Medizinethiker Dr. Renz über Sterbehilfe

Waiblingen. Sterben ist gar nicht so einfach, vor allem, wenn man krank ist und selbst bestimmen möchte, wie. Da gibt es die aktive, passive und die indirekte Sterbehilfe sowie die Beihilfe zum Suizid. Medizinethiker und Theologe Günter Renz plädiert für einen ganz anderen Umgang mit dem Lebensende: Schmerzen sind für ihn kein Argument mehr.
Von Johanna Heckeley, vom 06.11.2014

Mit Dr. Günther Renz im Gespräch zum Thema Sterbehilfe. Foto: Heckeley / ZVW

„Im November häufen sich Anfragen zu diesem Thema“, stellt der Mann mit den grauen Haaren und der markanten Brille fest. Viele fragten sich eben, wie man in konkreten Fällen mit dem Sterbewunsch eines Patienten umgehen solle. Um darauf Antworten zu geben, kann Günter Renz auf Wissen aus zwei Fachrichtungen zurückgreifen: Der stellvertretende Leiter der Akademie Boll hat nicht nur evangelische Theologie studiert und darin promoviert, sondern sich unter anderem auch in klinischer Ethikberatung ausbilden lassen. Nächste Woche wird er in Waiblingen einen Vortrag zum Thema halten (siehe Infobox unten).

Zunächst eine Begriffsklärung: Die aktive Sterbehilfe, also die gezielte Herbeiführung des Todes eines Menschen durch Verabreichung eines geeigneten Mittels, ist in Deutschland verboten. Passive Sterbehilfe hingegen ist erlaubt, wenn es vom Patienten gewollt ist. Passiv ist, „wenn man eine medizinisch notwendige Therapie gar nicht erst anfängt, Medikamente weglässt oder die Beatmungsgeräte abstellt“, erklärt Renz. Und dann gibt es da noch die indirekte Sterbehilfe. „Dabei will der Arzt mit einer hohen Dosis von in der Regel Morphin die Schmerzen lindern, nimmt damit aber den Tod in Kauf.“ Der Unterschied zur verbotenen aktiven Sterbehilfe ist hier allein die Intention des Arztes.

Die Angst vor Leid und Schmerz

Viel diskutiert wurde in letzter Zeit die Beihilfe zum Suizid. Dabei stellt der Arzt dem Patienten ein entsprechendes Medikament zur Anwendung bereit, der Sterbewillige nimmt es dann selbst ein. Gesetzlich verboten ist sie in Deutschland nicht, erläutert Renz. „Aber die Bundesärztekammer hat 2011 explizit erklärt, dass Ärzte keine Beihilfe zum Suizid leisten sollen, weil es gegen das ärztliche Ethos ist.“ Zehn von 17 Landesärztekammern haben das für ihre Bundesländer verbindlich übernommen. Darüber hinaus gebe es für Ärzte ein Problem mit dem Betäubungsmittelgesetz: „Natriumpentobarbital, das in der Schweiz zu diesem Zweck verwendet wird, ist in Deutschland nicht zugelassen.“

Entgegen der großen öffentlichen Debatte sei Beihilfe zum Suizid eigentlich „kein riesen Thema“, findet Renz: „In Ländern, wo Beihilfe zum Suizid explizit erlaubt ist, sind nur 0,2 Prozent aller Sterbefälle darauf zurückzuführen – im Vergleich zu 20 Prozent an passiver Sterbehilfe.“

Eine Regelung, aber auch ein Verbot der Beihilfe zum Suizid, so wie sie in den letzten Wochen diskutiert wurde, lehnt Renz ab. „Das wäre eine Zumutung für den Gesetzgeber“, zitiert er Franz Müntefering. Das Einzige, was man vielleicht gesetzlich regeln könnte: „Man sollte gewinnorientierte Sterbehilfe verhindern“, also dass eine Organisation mit dem Sterbewunsch viel Geld verdient.

Der Tod als narzisstische Kränkung

Die Diskussion habe sich in eine Sackgasse bewegt. „Die Angst vor Leid und Schmerz wird am Häufigsten genannt, wenn jemand zu sterben wünscht.“ Dabei stelle der Schmerz nur in Extremfällen ein Problem dar: „Es gibt gute palliative, also lindernde Möglichkeiten und letztlich auch die palliative Sedierung. Das ist eine Behandlung mit Beruhigungsmitteln in so hoher Dosis, dass der Patient nicht mehr bei Bewusstsein ist.“ Hier, meint er, stelle sich natürlich die Frage, was man dann davon habe, noch zu leben. Das müsse man von Fall zu Fall beantworten. „Aber dadurch ist das Problem mit dem Leiden gelöst, die Argumentation, dass man aus Angst vor Schmerzen sterben will, gibt es nicht mehr.“ Damit das auch wirklich allen offenstehe, müsse man die spezialisierte ambulante Palliativversorgung ausbauen, Bedarf sieht er vor allem in ländlichem Bereich und in Altenpflegeheimen – und in der ärztlichen Ausbildung. „Erst jetzt ist Palliativmedizin in das Curriculum aufgenommen worden.“

Er kritisiert nicht, will niemandem die Entscheidung über das Lebensende abnehmen. Aber eigentlich, findet er, sollte man anders an das Thema herangehen. „Ich bin neugierig, bin eher für das Erlebenwollen. Beim Sterben muss man sich öffnen für das Unverfügbare.“ Nicht gerade eine Einstellung, die viele teilen. „Studien haben gezeigt, dass das Gefühl des Autonomieverlustes, der Bedürftigkeit und der Abhängigkeit von anderen bei vielen die Ursache ist für den Wunsch zu sterben.“ Der Tod sei dann eine narzisstische Kränkung: „Der kurze Ausweg wird bevorzugt.“

Eine grundsätzliche Frage an den Ethiker zum Schluss: Darf man eigentlich sagen, jetzt ist es genug, jetzt will ich sterben? „Ja“, meint Renz. „Irgendwo muss man der Natur ihren Lauf lassen. Der medizinische Fortschritt hat einiges, was schicksalhaft war, in die Verfügung des Menschen gebracht. Aber da, wo es absurd oder grotesk wird, da muss man sterben lassen.“

Vortrag
Zum Thema „Sterben-dürfen, Sterben-lassen, Sterbe-hilfe, Suizid-assistenz: Wer darf was und was geht gar nicht?“ hält Günter Renz am 12. November um 19 Uhr im Forum Mitte, Blumenstraße 11, in Waiblingen einen Vortrag.

Patientenverfügung
Die Patientenverfügung ist eine schriftliche Verfügung im Voraus für den Fall, dass die Person ihren Willen im Bezug auf medizinische Maßnahmen nicht mehr selbst erklären kann. Das wurde 2009 erstmals gesetzlich geregelt.

Die Patientenverfügung wird nur dann angewendet, wenn der Patient nicht mehr fähig ist, selbst zu entscheiden oder einzuwilligen. Das ist oft der Fall, wenn es um lebensverlängernde Maßnahmen wie künstliche Ernährung geht.

Aber nicht nur der schriftliche Wille zählt: „Das Mündliche ist genauso entscheidend, diese Auffassung hat der Bundesgerichtshof gestärkt“, erklärt Günter Renz. Dabei müsste Patienten aber bewusst sein, dass ihr mündlich geäußerter Wille ernst genommen wird, und achtsam damit umgehen. „Wenn zum Beispiel der Patient mal seinen Angehörigen gesagt hat, dass er nicht künstlich ernährt werden will, dann wird das berücksichtigt.“

Informationen und ein Muster für eine Patientenverfügung gibt es zum Beispiel bei der Landesärztekammer Baden-Württemberg.

Quelle: Zeitungsverlag Waiblingen

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