das Spenderaufkommen entspreche dann etwa dem Vorjahr, dem tiefsten Stand allerdings seit langem. Die Transplantationsmedizin in Deutschland hofft, zwei Jahre nach dem sogenannten Transplantationsskandal die schwerste Krise seit ihrem Bestehen langsam zu überwinden. Im Juli 2012 waren  Manipulationen der Warteliste zur Organ­transplantation und andere schwere Verstöße gegen Richtlinien der Bundesärztekammer (BÄK) an einigen deutschen Zentren bekannt geworden.

Die DTG sieht sich in der Folge in politisch-gesellschaftliche Aufgaben einbezogen wie kaum eine andere medizinische Fachgesellschaft. Das sagte der Präsident der DTG Björn Nashan vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Der Grund: Seit im Juli 2013 ein Genehmigungsvorbehalt der Richtlinien durch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) im Transplantationsgesetz verankert worden ist, haben die Richtlinien gesetzesähnlichen Charakter. Schon zuvor war die DTG in Gremien wie der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der Bundesärzte­kammer vertreten, die die Richtlinien zur Organtransplantation erarbeitet. Nun möchte die DTG Organkommissionen implementieren, die die Fachgesellschaft früher als bisher am Prozess der Überarbeitung von Richtlinien beteiligt, auch, um die Akzeptanz für die Richtlinien unter den Transplantationsmedizinern zu erhöhen. Dazu werde die Satzung der DTG überarbeitet.

Zentrales Thema Verteilungsgerechtigkeit
Die in der allgemeinen und in der Fachöffentlichkeit intensiv geführten Debatten betreffen vor allem Aspekte der Verteilungsgerechtigkeit: Ist es medizinisch richtig, bestimmte Patientengruppen wie Alkoholkranke vom Zugang zur Warteliste für die Leber unter bestimmten Voraussetzungen auszuschließen? Wie lässt sich die voraussichtliche Therapieadhärenz bei potenziellen Transplantatempfängern abschätzen, die ebenfalls für die Aufnahme auf die Warteliste bedeutsam ist?

Bislang sei noch keine von mehreren seit 2013 erarbeiteten, unter dem Genehmi­gungsvorbehalt des BMG stehenden Richtlinienänderungen in Kraft, sagte Nashan.    Ein Konsens der Gremien inklusive der StäKO bestehe bei der alkoholischen Leberzirrhose: Die Zeit der absoluten Alkoholkarenz soll wie bisher bei sechs Monaten bleiben, auch, um eine Erholung der Leberfunktion zu ermöglichen und damit möglichereise eine Transplantation überflüssig zu machen.

Entscheidung bleibt bei den interdisziplinären Transplan­tations­konferenzen
In einer Öffnungsklausel soll aber bei der Notwendigkeit einer Transplantation und Erfolgsaussicht einer kürzeren Karenzzeit ein unabhängiges Sachverständigengremium angerufen werden können, das eine Empfehlung für oder gegen eine Verkürzung der Karenzzeit gibt. „Die Entscheidung bleibt aber bei den interdisziplinären Transplan­tations­konferenzen“, sagte Hans Lilie, Straf- und Medizinrechtler von der Universität Halle und Vorsitzender der StäKO.

Außerdem sollen eine psychomedizinische Evaluation dieser Patientengruppe und Kontrollen auf Alkoholkonsum durch Laboruntersuchungen obligat werden. Auch die Richtlinie zur Lebertransplantation bei hepatozellulärem Karzinom werde überarbeitet. Hier gehe es vor allem um Fragen der Tumorausdehnung, die Patienten von der Aufnahme auf die Warteliste ausschließen können

Adhoc-Gremium soll Fragen zu richtlinienkonformen Entscheidungen beantworten
Fragen von möglichen Fehlinterpretationen der Richtlinien werden angesichts konse­quenter Prüfungen durch Kommissionen und der hohen rechtlichen Verbindlichkeit der Richtlinien immer relevanter für die Zentren. Und so erhalten StäKO und BÄK seit dem letzten Jahr immer häufiger Anfragen von Zentren, ob eine anvisierte Entscheidung richtlinienkonform sei, sagte Lilie.

Deshalb solle bei der StäKO ein Adhoc-Gremium von Fachexperten eingerichtet werden, das auf entsprechende Fragen antwortet.  „Grundsätzlich bleibt die Entscheidung aber bei den interdisziplinären Transplantationskonferenzen“, sagte Lilie. Auch eine seit langem von Transplantationsmedizinern geforderte Richtlinie zur Qualität der Organent­nahmen durch Qualifikation der Entnahmechirurgen ist derzeit im Genehmigungs­verfahren beim BMG.

Die DTG erarbeitet in Abstimmung mit der BÄK auch Konzepte für die ärztliche Zusatz­weiterbildung zum Transplantationsmediziner. „Der nachwachsenden Generation muss in der Ausbildung stärker als früher bewusst gemacht werden, welch hohe gesellschaftliche Bedeutung normgerechtes Verhalten in der Transplantationsmedizin hat. Es gibt hier keinen rechtsfreien Raum“, sagte Nashan. © nsi/aerzteblatt.de

Quelle: Deutsches Ärzteblatt

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