„Manipulationen an der Tagesordnung“

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Bürgerschaft fordert rasche Aufklärung über Transplantationen. Die Uniklinik betont, niemand habe Schaden genommen. Die Vorwürfe gegen das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) wegen mutmaßlicher Verfehlungen bei Transplantations-Patienten haben in Hamburg, aber auch bundesweit für ein gewaltiges Echo gesorgt.

Weiterlesen beim Hamburger Abendblatt

Prestige um jeden Preis

Der Chirurg Paolo Macchiarini transplantierte am renommierten Karolinska-Institut in Schweden zwischen 2011 und 2013 drei Menschen eine Luftröhre aus Plastik – zwei von ihnen starben. 

Quelle: Transplantations-Skandal in Schweden – Mitschuld am Tod von Patienten

Statement der Prüfungs- und der Überwachungskommission zu den Prüfprogrammen Herz, Leber, Niere und Niere/Pankreas

Berlin, 22.08.2014

Die Prüfungs- und die Überwachungskommission von Bundesärztekammer, Deutscher Krankenhausgesellschaft und GKV-Spitzenverband haben im Rahmen ihrer laufenden Prüfungen der Transplantationsprogramme Herz, Leber, Niere und Niere/Pankreas seit Oktober 2013 in deutschen Kliniken 37 Programme geprüft. Dabei wurde auch das Herztransplantationsprogramm des Deutschen Herzzentrums Berlin geprüft. Hier sind die Vor-Ort-Prüfungen abgeschlossen, das Gesamtprüfungsverfahren jedoch noch nicht. Die Ergebnisse werden nach Abschluss des Verfahrens in einem Bericht zusammengestellt. Der Bericht wird nachfolgend den entsprechenden Institutionen zugeleitet sowie auch öffentlich gemacht. Auskünfte und Informationen im laufenden Verfahren sind nicht möglich.

Über die bisherigen Ergebnisse der abgeschlossenen Prüfungen werden die Kommissionen bei der Bilanzpressekonferenz die Öffentlichkeit informieren.

Überwachungskommission – Die Aufgabe der Überwachungskommission gemäß den Verträgen nach §§ 11 und 12 TPG besteht darin, die Einhaltung der auf der Grundlage des Transplantationsgesetzes vertraglich festgelegten Verpflichtungen und Aufgaben der Koordinierungsstelle und der Vermittlungsstelle zu überprüfen.

Prüfungskommission gemäß § 12 Abs. 4 S. 2 Nr. 4 TPG – Die Hauptaufgabe der Prüfungskommission ist die Überprüfung von Allokationsauffälligkeiten. Dabei prüft sie in regelmäßigen Abständen stichprobenartig, ob die Vermittlungsentscheidungen der Stiftung Eurotransplant nach Maßgabe der gesetzlichen und vertraglichen Bedingungen und unter Einhaltung der Allokationsrichtlinien nach § 16 TPG sowie des Transplantationsgesetzes insgesamt erfolgt sind.

Der Prüfungskommission und der Überwachungskommission wurden mit der TPG-Novelle im Jahr 2012 eine gesetzliche Überwachungskompetenz zugewiesen, die es den Kommissionen ermöglicht, nicht nur anlassbezogene, sondern jetzt auch verdachtsunabhängige Prüfungen in den Entnahmekrankenhäusern und Transplantationszentren durchzuführen. In diese neue Kontrollstruktur sind die Länder verbindlich einbezogen.

Quelle: Bundesärztekammer

Die Deutschlandfunk – Presseschau zur Selbstanzeige des DHZB

Themen sind heute der mutmaßliche Organspende-Skandal in Berlin, der russische Hilfskonvoi und der Krieg im Irak. Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG schreibt zum ersten Thema:

„Optimisten sehen in dem mutmaßlichen Berliner Fall den Beweis dafür, dass die neuen, nach dem Organspendeskandal von 2012 geschaffenen Kontrollmechanismen funktionieren. Die damals eingesetzte Prüfkommission soll mit ihrer Arbeit dafür gesorgt haben, dass die Berliner Klinik Selbstanzeige gestellt hat. Realisten aber wissen: Jede weitere negative Nachricht aus dem Sumpf der deutschen Transplantationsmedizin, jeder neue Skandal, der ans Licht kommt – und es wird sie weiter geben, wie die Erfahrung zeigt -, wird nicht etwa die kriminellen Machenschaften der Ärzte unterbinden. Vielmehr wird sich der Mangel an Spenderorganen noch verstärken“,

vermutet die F.A.Z.

Die Zeitung DIE WELT meint:

„Die Motive der Ärzte sind vielfältig: Eine besondere Bindung zu ihren Patienten mag genauso eine Rolle spielen wie der überzogene Ehrgeiz, möglichst viele Transplantationen ins eigene Haus zu ziehen und damit an Renommee zu gewinnen. Und auch an Vergütung. Doch der Effekt dieser Straftaten geht genau in die entgegengesetzte Richtung: Seit Bekanntwerden der Skandale ist die Bereitschaft zur Organspende abgestürzt. Die Zahl der Spender sinkt von Monat zu Monat auf neue Rekordtiefstände. Alle Bemühungen der Krankenkassen und der Politik, mehr Organspendeausweise mit einem Kreuzchen beim Ja unters Volk zu bringen, haben gegen die Wucht neuer Verdachtsfälle keine Chance“,

bemerkt die WELT.

„Das wird Leben kosten“,

glaubt auch die THÜRINGISCHE LANDESZEITUNG aus Weimar.

„Leben von Menschen, die hoffen, dass sich doch noch einer findet, der rechtzeitig daran gedacht hat, für die Verwendung seiner sterblichen Überreste zu sorgen. Es ist zum Verzweifeln. Schon allein der jetzt bekanntgewordene Verdacht, dass bei der Organspende gemauschelt wurde, sorgt dafür, dass erneut weniger Menschen zur Spende bereit sind.“

Der NORDKURIER aus Neubrandenburg blickt zurück:

„Allein in den vergangenen zwei Jahren gab es acht Organspende-Skandale in Deutschland. Eine unglaublich hohe Zahl innerhalb kürzester Zeit. Jeder einzelne Fall lässt das Vertrauen in die lebenswichtige Transplantationsmedizin auf ein Minimum schrumpfen. Da helfen auch keine teuren PR-Aktionen mit Prominenten oder gar Ministern. Das Bild einer undurchschaubaren, zwielichtigen Branche, in der gemauschelt, geschoben und getrickst wird, bleibt eher in den Köpfen haften. Die Mediziner selbst haben es in der Hand, das zu korrigieren – oder, wie im aktuellen Fall, den Verdacht erst noch zu erhärten. Leider tragen sie das böse, unverantwortliche Spiel auf Kosten Hilfloser und Sterbenskranker aus“,

bemängelt der NORDKURIER.

Die SÜDWEST-PRESSE aus Ulm sieht es so:

„Wer sich bereiterklärt, Organe zu spenden, muss auch sicher sein, dass dieses Verfahren lückenlos überprüft wird. Es muss jetzt in unabhängige Hände gelegt werden. Ärztekammern, Krankenhausträgern und Krankenkassen fehlt als Beteiligten die notwendige Distanz.“

Die STUTTGARTER ZEITUNG kommentiert:

„Es wäre grundfalsch, angesichts des jüngsten Organspendeskandals in Berlin zu schlussfolgern, die Manipulationen nähmen kein Ende. Genau das Gegenteil ist der Fall. Denn erstens haben schon in der Vergangenheit die allermeisten korrekt gearbeitet. Das ergab jedenfalls eine Überprüfung der Bundesärztekammer. Und zweitens zeigt der aktuelle Fall, dass die 2012 verschärften Regeln und Kontrollen offenbar wirken. Die möglichen Schummeleien wurden entdeckt, die Aufklärung läuft“,

heißt es in der STUTTGARTER ZEITUNG.

„Viele Deutsche sehen bei Organspenden inzwischen nur noch kriminelle Machenschaften am Werk“,

beklagt die NEUE PRESSE aus Hannover.

„Das wird den Ärzten nicht gerecht. In die Notlage, plötzlich eine Leber oder ein Herz zu benötigen, kann jeder kommen. Morgen oder auch erst in zwei Jahren. An eine selbstherrliche Ärztin in Berlin werden dann die wenigsten Patienten denken. Dann zählt nur die Hoffnung, dass irgendwo das passende Spenderorgan auftaucht. Die Transplantationsmedizin ist eine Errungenschaft, die man sich nicht von Kriminellen kaputtmachen lassen sollte“,

hält die NEUE PRESSE fest.

Quelle: Deutschlandfunk – Hören Sie die Presseschau als MP3

Verdacht auf Betrug bei Herzspenden: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen das Deutsche Herzzentrum Berlin

Die Organentnahme an einem hirntoten Menschen kann Leben retten. Im Fall des mutmaßlichen Manipulationsskandals des DHZB scheint das Vertrauen erschüttert. Foto: imago stock&people

Von .

Berlin –  Das renommierte Deutsche Herzzentrum Berlin (DHZB) hat offenbar einen handfesten Manipulationsskandal bei Herzspenden. Patienten des DHZB sollen schneller an Organe gekommen sein, als Patienten anderer Kliniken. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung.

Das international renommierte Deutsche Herzzentrum Berlin (DHZB) hat womöglich auf illegale Weise dafür gesorgt, dass seine Patienten bei der Vergabe von Spenderherzen bevorzugt werden. Nach Informationen der Berliner Zeitung ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung, nachdem das Herzzentrum am Donnerstag Selbstanzeige stellte. DHZB-Sprecherin Barbara Nickolaus bestätigte, das Zentrum habe Ermittlungen veranlasst. Sie wollte sich aber mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht näher äußern.

Dem Vernehmen nach war am 1. April eine Kommission der Ärztekammer bei einer Überprüfung der Organtransplantationen im Herzzentrum auf Auffälligkeiten in neun Fällen gestoßen. Im Juli forderte die Kommission dann die Akten von 19 weiteren Patienten an.

Ermittlung wegen fahrlässiger Tötung

Danach sollen zwischen 2010 und 2012 insgesamt 28 Patienten, die auf eine Organtransplantation warteten, im Herzzentrum hoch dosierte Medikamente erhalten haben, ohne dass es einen triftigen medizinischen Grund dafür gab. Diese Arzneimittel werden üblicherweise nur dann verordnet, wenn sich der Zustand des Kranken so stark verschlechtert hat, dass er vermutlich nicht mehr lange leben wird. Bei dieser Diagnose rücken Patienten auf der Warteliste der Deutschen Stiftung Organspende (DSO) um einige Plätze nach oben.

Sollte sich der Verdacht bestätigen, wäre das ein riesiger Skandal für das DHZB. Denn damit wären Patienten anderer Kliniken, die dringender eine Transplantation benötigten, benachteiligt worden – und womöglich in der Zeit des Wartens gestorben. Daher auch die Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung. Die verantwortliche Oberärztin ist inzwischen von ihrer Tätigkeit entbunden worden.

Gesundheitsminister Czaja fordert Prüfbericht

Der für die Krankenhausaufsicht zuständige Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) wurde vor einer Woche vom DHZB informiert. „Das sind schwerwiegende Vorwürfe, die schnell aufgeklärt werden müssen“, sagte er. Die Staatsanwaltschaft müsse eine strafrechtliche Relevanz prüfen. Bevor der Senator weitere Schritte unternehmen kann, muss er den schriftlichen Prüfbericht der Ärztekammer abwarten, der frühestens Ende August vorliegt.

Dazu verpflichtet ihn das Transplantationsgesetz, das nach dem Organspendeskandal in Göttingen im Jahr 2012 verabschiedet worden war. „Ich habe aber das Herzzentrum gebeten, mir darzulegen, welche Maßnahmen ergriffen wurden, damit ein Missbrauch nicht mehr passieren kann“, sagte Czaja.

Skandal kurz vor dem Abgang: Herzchirurg Roland Hetzer. Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Die Konkurrenz um Spenderorgane unter den Kliniken ist groß. 12.000 Patienten warteten voriges Jahr in Deutschland auf eine Transplantation, doch nur 3248 Organe wurden gespendet. Darauf wies kürzlich erst Roland Hetzer hin, der langjährige Leiter des Herzzentrums. Er behandelte Patienten wie den früheren russischen Präsidenten Boris Jelzin. Im Oktober geht Hetzer in den Ruhestand. Er wird sich einen Abgang unter anderen Umständen gewünscht haben.

Quelle: Verdacht auf Betrug bei Herzspenden: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen das Deutsche Herzzentrum Berlin | Berlin – Berliner Zeitung.

Organspende-Prozess: Das Reich des Doktor O.

19.12.2013 ·  Seit einem Vierteljahr wird der erste große Skandal um Spenderorgane verhandelt. Das Bild des Menschenfreundes, das der Angeklagte gerne von sich zeichnet, hat Risse bekommen. Handfeste Vorwürfe gegen Aiman O. gab es bislang aber wenige.

Von Andreas Nefzger 

Aiman O. betritt Saal B25 des Landgerichts Göttingen. © dpa

Die Regeln sahen vor, dass Irina F. stirbt. Eine Flasche Wodka trank die junge Mutter am Tag, über Jahre hinweg. Irgendwann wurde sie krank, erst gelb und dann dick vom vielen Wasser im Bauch. Diagnose: Leberzirrhose. Die Medizinische Hochschule Hannover weigerte sich, die Alkoholikern auf die Liste für ein Spenderorgan zu setzen. Also bereitete sich Irina F. auf das Ende vor: „Ich war bereit zu sterben.“ Doch dann nahm die Universitätsmedizin in Göttingen sie auf die Liste. Am 21. Mai 2010 bekam Irina F. eine neue Leber. Sie war 33 Jahre alt, ihre Kinder zwölf und neun. Heute trinkt sie keinen Alkohol mehr, und es geht ihr blendend. „Doktor O. hat mir eine zweite Chance gegeben“, sagt sie im Prozess gegen den Mann, der ihr das Leben gerettet hat. Doch Irina F. hätte wohl nie operiert werden dürfen.
Seit einem Vierteljahr muss sich Aiman O. vor dem Landgericht Göttingen verantworten. In elf Fällen soll er Daten manipuliert haben, um seinen Patienten eine Spenderleber zuzuschustern. Er soll Blutwerte verändert, Dialyseprotokolle gefälscht und, wie bei Irina F., über die Abstinenzzeit trockener Alkoholiker gelogen haben. Patienten in anderen Häusern sollen deshalb zu Unrecht länger auf ein rettendes Organ gewartet haben und darüber womöglich gestorben seien. Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag. In drei weiteren Fällen geht die Anklage von Körperverletzung mit Todesfolge aus. Aiman O. soll Patienten ohne Not eine Leber verpflanzt haben; sie starben an den Folgen der Operation.

Manipulationen gab es definitiv

Mehr als 20 Tage hat die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Göttingen schon verhandelt, knapp 50 Zeugen wurden befragt, fünf Sachverständige gehört. Manches ist klarer geworden in dieser Zeit, anderes blieb vage. Dass es Manipulationen gab, ist unumstritten. Die Prüfer der Bundesärztekammer haben unter 102 Transplantationen 79 Richtlinienverstöße festgestellt. Aiman O.s Nachfolger Otto K. strich die 130 Namen umfassende Warteliste radikal zusammen, zum Teil hätten sich darauf Patienten gefunden, die nicht einmal aufgeklärt worden seien. Bei einem entwickelte sich danach jedoch ein Lebertumor – wie von Aiman O. prophezeit. Seine Anwälte haben deshalb ihrerseits Otto K. angezeigt – wegen versuchten Totschlags.
Das Manöver passt zur Strategie von Aiman O.s Verteidigung, die seit Prozessbeginn die Moral auf ihrer Seite glaubt. Mit rotem Kopf wettert Verteidiger Steffen Stern gegen die Staatsanwaltschaft, deren Klage er jede Substanz abspricht. Die Regeln, nach denen in Deutschland Organe verteilt werden, seien ohnehin verfassungswidrig, und man könne einen Arzt nicht dafür bestrafen, dass er Leben rette. „Ich finde das unerträglich“, ruft Stern, als die Staatsanwaltschaft Irina F. vorhält, dass sie nicht lange genug trocken war, um eine neue Leber zu bekommen.

Die Transplantierten sind zum Teil verkrachte Gestalten

Der Vorsitzende Richter Ralf Günther, geduldig und gutmütig, hat bisweilen Schwierigkeiten, das Temperament der Prozessbeteiligten zu zügeln. Auch Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff kann scharfe Töne anschlagen. Die Korruptionsspezialistin, die auch schon in der Volkswagen-Affäre ermittelt hat, kam zu dem Verfahren, weil anfänglich vermutet wurde, es sei Geld für Organe geflossen. Belege dafür fanden sich nicht, und wer die Patienten sieht, die in der vergangenen Woche zum ersten Mal ausgesagt haben, dem scheint allein die Vermutung absurd. Es sind zum Teil verkrachte Existenzen.
Da ist der 54 Jahre alter Hartz-IV-Empfänger mit grauer Vokuhila-Frisur. Er trank bis vor der Operation eine Flasche Rum am Tag. Er ging mit Beschwerden ins Krankenhaus, betrunken, und kippte im Flur um. Fünf Tage später wachte er in Göttingen wieder auf – mit neuer Leber.
Da ist der 51 Jahre alte arbeitslose Bühnentechniker. Er fing sich Ende der achtziger Jahre in Indien Hepatitis C ein. Er spritzte Heroin und machte einen Entzug. Dann begann er zu trinken. Am 31. März 2011 wurde er in Göttingen gelistet, am Tag darauf bekam er eine neue Leber. Danach zog er in eine Einrichtung für betreutes Wohnen. Es geht ihm gut.

Ohne Transplantation wäre der Mann ohne Zweifel gestorben, wie auch die anderen Patienten. Mögliche Manipulationen kann oder will vor Gericht keiner von ihnen bestätigten. Bisweilen scheinen sie Aiman O. sogar decken zu wollen. Auf die Frage, wie lange vor der Transplantation sie keinen Alkohol getrunken haben, sagen viele: „So ungefähr ein halbes Jahr“ – was der von der Bundesärztekammer vorgegebenen Karenzzeit entspricht. Irinia F., die Mutter zweier Kinder, gibt erst nach hartem Nachfragen zu, dass es vielleicht auch nur vier Monate waren. Eine Zeugin hatte ausgesagt, dass die Frau mit einer Flasche Wodka im Gepäck nach Göttingen gebracht wurde. Zum Abschluss sagt Irina F. unter Tränen: „Ich wollte mich noch einmal bedanken für die zweite Chance.“ Andere Zeugen schütteln Aiman O. die Hand und wünschen ihm alles Gute.
Das Bild des leidenschaftlichen und ausnehmend talentierten Arztes, das Aiman O. vor Gericht von sich selbst zeichnet, beschädigt keiner der Patienten, und die alten Kollegen bestätigen es bisweilen. „Herr Professor O. ist wohl ein guter Chirurg gewesen. Patienten liefen bald nach der Transplantation schon wieder in der Kantine rum und aßen Pommes“, sagt ein Arzt. Ein anderer schwärmt, O. sei „einer der besten Chirurgen, die ich bisher kennengelernt habe“.

Aiman O. führte die Abteilung wie ein Königreich

Aber Aiman O. war offenbar auch ein Tyrann. Der langjährige Direktor der Allgemeinmedizin Hans Becker sagte, der Chirurg habe sich „eine eigene Welt“ in der Universitätsmedizin geschaffen. Ein Arzt sagte, O. habe die Abteilung „wie ein Königreich“ geführt. Dabei schmiedete er offenbar eine Allianz mit Giuliano R., dem mittlerweile beurlaubten Leiter der Gastroenterologie. Die beiden Ärzte hielten die wöchentliche Konferenz über Kandidaten für eine Transplantation ohne Psychiater und ohne Anästhesisten ab, sie fertigten kein Protokoll an und schlossen die Transplantationskoordinatoren aus, die Patientendaten an die Organ-Vermittlungsstelle Eurotransplant weitergeben. Gegen den Gastroenterologen wurden im Prozess schwere Vorwürfe laut. Mehrere junge Ärzte berichteten, dass Giuliano R. sie zu Manipulationen aufgefordert habe oder dass sie auf sein Geheiß Blutproben manipuliert hätten. Die Staatsanwaltschaft wartet mit einer Anklage das Urteil gegen Aiman O. ab.
Gegen den gab es so eindeutige Vorwürfe bislang nicht. Die Assistentin der Transplantationkoordination sagt aus, sie habe ihn einmal auf eine unstimmige Patientenakte angesprochen und sei daraufhin abgebügelt worden: „Davon verstehen Sie nichts. Das ist eine ärztliche Aufgabe.“ Ein Arzt erzählt, wie Aiman O. einmal persönlich mit einer Blutprobe in der Hand zu ihm gekommen sei – ein Professor mit einer Blutprobe, das sei schon seltsam gewesen. Und Anfang der Woche berichtete der Leiter der Anästhesiologie am Göttinger Uniklinikum, Michael Quintel, wie ihn Aiman O. aus einer Besprechung rufen ließ, nachdem die Bundesärztekammer eine Kontrolle angekündigt hatte. O. habe sich erkundigt, ob man Dialyseprotokolle auch nachträglich in die elektronische Patientenakte einfügen könne. „Mir war klar, dass es sich um Protokolle handeln muss, an deren Echtheit erheblicher Zweifel besteht.“

Das Gericht sieht die Vorwürfe im Kern bestätigt

Dem Gericht reichen die bisherigen Erkenntnisse jedenfalls, um die Vorwürfe bei den Manipulationsfällen im Kern bestätigt zu sehen. Als die Kammer am Montag über die Aufhebung des Haftbefehls gegen Aiman O. befindet, präsentiert sie eine Art Zwischenbericht. Es bestehe nach wie vor „dringender Tatverdacht“, verliest Richter Günther in der mehr als einstündigen Begründung. Die schwerer als die Manipulationen wiegenden Vorwürfe der Körperverletzung mit Todesfolge lässt das Gericht aber fallen. Nur in einem Fall habe eindeutig eine Fehldiagnose vorgelegen, die O. aber offenbar nicht bemerkt hatte. Es sei deshalb nur von fahrlässiger Tötung auszugehen. Die drohende Haftstrafe fällt damit geringer aus.
Als das Gericht schließlich verkündet, Aiman O. nach elf Monaten gegen strenge Auflagen aus der Untersuchungshaft zu entlassen, applaudieren Zuschauer. Von Anfang an verfolgen auch ehemalige Patienten den Prozess. Es sind jene, die in Aiman O. vor allem eines sehen: den Retter ihres Lebens.

Quelle: Organspende-Prozess: Das Reich des Doktor O. – Kriminalität – FAZ

Organspende-Prozess: Aiman O. darf zu Weihnachten aus dem Gefängnis

Aiman O. darf das Gefängnis verlassen. Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Göttingen hat am Montag den Vollzug des Haftbefehls gegen den früheren Leiter der Transplantationschirurgie an der Universitätsmedizin Göttingen ausgesetzt. Um auf freien Fuß zu kommen, muss der Arzt eine Kaution von einer halben Million Euro hinterlegen, zudem muss er seinen Personalausweis und seinen Reisepass abgeben. Ohne die Genehmigung der Kammer darf er den Landkreis Göttingen künftig nicht verlassen. Zwei Mal am Tag muss er sich bei der Polizei melden.

Der 20. Verhandlungstag: Aiman O. betritt der Gerichtssaal. © dpa

Aiman O., der seit elf Monaten in Untersuchungshaft sitzt, muss sich seit einem Vierteljahr wegen des Vorwurfs des versuchten Totschlags in elf Fällen sowie wegen Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen vor Gericht verantworten. Ihm wird vorgeworfen, die Daten seiner Patienten so manipuliert zu haben, dass diese auf der Warteliste für Spenderorgane weiter hoch rutschten – wodurch andere Patienten, die ein Organ dringender gebraucht hätten, womöglich gestorben sind. Zudem soll er in drei Fällen ohne erkennbaren Grund Lebern transplantiert haben. Die drei Patienten starben jeweils an den Folgen der Operation.
Nach wie vor dringender Tatverdacht
Wie der Vorsitzende Richter Ralf Günther am Montag in seiner mehr als einstündigen Erklärung verlas, erkennt die Kammer weiter „dringenden Tatverdacht“. Im Fall eines Schuldspruchs sei von einer Haftstrafe auszugehen, die über die bislang in Untersuchungshaft verbrachte Zeit hinausgehe, weshalb die Kammer den Haftbefehl der Staatsanwaltschaft Braunschweig nicht aufhob, sondern nur dessen Vollzug aussetzte.
Die Hauptverhandlung mit bislang 20 Verhandlungstagen und 50 Zeugen habe den Vorwurf bestätigt, dass von Aiman O. selbst oder in seinem Auftrag Manipulationen verübt worden seien. Ein deutlich von der Anklageschrift abweichendes Bild hat die Kammer mittlerweile dagegen von den drei „Indikationsfällen“ gewonnen, bei denen wegen Körperverletzung mit Todesfolge verhandelt wird. In zwei der Fälle erkennen die Göttinger Richter überhaupt keinen Tatverdacht mehr, im dritten muss sich Aiman O. nun wegen fahrlässiger Tötung verantworten.
Die Staatsanwaltschaft kündigte Beschwerde gegen den Beschluss der Kammer an. Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff hatte vergangene Woche einen Antrag gegen die Aufhebung der Untersuchungshaft gestellt, in dem sie der bisherigen Begründung für eine Verwahrung weitere Argumente hinzufügte. Unter anderem hob sie auf die nach wie vor bestehende Fluchtgefahr ab. Der in Israel geborene Aiman O. hat gute Kontakte in die arabische Welt und hat auch schon Verhandlungen über eine Anstellung in einer ägyptischen Klinik geführt. Auch die Göttinger Richter sehen weiterhin Fluchtgefahr, halten den Vollzug der Untersuchungshaft aber nicht mehr für verhältnismäßig. Der Prozess wird im kommenden Jahr fortgesetzt. Ein Urteil wird erst im April erwartet.

Quelle: Organspende-Prozess: Aiman O. darf zu Weihnachten aus dem Gefängnis – Kriminalität – FAZ

Ringen mit den Folgen des Transplantationsskandals

Auf der ersten Tagung der Deutschen Transplantationsgesellschaft seit Bekanntwerden des Transplantationsskandals war von dessen Aufarbeitung nur punktuell etwas zu vernehmen.
Von Christina Berndt

Am Vorabend hatten sie ihm noch die Ehrenmitgliedschaft verliehen – nun mussten die Transplanteure den Berliner Chirurgieprofessor Peter Neuhaus bremsen.

Dessen Aufruf, sich auch einmal über Richtlinien hinwegzusetzen, passte so gar nicht in die Zeit. Hektisch, aber bestimmt wies Bernhard Banas, Vorstandsmitglied der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG), Neuhaus in die Schranken.

Der hatte in seinem Vortrag zur Zukunft der Lebertransplantation erklärt, Chirurgen müssten mehr Selbstbewusstsein zeigen und auf ihre Erfahrung statt auf fixe Regeln vertrauen. Banas reagierte scharf: So etwas wolle er nie wieder während einer DTG-Tagung hören. Als hätten Transplanteure jüngst nicht genug Ärger wegen Verstößen gegen Vorschriften gehabt.

Die Tagung der Gesellschaft, die am Samstag in Frankfurt zu Ende ging, war die erste seit Bekanntwerden des Transplantationsskandals. Doch von dessen Aufarbeitung war nur punktuell etwas zu vernehmen. Die Pressekonferenz zum Tagungsauftakt widmete sich dem Skandal nur auf Nachfrage. Auch die Eröffnungsveranstaltung behandelte lediglich am Rande die Manipulationen bei Lebertransplantationen, durch die Ärzte an vier der 24 Zentren Patienten bevorzugt Spenderorgane beschafft hatten.

Viele jüngere Transplantationsmediziner zeigen sich zwar offen für eine kritische Auseinandersetzung mit den Verfehlungen der letzten Jahre. Viele ältere Chirurgen machen aber nicht die manipulierenden Kollegen, sondern die Presse für den Rückgang der Organspendebereitschaft nach dem Skandal verantwortlich.
Nie gekannte Aufmerksamkeit für Organmangel

Dabei hat die Berichterstattung zugleich dem Organmangel eine nie gekannte Aufmerksamkeit beschert. So viel wie im vergangenen Jahr wurde noch nie über das verzweifelte Warten vieler Patienten gesagt.

Das scheint durchaus positive Effekte im Sinne der Transplanteure zu haben: „Die Zahl der Organspendeausweise ist zuletzt gestiegen“, sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation, Rainer Hess.

Zweifelsohne sei der Einbruch bei den Organspenden gigantisch: Schon vor dem Skandal, im Jahr 2011, hatte es ein Minus von sieben Prozent gegeben, 2012 einen Rückgang von 12 Prozent, und 2013 dürften die ohnehin schon niedrigen Zahlen noch einmal um 14 Prozent sinken. „Aber wir haben den Tiefpunkt hinter uns“, so Hess. Auffällig auch: Es sind gar nicht so sehr die Angehörigen, die eine Organentnahme bei ihren hirntoten Verwandten ablehnen. Wesentlich melden Ärzte offenbar weniger Hirntote an die DSO.

Durch die Manipulationen ist noch etwas deutlich geworden: die Mängel des bisherigen Systems. Die manipulierenden Ärzte haben sich auch darum über die Verteilungsregeln hinweggesetzt, weil sie sie für falsch halten. Nach dem gültigen System bekommen vor allem jene Patienten eine Spenderleber, die sie am dringendsten benötigen. Diese Patienten sind aber meist schon so krank, dass sie die schwere Operation oft nicht gut überstehen und mit dem neuen Organ bald sterben.

So hat der Skandal zu intensiven Diskussionen über die Verteilung von Organen angeregt. Was ist gerecht? Und was ist sinnvoll? Als gerecht empfinden viele Menschen die Verteilung von Spendernieren, bei der Wartezeit eine wesentliche Rolle spielt. Über den Sinn der Wartezeit müsse aber neu nachgedacht werden, regte DTG-Präsident Björn Nashan vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf an.

Mit jedem Jahr verschlechtert sich der Gesundheitszustand der Patienten drastisch, Folgekrankheiten etwa an Gefäßen entstehen, die Überlebenschancen nach einer Nierenspende sinken. Da Spenderorgane vor allem Lebenszeit und Lebensqualität schenken sollen, müssten Nierenkranke möglichst schnell ein Organ bekommen.

Viel diskutiert wurde bereits über die Regel, dass Alkoholkranke sechs Monate trocken sein müssen, bevor sie Anrecht auf eine Spenderleber haben. An vielen Zentren haben Ärzte gegen diese Regel verstoßen, die der Jurist Gerhard Dannecker von der Universität Heidelberg sogar für rechtswidrig hält.

Die Ständige Kommission Organtransplantation (Stäko) hat die Sechs-Monats-Karenz deshalb auf den Prüfstand gestellt – und möchte sie erhalten. „Die Chance, dass Alkoholiker nach dieser Zeit gar keine Spenderleber mehr brauchen, ist groß“, sagt die Psychosomatikerin Gertrud Greif-Higer von der Universitätsklinik Mainz. Lebern regenerieren sich ausgesprochen gut.

Eine längere Wartezeit würde auch dem Erfolg der Transplantation dienen. Oft nehmen alkoholabhängige Menschen nach der Transplantation jene Medikamente nicht regelmäßig, die die Abstoßung des Spenderorgans verhindern. Der neue Entwurf der Stäko sieht deshalb sogar eine Verschärfung der Karenz-Regel vor: Künftig sollen nicht mehr nur Psychologen überprüfen, ob ein Patient trocken ist – biochemische Tests sollen dies belegen.

„Aber was ist mit den Patienten, die gar keine Chance haben, diese sechs Monate zu überleben?“, fragte der Internist Andreas Umgelter vom Münchner Klinikum rechts der Isar: „Sollen wir die sterben lassen?“ – „Ja, mit kaltem Herzen“, lautete die Antwort von Greif-Higer. „Es gibt nun einmal Erkrankungen, die führen zum Tode. Die Alkoholabhängigkeit ist so eine. Wenn die zugrunde liegende Suchterkrankung nicht behandelbar ist, dann können wir angesichts des Organmangels nicht transplantieren“, sagte sie während der Ethiksitzung, die so gut besucht war wie noch nie bei einer DTG-Tagung.

Die Ethiker hatten immer einen schweren Stand in der DTG. Jetzt ist das Interesse offenbar gewachsen. Die DTG-Mitglieder verabschiedeten sogar einen neuen Ethikkodex, mit nur einer Gegenstimme. Nun hoffen Greif-Higer und der Bochumer Chirurgieprofessor Richard Viebahn als Vorsitzende der Ethikkommission, dass der Kodex die Mediziner auch wirklich erreicht.

Quelle: Ringen mit den Folgen desTransplantationsskandals – Gesundheit – Süddeutsche.de

Großer Mangel an Spenderorganen

Nach dem Transplantationsskandal geht die Zahl der Organspender in Deutschland stark zurück. Mediziner fordern eine breite öffentliche Diskussion. Notwendig sei außerdem eine hohe Transparenz.

In der Klinik wird einem Spender eine Niere entnommen, die für eine Transplantation vorgesehen ist (Symbolfoto) Foto: dpa

Ein selbst gebrautes Bier, ausgeschenkt in einer Holzkelle, wurde ihm zum Verhängnis, vermutet Dennis Phillips. Anfang der 80er Jahre passierte das, der junge amerikanische Journalist war damals beruflich in Tibet unterwegs. Wahrscheinlich hat er sich dort mit Hepatitis infiziert. Lange bliebt seine Krankheit unbemerkt. Ständig müde habe er sich gefühlt, erzählt der heute in Deutschland lebende Journalist. Später schwoll seine Bauchhöhle an, die Folge seiner geschädigten Leber, denn um diese zu entlasten, schwemmt der Körper Wasser aus dem Blut dorthin.

Im Laufe der Jahre ging es Phillips immer schlechter, bis zum Tiefpunkt 2006. „Meine Hausärztin sagte mir, ich solle ins Hospiz gehen.“ Doch es kam anders: Der Journalist hatte großes Glück und bekam 2007 an der Universitätsklinik in Mainz eine Leber transplantiert, nur sieben Monate musste er darauf warten: „Mein zweites Leben.“ Heute arbeitet er für eine Selbsthilfegruppe, es gehe ihm gut, sagt er, nur Tabletten, die eine Abstoßung der neuen Leber unterdrücken, müsse er eben lebenslang schlucken.

Die Begegnung mit Dennis Phillips belegt so anschaulich wie berührend den Segen, den Organspenden kranken Menschen bringen können. Doch viele von ihnen haben nicht so viel Glück wie Dennis Phillips und sterben im schlimmsten Fall. „Der Organmangel in Deutschland ist groß“, sagt Professor Ingeborg Hauser, Nephrologin (Nierenärztin) an der Universitätsklinik Frankfurt. Die Spenderzahlen seien „auf einem guten Weg“ gewesen, dann aber „dramatisch“ zurückgegangen, ergänzt ihr Kollege Frank Ulrich von der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am gleichen Haus. Wegen des Organmangels liegt die Wartezeit etwa für Nierentransplantationen – wo die Nachfrage am höchsten ist – derzeit bei mehr als fünf Jahren.
Verloren gegangenes Vertrauen wieder gewinnen

Hintergrund dieser Entwicklung dürfte der Transplantationsskandal an der Uniklinik Göttingen sein. Deren ehemaliger Leberchirurg steht zur Zeit als Hauptbeschuldigter wegen versuchten Totschlags und fahrlässiger Körperverletzung mit Todesfolge vor Gericht, weil er Daten manipuliert und sich so zu Ungunsten anderer Patienten unrechtmäßig Spenderorgane für seine Klinik gesichert haben soll.

Die schlechten Spenderzahlen und ethische Fragen waren ein wichtiges Thema bei der Jahrestagung der Deutschen Transplantationsgesellschaft mit rund 600 Teilnehmern vergangene Woche in Frankfurt. Weitere Schwerpunkte bildeten neue Medikamente zur Unterdrückung der körpereigenen Abwehr, aber auch der Umgang mit Spenderorganen älterer oder auch nicht mehr ganz gesunder Menschen. „Verloren gegangenes Vertrauen in die Organspende muss wieder gewonnen werden“, sagt der Frankfurter Professor Wolf Bechstein, scheidender Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft.

Insbesondere zum Thema „Verteilungsgerechtigkeit“ müsse es eine „breite öffentliche Diskussion“ geben, „die weit über den üblichen Tellerrand eines medizinisch-wissenschaftlichen Kongresses hinausgeht“: „Ärzte können sie nicht alleine führen.“ Problematisch findet der Frankfurter Mediziner in diesem Zusammenhang schon allein die Definition des Begriffs „Gerechtigkeit“: „Heißt das, jeder Patient soll die gleichen Chancen haben?“. Bei der Vergabe stünden die beiden Kriterien „Dringlichkeit“ und „Erfolgsaussichten“ miteinander in Konflikt. Eine klare Regel gibt es bei Kindern: Sie werden grundsätzlich bevorzugt behandelt. Notwendig, so Bechstein, sei zudem eine hohe Transparenz.

Als möglichen Ausweg aus dem „dramatischen Organmangel“ in Deutschland sehen Mediziner zunehmend Lebendspenden von Nieren und Leber an, erklärt Frank Ulrich. Denn Menschen können mit einer Niere weiterleben, und auch von der Leber können Teile gespendet werden, da dieses Organ in der Lage ist, sich zu regenerieren. Beide Operationen können häufig in minimal invasiver Schlüssellochtechnik vorgenommen werden, so dass die Belastung durch den Eingriff möglichst gering ausfällt.
Lebendspende kann unangenehme Folgen haben

Allerdings kann die Lebendspende einer Niere für den Spender hinterher auch unangenehme Folgen haben. Sie werden jetzt in einer neuen Studie untersucht, wie Professor Bechstein sagt. So sollen psychische Probleme bis hin zum Auftreten des mit quälender, chronischer Erschöpfung verbundenen Fatique-Syndroms beobachtet worden sein.

Mit weniger Problemen, als Laien vermuten könnten, ist hingegen das Transplantieren von Organen älterer Menschen verbunden. In Deutschland steigt das Spenderalter stetig an, und es ist durchaus Usus, Organe von über 60-Jährigen zu verpflanzen, erklärt Professor Ulrich: „Auch damit sind gute Ergebnisse zu erzielen.“ Tatsächlich kann die Leber eines über 80-Jährigen, der gesund gelebt hat, leistungsfähiger sein als die eines jungen Menschen, der zu fett gegessen und zu viel Alkohol getrunken hat.

Generell sind die Erfolgsaussichten, das Einsetzen eines fremden Organs möglichst lange zu überleben, in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Bei der Lebertransplantation zum Beispiel liegt die Fünf-Jahres-Überlebensrate mittlerweile bei mehr als 80 Prozent. Das hat auch mit den modernen Medikamenten zur Immunsuppression – sie sollen eine Abstoßung verhindern – zu tun. Neue Biologica sollen zudem helfen, die „Nephrotoxizität“ zu verringern, das heißt, Nierenschäden zu vermeiden.

Ein Mittel, das Toleranz gegenüber einem transplantierten Organ erzeugt, wird es allerdings auf längere Sicht nicht geben, sagt Ingeborg Hauser. Was bedeutet: Patienten müssen dauerhaft Medikamente nehmen, die eine Abwehrreaktion verhindern. Für jemand wie Dennis Phillips ist das allerdings ein geringer Preis.

AUTORIN: Pamela Dörhöfer

Quelle: Organspende Spenderorgan: Großer Mangel an Spenderorganen | Wissen – Frankfurter Rundschau

Organtransplantationen: Kommission entlastet Regensburg

An vier Lebertransplantationszentren wurden systematische Verstöße gegen die Richtlinien festgestellt.
(Foto: Getty Images)

In vier deutschen Lebertransplantationszentren wurde in den Jahren 2010 und 2011 gegen die Richtlinien verstoßen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Prüfkommission der Bundesärztekammer – die Regensburger Uniklinik ist wider Erwarten nicht darunter.

Von Christina Berndt

Und was ist mit Regensburg? Diese Frage stellten sich viele Beobachter des Organspendeskandals, die bei der Bundesärztekammer angesiedelte Prüfungs- und Überwachungskommission (PÜK) Anfang September ihre Ergebnisse zu allen 24 deutschen Lebertransplantationszentren vorstellte. An vier Zentren hatte die PÜK systematische Verstöße gegen die Richtlinien festgestellt – in Göttingen, München rechts der Isar, Leipzig und Münster.

Regensburg aber war nicht darunter; es erwies sich in den von der PÜK untersuchten Jahren 2010 und 2011 als sauber, obwohl es an dem Klinikum zwischen 2003 und 2006 die stattliche Zahl von 43 Unstimmigkeiten bei Lebertransplantationen gegeben hatte. Zu dieser Zeit war der jetzt in Göttingen wegen Manipulationen der Warteliste angeklagte Chirurg Doktor O. in Regensburg tätig.

Die Frage, was in der Zeit dazwischen in Regensburg geschehen war, hat die PÜK nun beantwortet – zu Gunsten der oberpfälzischen Universitätsklinik. „In den vergangenen fünf Jahren hat es keine wesentlichen Vorkommnisse in Regensburg mehr gegeben“, sagt Ruth Rissing-van Saan, eine der Prüferinnen und ehemalige Richterin am Bundesgerichtshof. „Dort deutet in diesem Zeitraum nichts auf systematische Manipulationen hin, um Patienten zu bevorzugen.“ Systematisch definiert die PÜK als „gezielt, geplant und kontinuierlich eingesetzt“, denn einzelne Verstöße gegen Richtlinien, „die offenbar im Eifer des Gefechts geschehen sind“, wie Rissing-van Saan sagt, gab es an fast allen Zentren.

So fanden die Prüfer in Regensburg wenige Fälle, in denen die Ärzte ihre krebskranken Patienten noch als transplantabel einschätzten, obwohl deren Tumoren nach den Richtlinien schon zu groß waren. In weiteren wenigen Fällen waren alkoholkranke Patienten nicht die erforderlichen sechs Monate trocken gewesen, als sie eine Spenderleber bekamen. Kein einziges Mal wurde dagegen fälschlicherweise eine Dialyse angegeben, was anderswo ein gängiges Mittel war, um Patienten kränker erscheinen zu lassen.

Genauere Angaben will die PÜK derzeit nicht machen, weil das Verfahren nicht abgeschlossen ist; so muss das Regensburger Zentrum noch vor der Veröffentlichung des Berichts gehört werden. Mit der guten Nachricht wollten die Prüfer trotzdem nicht hinterm Berg halten: „Es ist wichtig, einem Transplantationszentrum, das so in Verruf geraten ist, zu attestieren, dass es gegenwärtig gut arbeitet“, sagt Rissing-van Saan.

Ausgesprochen sorgfältig ist der PÜK zufolge in Regensburg auch die Dokumentation der alkoholbedingten Transplantationen gewesen. „In kaum einer anderen Klinik hat es so viele psychiatrische Gutachten zur Überprüfung der Alkoholabstinenz gegeben wie in Regensburg“, sagt Rissing-van Saan. In den wenigen Fällen, in denen eine Transplantation vor Erreichen der Sechs-Monats-Karenz erfolgt sei, hätten die Ärzte keineswegs fahrlässig gehandelt: „Die medizinischen Daten, das psychiatrische Konzil und die Angaben der Patienten sprachen dafür, dass sie mindestens die geforderten sechs Monate trocken waren.“

Diese Ergebnisse könnte das Klinikum Regensburg womöglich auch hinsichtlich einer Publikation entlasten, die in Fachkreisen für Empörung gesorgt hatte: Regensburger Ärzte hatten im Jahr 2011 in der Fachzeitschrift „Scandinavian Journal of Gastroenterology“ Ergebnisse von Lebertransplantationen bei alkoholkranken Patienten publiziert, die zuvor nur kurze Zeit abstinent gelebt hatten. Man habe nicht mit Vorsatz nach kürzerer Karenz transplantiert, hatten die Ärzte diese Publikation erklärt. Vielmehr hätten die Patienten die Ärzte über ihren Alkoholkonsum hinweggetäuscht. Erst nach der Transplantationen hätten sie ehrlich zugegeben, dass sie erst kurze Zeit trocken gewesen waren.

Die Ergebnisse sind auch für die Rehabilitation des Regensburger Chirurgie-Chefs Hans Schlitt von Bedeutung. Schlitt war scharf für die Vorgänge in seiner Klinik kritisiert und im Jahr 2012 auch für einige Monate beurlaubt worden. Zu dem positiven Prüfbericht äußerte er sich nicht. Das Uniklinikum teilte mit, man nehme diesen „erfreut zur Kenntnis“.

Was bleibt, ist die stattliche Reihe von Richtlinienverstößen in den Jahren 2003 bis 2006. Berüchtigt ist auch ein Vorfall aus dem Jahr 2005, der als „Leber von Amman“ in die Annalen der deutschen Transplantationsmedizin einging. Damals hatten Regensburger Ärzte gegenüber der Organvermittlungsstelle Eurotransplant angegeben, eine jordanische Patientin liege krank in Regensburg und brauche dringend eine Spenderleber, die ihr auch zugeteilt wurde. Doch in Wirklichkeit lag die Frau in einer Privatklinik in Jordaniens Hauptstadt Amman, wo der in Göttingen angeklagte Doktor O. ihr die Spenderleber transplantierte, die einem europäischen Patienten zugestanden hätte. Schlitt sagte der SZ einmal, sein damaliger Mitarbeiter O. habe ihn über den Verbleib der Leber getäuscht.

Auch wenn Schlitt die Vorkommnisse aus früheren Zeiten nicht ungeschehen machen kann, so kann er nun zumindest belegen, dass unter seiner Führung in den vergangenen Jahren in Regensburg alles mit rechten Dingen zuging.

Quelle: Organtransplantationen: Kommission entlastet Regensburg – Gesundheit – Süddeutsche.de