Brigitte Herzog verlor ihre Tochter bei einem Unfall und wurde für deren Organspende öffentlich angefeindet.

VON BEATE WEIGERT

KELHEIM: 100 Prozent Lebensfreude. So lässt sich das Wesen von Marlene perfekt beschreiben. Von einem Moment auf den anderen war die ausgelöscht. Die hübsche junge Frau, die Krankenschwester werden wollte, verunglückte im Juli 2010 bei einem Autounfall tödlich. Ihre Mutter Brigitte Herzog willigte in der Klinik in die von der Tochter vorher festgelegte Organspende ein und kämpft seither für mehr Aufklärung.

Bei ihrem Engagement im Verein Lebertransplantierte Deutschland hat sie den Ihrlersteiner Peter Schlauderer kennengelernt. Er steht auf der anderen Seite. Er ist ein Mehrfachtransplantierter. Am 27. November erzählen beide im Pfarrheim in Kelheimwinzer ihre Geschichte und beantworten Fragen. So wollen sie dem Thema aus seiner Anonymität helfen. Ihm ihre Gesichter geben.

Ausweis: Zwei Monate vor dem Tod

Die 43-Jährige aus Langenerling im Landkreis Regensburg und der 48-Jährige aus Ihrlerstein stehen an den beiden entgegengesetzten Polen. Und jedem hilft die Seite des anderen weiter. Brigitte Herzog ist die Mutter von Marlene. Sie hat ein Foto ihrer hübschen, lebensfrohen Tochter dabei. Blonde lange Haare, offener Blick, ein sympathisches Lächeln auf den Lippen. Immer voller Tatendrang, voller Pläne, sagt die Mutter.

Die 43-Jährige glaubt zwar nicht an Schicksal, aber dass sich ihre Tochter zwei Monate vor ihrem Tod intensiv dem Thema Organspende auseinandersetzte und sich einen Spenderausweis besorgte, könne auch kein Zufall gewesen sein. Eltern, Großeltern, Freunde, alle hätten Bescheid gewusst. Wenn Marlene von etwas überzeugt gewesen sei, konnte sie sehr offensiv und überzeugend ihren Standpunkt vertreten, sagt Brigitte Herzog.

Marlene spendete ihr Herz, ihre Leber, die beiden Nieren und die Bauchspeicheldrüse. Diese aktive Formulierung benutzt ihre Mutter, wenn sie davon erzählt. Marlene sei sportlich gewesen, habe nicht geraucht, war Vegetarierin. Deshalb seien vermutlich so viele Organe infrage gekommen. Die Lunge war durch den Unfall verletzt.

Marlene war der Überzeugung, dass es nicht gehe, als Krankenschwester mit Schwerst- und Todkranken zu arbeiten und selbst keinen Organspendeausweis zu besitzen, sagt ihre Mutter. Als sie in der Klinik über den Gehirntod, die entscheidende Voraussetzung für eine Organspende, informiert worden sei, hätte sie Einspruch erheben können. Aber sie wollte Marlenes Wunsch erfüllen, sagt Brigitte Herzog.

Als Marlene sich den Spendeausweis besorgte, seien alle in ihrem Umfeld positiv eingestellt gewesen. Schließlich betrifft einen so ein Thema ja nie selbst, und schon gar nicht in der Kürze der Zeit. So etwas liest man höchstens in der Zeitung.

Doch zwei Monate später klingelte Brigitte Herzogs Telefon, ihre Tochter lag schwer verletzt in der Klinik. Als sie im Intensivbereich gesagt bekommt, dass der Gehirntod eingetreten ist, hat sie es nicht verstanden, sagt sie heute. Ihre Tochter lag genauso da wie vorher, wurde beatmet. Doch Brigitte Herzog wusste, wie ihre Tochter zu dem Thema stand, also willigte sie in die Organentnahme ein. „Ich habe Marlenes Entscheidung ausgeführt“, sagt die 43-Jährige.

Das Ausmaß dieses kurzen Augenblicks werde einem erst ein Vierteljahr später bewusst, sagt Brigitte Herzog heute. Das sei auch gut so, sonst könnte man es gar nicht ertragen. Zu brutal sind Schmerz und Trauer. Marlene war Brigitte Herzogs einziges Kind. Später kamen die Fragen: War es wirklich richtig? Wurde sie auch gut behandelt bei der OP? Hätte sie sich länger von ihrer Tochter verabschieden wollen?

Seit 2011 engagiert sich die Langenerlingerin im Verein Lebertransplantierte Deutschland. Dort erlebt sie, wie die Organe auf der anderen Seite ein Geschenk sind, wie dort das Leben wertgeschätzt wird. Und ein wenig ist die Mitarbeit auch „Selbsthilfe“, gesteht sie.

Brigitte Herzog hat aus der Organspende ihrer Tochter nie ein Geheimnis gemacht. Bereits auf der Beerdigung von Marlene hat sie diese angesprochen. „Ich habe gesagt, dass sie ihr Leben weitergeschenkt hat.“ Heute wisse sie zudem, wie wertvoll der Anruf für Betroffene auf der Empfängerseite ist.

Am härtesten war die Sicht der Oma

Das haben nicht alle im Umfeld verstanden. Vor allem ältere Menschen hätten sie öffentlich angefeindet wegen der Organspende und ihr schlimme Dinge ins Gesicht gesagt. Am schlimmsten war, „dass es mir meine eigene Mutter ein Jahr lang übelgenommen hat.“ Heute denke diese anders darüber.

Über die Vereinsarbeit weiß Herzog heute auch, dass eine Transplantation kein Spaziergang ist und wie sich Organempfänger ins Leben zurückkämpfen müssen. Aber auch wie dankbar diese und ihre Angehörigen für ihr neues Leben sind. So wie Peter Schlauderer. Der erkrankte als Kind an Diabetes Typ 1. 1999 im Alter von 33 Jahren erhielt der fünffache Vater eine Niere und eine Bauchspeicheldrüse, 2007 wurde ihm eine Leber transplantiert. Seit 15 Jahren hat er dank Organspende ein neues Leben.

Die Wucht des Moments, wenn nach einmal sechs Monaten und einmal eineinhalb Jahren tatsächlich das Telefon klingelt und es am anderen Ende der Leitung heißt: „Wir haben ein passendes Organ“ sei kaum in Worte zu fassen. Doch den Film, der jedes Mal im Kopf ablief, der hat sich bei Peter Schlauderer ins Gedächtnis gebrannt.

Beim ersten Mal war der gelernte Schreiner und Auto-Modellbauer im Garten und rechte Herbstlaub zusammen. Seine Frau war gerade hochschwanger, sein fünftes Kind sollte in wenigen Tagen zur Welt kommen. Mit den vier Jungs im Alter von drei bis neun Jahren saßen sie um den Tisch. Und binnen 15 Minuten musste eine Entscheidung fallen. Seinen Jungs liefen die Tränen über die Wangen. „Da habe ich erst gefühlt, wie stark die Kinder die Folgen des Geplanten erahnen konnten“, sagt er. Schlauderer sagte zu und das „war die beste Entscheidung“ seines Lebens. Denn die Spenderorgane waren „Full House“ wie es im Ärzte-Jargon heißt, sprich sie passten genetisch, sehr, sehr gut. Sie waren so etwas wie ein Sechser im Lotto.

Zwei Jahre ums Leben gekämpft

Die zweite Spende erhielt er acht Jahre später. Klar, waren auch beim ersten Mal lange Klinikaufenthalte nötig. Aber beim zweiten Mal brauchte Schlauderer zwei Jahre bis er sich wieder erholte. Er musste Medikamente nehmen, die schlimme Folgen für seinen Körper hatten. Er musste etwa das Gehen und Sprechen neu lernen.

Über die DSO, die Deutsche Stiftung Organspende, hat Brigitte Herzog im Nachhinein anonym erfahren, was mit den Organen von Marlene passiert ist. Ihr Herz erhielt eine junge Frau. Die seit 2013 wieder voll im Berufsleben steht. Die rechte Niere hat ein siebenjähriger Junge erhalten.

Seit einiger Zeit können Organempfänger über die DSO anonym Dankbriefe an Spender bzw. deren Angehörige schicken. Schlauderer hat zehn Jahre nach der ersten Transplantation zwei Briefe geschrieben. Es war ihm wichtig, seine Geschichte rüberzubringen und auch seinen Dank, sagt er.

Mit Brigitte Herzog kämpft er für mehr Spendebereitschaft. Die ist überzeugt, dass ihre Tochter von ihrer beider Einsatz begeistert wäre. „Und wir sehen uns wieder, das ist mein Glaube.“

Quelle: www.mittelbayerische.de.

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